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„Die Regierung erlässt ein Verkaufsverbot für Alkohol“ - Maßnahmen gegen Corona in Mexiko

Für das zweite Interview der Online-Reihe „Über den Tellerrand – die Corona-Krise weltweit“ hat die iz3w mit Fabienne B. über die Situation in Chiapas im Südosten Mexikos gesprochen. Sie lebt seit einem Jahr in San Cristóbal de las Casas und betreibt dort mit ihrem mexikanischen Partner eine Schreinerei.

 

iz3w: Wie ist die aktuelle Situation in Chiapas?

Fabienne B.: Ich lebe in San Cristóbal de las Casas. Vor einigen Tagen gab es hier offiziell sieben Covid-19-Infizierte, in ganz Chiapas 45. Insgesamt seien 3 Personen daran gerstorben. Leider ist zu erwarten, dass die Zahlen stark ansteigen, denn San Cristóbal ist nicht nur eines der beliebtesten Reiseziele Mexikos. Die Bergstadt ist durch ihre Nähe zu Guatemala auch eine Durchlaufstation von Migrant*innen. Zusätzlich kehren tausende Arbeitslose von der Karibikküste zu ihren Familien zurück. Bus- und Flugverkehr laufen in Mexiko weiter. Viele Restaurants hatten zunächst freiwillig geschlossen, da viele unzufrieden mit der laissez-faire-Haltung der Regierung waren.

Mittlerweile wurde der Gastronomie- und Tourismusbereich stark eingeschränkt, Schulen und Parks geschlossen. Im Zentrum sind sichtbar weniger Personen auf den Straßen, nachdem von Lautsprecheranlagen auf Autos die Empfehlung verkündet wurde, sich in Selbstisolation zu begeben. Außerhalb der Innenstadt scheint der Handel jedoch weiterzugehen. Das ist auch nicht verwunderlich, da sich vor allem dort die überwiegende Mehrheit der Menschen befindet, die es sich nicht leisten können ihrer Arbeit nicht nachzugehen. Eine Ausgangssperre gibt es momentan nirgendwo in Mexiko, die Regierung möchte antiautoritär bleiben. Es ist auch angesichts der sozialen Probleme im Land kaum vorstellbar. Ein Lichtblick ist, dass Präsident Andrés Manuel López Obrador seit Januar 2020 den freien Zugang zum Gesundheitssystem ermöglicht hat. Dennoch fehlt es besonders dem Gesundheitssystem in Chiapas an vielem, es gibt Proteste von medizinischem Personal, weil keine adäquate Schutzausrüstung und Krankenbetten vorhanden sind. Kaum eine Region in Mexiko ist so unterversorgt, dazu brauchte es keinen Coronavirus.

 

Was hältst du von der politischen Antwort auf die Coronakrise?

Mexiko hat zu langsam reagiert, da erst nur wenige Fälle bekannt waren. Das lag vor allem an den nicht vorhandenen beziehungsweise viel zu teuren Tests. Mittlerweile handelt die Regierung. Sie setzt den Fokus ihrer Politik aber immer noch auf die Bekämpfung der Korruption. Das Geld, das dadurch nicht mehr veruntreut wird, soll dann in die Covid-19-Maßnahmen investiert werden.

López Obrador will Kredite aus den USA unbedingt vermeiden, genauso wie die Subventionierung von Großunternehmen – das ist eine gute Maßnahme. Allerdings weiß bisher niemand, wie die 40 Prozent der Bevölkerung, die in Armut leben und die vielen jetzt neu hinzu kommenden Arbeitslosen ausreichend versorgt werden sollen.

Man spürt die Wut und Angst hier noch nicht auf der Straße. Aber in hochgeladenen Videos in Facebook-Gruppen zeigt sich deutlich, dass viele von einem sozialistischen Präsidenten mehr erwarten. Dass immer noch nicht genug getan wird, ist in einem Land wie Mexiko brandgefährlich. Bereits jetzt haben Drogenkartelle in Nordmexiko reagiert und verteilen kostenlose Essenspakete an die Bevölkerung. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, wenn sich Kartelle, die sonst für ihre rigorose Brutalität bekannt sind, als humanitäre Gönner und Retter in Not aufspielen können, wird ein anderer sein.

Die Regierung hingegen erlässt ein zweimonatiges nationales Verkaufsverbot für Alkohol, welches mit hohen Geldstrafen sanktioniert wird. Eine Maßnahme, die zeigt, wie einfach es für einen Staat ist, in das Leben seiner Bürger*innen ohne einen tatsächlichen Zusammenhang mit Ursachenbekämpfung einzugreifen – man muss für diese Einschätzung kein Alkoholfreund sein. Das unterstellt den Mexikaner*innen, nicht fähig zu sein, verantwortungsvolle Entscheidungen für sich und ihre Familien zu treffen. Gleichzeitig könnte es bewirken, dass häusliche Gewalt gemildert wird, wenn Täter nicht zur Flasche greifen können. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist in Mexiko ein weit verbreitetes Phänomen, hierzu wird nun landesweit eine Notfallnummer ausgeteilt. Inwiefern diese, als auch ein trockener Entzug von Tätern, tatsächlich schützt, wird leider abzuwarten sein.


Macht dir in dieser Situation auch etwas Hoffnung?

Hoffnung, dass sich in der Krise etwas zum Positiven verändert, kommt dabei nicht auf, nein. Je verzweifelter die Menschen werden, desto mehr werden Stimmen gegen ihren Präsidenten, und damit auch gegen den von ihm vertretenen Sozialismus laut. Das macht mir Angst, denn López Obrador ist trotz berechtigter Kritik die beste Option für dieses Land. Zudem scheint in Vergessenheit zu geraten, dass er erst seit Dezember 2018 im Amt ist und Mexiko mit seinen rund 126 Millionen Einwohnern und seiner Historie an korrupten Vorgängern wie Enrique Peña Nieto sehr viele politische Baustellen aufweist.

Aktuelle Hilfsangebote aus der Nachbarschaft sind oft mit der Kirche verbunden, es wird Geld im Namen Gottes gesammelt, um Tafeln einzurichten. Was den Glauben an Covid-19 angeht, da ist die Stimmung der überwiegend katholischen Vertreter*innen gemischt. Die Absage der Semana Santa (heilige Woche) wurde hauptsächlich akzeptiert, das ist in Mexiko ein großer Schritt. Dennoch wurden unter anderem an Orten wie San Juan Chamula nahe San Cristóbal, Gottesdienste mit hunderten Besucher*innen gefeiert.

Hoffnung aus säkularer Perspektive gibt es dank eines feministischen Gruppenzusammenschluss in der Stadt: Sie sammeln Essen und Geld und geben es direkt an Bedürftige weiter. Ebenso gibt es Aktionen von Einzelpersonen, aber auch in einer selbsternannten Expat Facebookgruppe erkundigen sich viele nach Möglichkeiten, um die Versorgung der Mitmenschen am Laufen zu halten und bieten Einkaufshilfen für Risikogruppen an.

 

Wie hat die Coronakrise dein Leben persönlich verändert?

Die Krise hat mein Privileg zu reisen und mich frei zu bewegen eingeschränkt, ebenso ist ein Verdienst in nächster Zukunft nicht möglich, da wir hauptsächlich Produkte für den Gastrobereich hergestellt haben. Ich verringere deutlich meine Sozialkontakte, Berührungen und Einkäufe. Nebst der Verantwortung für meine Gesundheit und die meiner Mitmenschen hält mich auch die latente Angst zu Hause, auf der Straße als ignorante Touristin angesehen zu werden, auch wenn so etwas bisher nicht konkret vorgekommen ist. Aber es fühlt sich jetzt anders an und ich kann die Wut verstehen. Diejenigen, die unter der Krise am meisten leiden werden, sind noch nie in ihrem Leben verreist, geschweige denn, dass sie sich ein paar freie Tage leisten könnten.

Für mich persönlich hoffe ich nur, dass meine Familie gesund bleibt und die Flugverbote nicht allzu lange anhalten werden. Ich habe mich gegen einen Rückholflug nach Deutschland entschieden, um meinen Partner und meine Hündin nicht zurücklassen zu müssen. Aber auch weil mir schon angesichts der Regierungs-E-Mail nicht wohl dabei war mit "Liebe Landsleute" angesprochen zu werden. Ich hoffe, ich werde die Entscheidung nicht bereuen.

 

Das Interview führte Larissa Schober (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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südnordfunk zu Corona

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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung