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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? Heimquarantäne ohne Ende - Ein Interview zur Corona-Krise in den Philippinen

Heimquarantäne ohne Ende - Ein Interview zur Corona-Krise in den Philippinen

Im fünften Interview der Online-Reihe „Über den Tellerrand – die Corona-Krise weltweit“ haben wir Mitte Mai mit Nadine Meier (19 Jahre) über die Situation in den Philippinen gesprochen. Sie ist in der Schweiz als Tochter einer philippinischen Mutter und einem schweizerischen Vater aufgewachsen. Sie befindet sich gerade in der Provinz Iloilo, auf der Heimatinsel ihrer Mutter, im Lockdown.

iz3w: Wie ist die Lage in den Philippinen?

Nadine Meier: Die meisten positiv getesteten Fälle finden sich in der Hauptstadt Manila. Zurzeit gibt es in den Philippinen eine von der Regierung verordnete „Heimquarantäne“. Das heißt, dass man seine Wohnung nur unter triftigen Gründen verlassen darf, um einzukaufen oder zur Arbeit zu gehen, wenn diese systemrelevant ist. Je nach Anzahl der Covid-19 positiv Getesteten sind die Regelungen unterschiedlich strikt. Menschen unter 21 Jahren oder Senioren dürfen aber auch nach Lockerung der Heimquarantäne nicht rausgehen bis die Krise „vorbei“ ist. Wie lange, ist noch immer unklar. Die Dauer der Heimquarantäne ist wie der Rest der Regelungen von Region zu Region unterschiedlich.

Manila ist im kompletten Lockdown. Es gibt bis auf wenige Ausnahmen immer noch keinen Flug- und Schiffsverkehr in die Hauptstadt. Dort sind die Regelungen aufgrund der höchsten Fallzahlen am strengsten. Doch auch in Iloilo, wo ich mich derzeit aufhalte, sind die Regelungen streng, obwohl es als „low-risk area“ gilt und es nur sehr wenige bestätigte Fälle gibt. Die Provinz steht unter sogenannter „enhanced community quarantine“, einer erweiterten Gemeinschaftsquarantäne. Als Unter-21-Jährige habe ich das Haus seit dem 20. März bis Ende Mai (Stand: 25.05.20, d.R.) nicht verlassen. Wir dürfen überhaupt nicht raus, weder zum Spazierengehen noch zum Einkaufen. Es ist nicht klar, wie lange wir noch drinnen bleiben müssen. Verwandte bringen uns Essen oder wir bestellen bei einem Lieferdienst. Kontrolliert wird die Einhaltung der Quarantäne durch Polizei und Militär an neu errichteten Checkpoints.

 

Welchen Einfluss hat die Krise auf die wirtschaftliche Lage?

Viele Menschen können während der Quarantäne nicht arbeiten, da sie beispielsweise in Cafés arbeiten. Andere Berufsgruppen haben eher mehr Arbeit. Zum Beispiel die Securityguards und Menschen, die an Checkpoints arbeiten haben jetzt viel zu tun. Auch diejenigen, die in Banken, Supermärkten oder Streetfoodständen arbeiten haben noch Arbeit. Es gibt mehr Menschen, die Pakete oder Essen ausliefern. Vor allem mit dem Tricycle (einem Fahrrad oder Motorrad mit Anhänger). Auch im Gesundheitsbereich wird natürlich auf Hochtouren weitergearbeitet. Zudem gibt es viele Sozialarbeiter*innen, auf die jetzt gezählt wird. Sie sollen ärmere Familien unterstützen.

 

Was hältst du von der politischen Antwort auf die Krise?

Ich finde es gut, dass die Regierung „früh“ entschieden hat die Heimquarantäne einzuführen. Sie haben diese schon nach „wenigen“ Fällen eingeführt. Was ich aber mitbekommen habe ist, dass die Heimquarantäne immer sehr spontan verlängert wird, meist eine Woche bevor sie aufgelöst werden soll. Ich bin mir nicht sicher, ob das so sinnvoll ist und es nicht vielleicht besser wäre, eine längere Zeit vorzuschreiben statt nur zehn Tage mehr. So weiß man nicht, wie lange man wirklich noch daheim bleiben muss.

 

Macht dir in der Krise auch etwas Hoffnung?

Mir macht es Hoffnung, dass mehr Menschen zuhause bleiben und nicht so viele Flugzeuge herumfliegen. Mir macht es aber vor allem Hoffnung, dass sie hier in den Philippinen ziemlich streng sind im Gegensatz zu beispielsweise der Schweiz. Es gibt viele Checkpoints und daher wird auch viel kontrolliert und sie sind extra vorsichtig.

 

Verändert die Corona-Krise etwas in deinem Leben oder in deiner Weltanschauung?

Mir ist klar geworden, dass niemand vor Dingen wie solch einer Krankheit geschützt ist. Es wird immer Dinge im Leben geben, die über dem Menschen stehen. Die Menschen können ihr Bestes versuchen und gegen etwas ankämpfen, aber sie können auch in der heutigen Zeit nicht alles erreichen, was sie wollen. Die Menschen haben Grenzen, was vielen vielleicht nicht so bewusst ist.

 

Das Gespräch führte Clara Koller (iz3w).

378 | UNO am Ende?
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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung