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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 378 | UNO am Ende? „Wir müssen einen QR-Code einscannen, um Supermärkte oder Parks zu betreten“

„Wir müssen einen QR-Code einscannen, um Supermärkte oder Parks zu betreten“

Im sechsten Interview der Online-Reihe „Über den Tellerrand – die Corona-Krise weltweit“ haben wir Mitte Mai mit Catherine Zaccaria über die Situation in Singapur gesprochen. Sie kommt aus der Schweiz und lebt seit 10 Jahren mit ihrer Familie in Singapur, wo sie unter anderem für das französischsprachige Onlinemagazin Le Petit Journal schreibt.

iz3w: Wie ist die aktuelle Situation in Singapur?

Catherine Zaccaria: Sehr schnell hat die Regierung ein System via Whatsapp entwickelt, um die Bevölkerung jeden Tag zu informieren. Wir bekommen ein bis vier Nachrichten pro Tag über die Entwicklung der Lage und die Entscheidungen, die getroffen werden. Wenn die Regierung hier etwas beschließt, tritt es sofort in Kraft.

Der erste Covid-19-Fall wurde am 23. Januar bekannt. Im Februar gab es zwischen einem und zehn neue Infizierte pro Tag. Oft waren es Menschen, die aus China, Japan oder Südkorea zurückkamen. Mitte März hat Europa die Schulen und Universitäten geschlossen. Circa 200.000 Singapurer*innen studieren in Großbritannien, den Vereinigten Staaten oder Australien und viele von ihnen sind zurück nach Singapur geflohen. Mein Sohn zum Beispiel studiert in der Schweiz und ist nach Singapur zurückgekommen, nachdem seine Uni geschlossen wurde. Dies hat zu einer kleinen Welle von neuen Fällen geführt.

Am 24. März gab es die ersten beiden Todesopfer. Es war in gewisser Weise eine Erleichterung zu sehen, dass die Regierung darüber informiert und die Todesfälle nicht verschweigt. Am 31. März hatten wir nur 926 Fälle und drei Tote in Singapur, was für eine Bevölkerung von 5,5 Millionen Menschen nicht so viel ist. Bis jetzt (am 14.5) hat es 22 Tote gegeben. Die Maßnahmen greifen. Ich wohne hier seit zehn Jahren und kenne niemanden direkt oder indirekt, der krank gewesen ist. Aber in der Schweiz oder in Frankreich habe ich Freunde, die krank waren.

 

Was ist die „zweite Welle“, von der in den westlichen Medien gesprochen wird?

Seit Anfang April gibt es mehr Neuinfektionen, aber fast ausschließlich von „Workers“. Damit sind migrantische Arbeiter*innen aus Indien und Bangladesch gemeint, die in Singapur arbeiten. Sie wohnen zu zehnt oder zwanzigst in Gemeinschaftsräumen unter sehr schlechten Bedingungen. Da sie jung und fit sind, gab es unter ihnen sehr viele asymptomatische Fälle. Am 15. April allein wurden 447 Fälle gemeldet – darunter 409 „Workers“. Jetzt werden die circa 300.000 „Workers“ in Singapur systematisch getestet – 8.000 pro Tag, was auch die Steigerung der Infektionszahlen erklärt. Das ist, was westliche Medien „zweite Welle“ nennen. Aber eigentlich gab es keine Erste, da wirksame Maßnahmen früh ergriffen wurden.

 

Welche Maßnahmen wurden sonst ergriffen?

Sehr schnell wurden Maßnahmen ergriffen, um die Infizierten zu isolieren, so dass es sehr wenige Ansteckungen innerhalb von Singapur gegeben hat. Die Regierung hat die sogenannte „Stay Home Notice“ eingeführt: Menschen, die aus bestimmten Ländern zurückkommen, müssen für 14 Tage in Quarantäne bleiben. Jederzeit können Beamte vorbeikommen oder einfordern, dass die Person ihre Handykamera einschaltet, um zu überprüfen, dass sie Zuhause bleibt. Sollte die „Stay Home Notice“ nicht eingehalten werden, droht eine hohe Strafe: 10.000 Singapur-Dollar und/oder sechs Monate Gefängnis. Für Menschen ohne Staatsangehörigkeit kann zudem das Arbeits- oder Aufenthaltsvisum sofort zurückgenommen werden und sie müssen innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen.

Anfang April haben die Behörden Masken verteilt und seitdem gibt es eine allgemeine Maskenpflicht, von der nur sportliche Aktivitäten ausgenommen sind. Mitte März hat die Regierung auch die Handy-App TraceTogether gestartet. Mit ihr kann man darüber informiert werden, wenn man in den letzten Tagen in Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Ich habe darüber mit einer Freundin gesprochen, die so wie ich die App heruntergeladen hatte. Wir haben uns gefragt: Was passiert, wenn wir in Kontakt mit einer infizierten Person kommen? Müssten wir dann für 14 Tage in Quarantäne? Wir wissen es nicht und haben die App wieder deaktiviert.

Seit einiger Zeit müssen wir einen QR-Code einscannen, um Orte wie Supermärkte oder manche Parks betreten zu dürfen. Alle machen mit. Wenn man kein Smartphone hat, scannt man dann eine Karte mit einer Identifikationsnummer ein. Die Karte wird in Singapur allen Einwohner*innen zugewiesen. Seit Anfang April patrouillieren auch 2.600 Beamt*innen als „Safe Distancing Ambassador“ durch die Straßen. Am Anfang haben sie erklärt, dass man den Sicherheitsabstand einhalten muss und nach ein paar Tagen zusätzlich bei Nicht-Einhaltung Strafen in Höhe von 300 Singapur-Dollar verteilt. Es wird auch mit Drohnen kontrolliert, insbesondere abends. Aber wir durften immer ohne Meldung nach draußen.

 

Wie geht es weiter?

Die Maskenpflicht gilt weiter. Seit dem 5. Mai sind Läden, etwa Praxen für traditionelle Chinesische Medizin, Frisöre oder Bubble Tea-Läden wieder geöffnet.

 

Das Interview führte Adèle Cailleteau (iz3w).

 

378 | UNO am Ende?
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südnordfunk zu Corona

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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung