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Für Frankreich gefallen

Kolonialsoldaten wie die »Tirailleurs sénégalais« (Senegalschützen) trugen unter großen Opfern zur Befreiung Frankreichs vom nationalsozialistischen Deutschland bei. Doch nach Kriegsende blieb ihnen die Anerkennung verweigert, etwa durch angemessene Pensionen. Stattdessen verübte Frankreich sogar ein Massaker an ihnen. Nur langsam denkt die französische Gesellschaft um.

von Adèle Cailleteau

Ein schwarzer Mann mit rotem Fes lächelt breit und dümmlich auf knallgelbem Hintergrund. In seiner Hand hält er einen Löffel mit dem beworbenen Kakaogetränk Banania. »Es gibt was Gutes« (y’a bon), sagt er über dieses »Familienfrühstück«. Der Schwarze soll einen Senegalschützen des Ersten Weltkriegs darstellen. Mit der populären Bebilderung reproduzierte und schuf Banania ab 1915 diskriminierende Vorstellungswelten rund um die schwarzen Soldaten aus den Kolonien in der französischen Armee.

Senegalschützen waren von 1857 bis 1964 Einheiten des Französischen Heeres, die aus den Ländern Französisch-Westafrikas kamen. Der Senegal ist dabei eigentlich nur eine von mehreren Kolonien. Sie nahmen etwa am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und an allen für Frankreich relevanten Kriegen des 20. Jahrhunderts teil.

Auch wenn Banania die rassistische Bilddarstellung der Senegalschützen kurz nach der Auflösung der Einheiten aufgab, ist sie in den Köpfen geblieben. Ebenso wie der Spruch »Es gibt was Gutes«, den der Legende nach einmal ein Senegalschütze in der für die Soldaten aus den Kolonien vereinfachten Sprache über das Kakaogetränk gesagt habe.

 

Nach dem Sieg ins Durchgangslager

Rassistisch in der Werbung dargestellt, von der Obrigkeit missachtet: Für den Schriftsteller der »Négritude« und ersten Präsidenten des Senegal, Léopold Sédar Senghor, wurden die Senegalschützen im Zweiten Weltkrieg schlechter als Söldner behandelt. Im einleitenden Gedicht seiner 1948 veröffentlichten Lyriksammlung »Hosties noires« spricht er sich für ihre Anerkennung aus:

Ihr, Senegalschützen, meine schwarzen Brüder mit warmen Händen unter Eis und Tod

Wer wird euch besingen können, wenn nicht eure Waffenbrüder, eure Blutsbrüder?

Ich lasse keine Minister sprechen, und keine Generäle, – nein! – ich lasse nicht zu, dass sich das Lob der Verachtung einschleicht und euch begräbt.

Ihr seid keine armen Leute mit leeren Taschen und ohne Ehre

Aber ich werde das Banania-Lächeln von jeder Wand in Frankreich wegreißen.

 

Senghor selbst sowie schätzungsweise 180.000 freiwillige und zum Kriegsdienst gezwungene schwarze Männer wurden 1939 vom kolonialen Regiment rekrutiert. Im Juni 1940 wurde Senghor von den Deutschen verhaftet und eingesperrt in einem französischen Gefängnis der Wehrmacht für Kriegsgefangene aus Schwarzafrika und dem Maghreb – »Frontstalag« genannt. Wegen der rassistischen Ideologie der Nazis und aus Angst vor tropischen Krankheiten waren auf dem Boden des besetzten Frankreich Kolonialsoldaten – des französischen Heeres – in Gefangenschaft. Ab 1944 flohen viele Senegalschützen, um sich den Maquis, den Partisanen des Widerstands anzuschließen. Senghor, der zuvor aus gesundheitlichen Gründen freikam, engagierte sich in der Widerstandsorganisation »Nationale Front«.

Am Ende des Kriegs wurden die Senegalschützen zügig demobilisiert. Im Oktober 1944 befahl ihnen General de Gaulle, die Fronten in den Vogesen und im Jura zu verlassen – die Truppen wurden somit »blanchiert«, also »weiß« gemacht. Einerseits befürchtete de Gaulle, dass der kommende Winter in den Bergen zu kalt würde für die Kolonialkämpfer. Anderseits wollte er sie durch die jungen französischen Streitkräfte mit dem Ziel ersetzen, diese noch bis Kriegsende durch den Kampf zu disziplinieren. Ohne jegliche Zeremonien oder Zeichen der Anerkennung wurden die Senegalschützen schnellstmöglich nach Afrika zurückgebracht. Sie landeten in Durchgangslagern, wo die Lebensbedingungen fast so schlecht wie in Kriegsgefängnissen waren.

»Kristallisierung« der Pensionen

Diese besondere Behandlung der schwarzafrikanischen Soldaten zog noch nach Kriegsende weitere Ungleichheiten nach sich. Die 1939 mobilisierten Offiziere und Rekruten aus Afrika erhielten nach der Befreiung keine Pension und stürzten ins Elend. Die Kriegsinvaliden bekamen aus administrativen Gründen kein Geld. Viele Senegalschützen wurden heimgeschickt, ohne von einer Ausmusterungskommission untersucht worden zu sein.

Im Zuge der Unabhängigkeitskämpfe in den Kolonien verschärfte sich die Situation: Die Pensionen, die die Kolonialkämpfer aus den subsaharischen Regionen und Nordafrika endlich bekamen, wurden in den 1960er Jahren eingefroren, im offiziellen Jargon »kristallisiert«. Während die Pensionen der französischen Soldaten laufend erhöht wurden, galt dies nicht für die Soldaten aus den ehemaligen Kolonien. Je nach Land wurden die Pensionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ‚kristallisiert‘, was zusätzlich innerhalb der Kolonialsoldaten Ungleichheit schuf.

In den 1990er Jahren begann ein juristischer Kampf gegen die ‚Kristallisierung‘. Ehemalige Kolonialkämpfer gingen vor Gericht. 2001 erließ der französische Staatsrat das Dekret »Diop«: Unterschiede in der Staatsangehörigkeit dürfen keine Unterschiede bei der Höhe von Pensionen begründen. Die Pensionen wurden nun zwar erhöht, die Kristallisierung jedoch nicht abgeschafft. Erst 2006, mit dem Erscheinen des Films »Indigènes« von Regisseur Rachid Bouchareb, veränderte sich etwas. Der Film folgt während des Zweiten Weltkriegs Soldaten aus Nordafrika, die so die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und des damaligen Präsidenten gewannen. Jacques Chirac hat sich durch das Schicksal der Kolonialkämpfer bewegen lassen, im Jahr 2007 die Dekristallisierung der Pensionen durchzusetzen. Da betrug die Pension eines Franzosen im Besitz einer Veteranenkarte circa 450 Euro, die eines Zentralafrikaners nur 170, die eines Maliers gerade einmal 80 Euro. Letztlich profitierten nur wenige Veteranen von der Dekristallisierung: Die Erhöhung wurde nicht automatisch durchgeführt und eine Informationskampagne für die Anspruchsberechtigten unterblieb.

Für Frankreich gekämpft zu haben, verhalf den Kolonialkämpfern auch nicht zur Möglichkeit, die französische Staatsangehörigkeit zu erlangen. Erst 2017 versprach Präsident François Hollande, dass alle Senegalschützen des Zweiten Weltkriegs sowie der Indochina- und Algerienkriege, die in Frankreich leben, auf Antrag eingebürgert werden können. Während einer medienwirksamen Zeremonie im Elysée-Palast wurde 28 ehemaligen Senegalschützen die Staatsangehörigkeit verliehen.

Präsident Emmanuel Macron rief 2019 dazu auf, Straßen im Gedenken an die Soldaten aus Afrika und den Antillen umzubenennen. Der Vorschlag wurde von Vereinsvorsitzenden und Intellektuellen unterstützt und lokal auch umgesetzt. Am 20. Januar 2020 ehrte der Bürgermeister der kleinen Stadt Bandol in Südfrankreich fünf dort gefallene afrikanische Kämpfer, indem er den »Place de la liberté« in »Place des libérateurs africains« umbenannte.

Der Massaker von Thiaroye

Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Bemühungen, nicht nur die Senegalschützen anzuerkennen, sondern auch ein von der französischen Armee verübtes Massaker aufzuarbeiten. Die offizielle Darstellung des sogenannten Thiaroye-Massakers lautete lange Zeit, dass circa 1.300 ehemalige gefangene Senegalschützen im November 1944 zurück nach der senegalesischen Hauptstadt Dakar gebracht wurden. Vor dem Verlassen Frankreichs hätten sie ihren Wehrsold erhalten, nach ihrer Ankunft im Senegal aber mehr verlangt. Am 1. Dezember wurde eine angebliche Meuterei im Lager von Thiaroye bei Dakar von der französischen Armee brutal niedergeschlagen. Es gab 35 Tote und 35 Verletzte.

Anlässlich eines Besuches in Thiaroye im Jahr 2014 ließ Präsident Hollande Archive öffnen und legte erstmals offiziell eine andere Version der Ereignisse dar: Ursprünglich sollten die Ereignisse gemäß den Berichten der französischen Offiziere wie eine bewaffnete Rebellion aussehen. Doch eigentlich versammelten sich die Senegalschützen – nachdem sie ihren Wehrsold einforderten – auf Veranlassung der Offiziere. Dann wurden sie von drei Panzerwägen aus erschossen. Hollande sprach von 70 Toten. Drei Tage nach dem Massaker gab das Kriegsministerium ein Rundschreiben voller Lügen heraus, in dem behauptet wurde, alle Soldaten hätten ihr Geld erhalten. Damit sollte das Vorenthalten der Solde vertuscht und das Massaker legitimiert werden.

Auch 75 Jahre nach Kriegsende sind diese Ereignisse nicht vollständig aufgearbeitet. Nach Recherchen der Historikerin Armelle Mabon handelt es sich bei Thiaroye sogar um ein Massaker größerer Ordnung: Zwischen 300 und 400 Soldaten wurden ermordet. Im Gegensatz zu früheren Darstellungen sind die ermordeten Soldaten nicht auf dem Friedhof von Thiaroye bestattet, sondern in von Beton überdeckten Massengräbern. Die Historikerin spricht von einer »Staatslüge« und versucht auf rechtlichem Weg, die Exhumierung der Leichen durchzusetzen. Von der französischen Regierung fordert sie, ein Wiederaufnahmeverfahren in die Wege zu leiten und die erschossenen Senegalschützen zu rehabilitieren.

 

Adèle Cailleteau ist Mitarbeiterin im iz3w.

HIER geht es zum Audiobeitrag zum Massaker von Thiaroye

378 | UNO am Ende?
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Aus der Magazinsendung vom
Juni 2020:

Der Südnordfunk vom Juni erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und an das Schicksal von Kolonialsoldaten, denen nach der Niederschlagung des Naziregimes jede Anerkennung und teilweise auch ihre Entlohnung verweigert wurde. Die Wanderausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" haben wir 2010 in Freiburg gezeigt. Seither ist sie um die Welt gewandert, zum Beispiel nach Gambia und Südafrika. Vom 1. Juli bis Oktober 2020 wird sie in der norddeutschen Gedenkstätte Lager Sandbostel gezeigt.

Die Beiträge im Juni:

 

 

SUEDNORDFUNK iz3w on air · Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg - eine Wanderausstellung