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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt „Jetzt fehlt es einfach an Allem!“ - Ein Interview mit José Horacio Wood über Corona in Chile

„Jetzt fehlt es einfach an Allem!“ - Ein Interview mit José Horacio Wood über Corona in Chile

Im siebten Teil unserer iz3w-Online-Reihe „Über den Tellerrand – die Corona-Krise weltweit“ veröffentlichen wir ein Interview zur Lage in Chile. Den Menschen in Lateinamerika steht der Höhepunkt der Ansteckungen mit dem Corona-Virus erst noch bevor. Am Beispiel von Chile wird deutlich, welche verheerenden Auswirkungen die Pandemie für die Menschen in den Armenvierteln, für die Demokratiebewegung und nicht zuletzt für die Kinderrechte hat. Darüber sprach Jürgen Schübelin (Kindernothilfe) mit José Horacio Wood von der chilenischen Kindernothilfeorganisation Fundación ANIDE.

Jürgen Schübelin: Die verzweifelten Hungerproteste aus Armenvierteln im Süden von Santiago haben es bis in die europäischen Abendnachrichten gebracht. Wie kam es zu dieser Zuspitzung der Corona-Krise?

José Horacio Wood: Die Corona-Pandemie hat wie ein Brandbeschleuniger all die Strukturprobleme, mit denen die chilenische Gesellschaft seit dem Ende des Pinochet-Regimes kämpft und die in der Endphase des vergangenen Jahres nie dagewesene Massenproteste auslösten, noch einmal massiv verstärkt. Die Virus-Infektion traf uns in einem kritischen Moment, in einer Situation des kompletten Vertrauensverlustes gegenüber der Regierung und ihren Institutionen. Und gerade zu Beginn dieser Krise gab es zahlreiche fatale Fehlentscheidungen. Da wurden die großen Einkaufszentren mit täglich zehntausenden Besucher*innen viel zu lange offen gehalten, um keine Umsatzeinbußen zu riskieren. Auf der anderen Seite mussten die Menschen dicht an dicht endlose Schlangen vor Supermärkten und Banken bilden. Anders als in Europa gab es keine massiven Kampagnen, um auf das Ansteckungsrisiko mit dem Virus und auf die Schutzmöglichkeiten hinzuweisen.

 

Welchen Eindruck machten die Maßnahmen?

Als Quarantäne-Verfügungen erlassen wurden, wirkten sie eher willkürlich und politisch motiviert, um die Menschen in den Stadtteilen, in denen es Ende 2019 die heftigsten Proteste gegen die Piñera-Regierung gegeben hatte, zu disziplinieren. Der Präsident und die zuständigen Minister verwickelten sich unablässig in Widersprüche. Eine klare Strategie, wie mit dieser Katastrophe umzugehen ist, war nicht zu erkennen. Deutlich wurde nur eines: Es ging und geht den Regierenden ausschließlich darum, die Interessen der Unternehmen im Land zu sichern. Dabei sind in den zurückliegenden beiden Wochen die Infektionszahlen geradezu explodiert, zuletzt mit weit über 5.000 neuen Fällen jeden Tag – vor allem in den armen Kommunen an der Peripherie von Santiago.

Und jetzt sind wir hier mitten im Winter mit den üblichen Erkältungs- und Grippewellen. Das wird in diesem Jahr eine schwere Zeit, die das öffentliche Gesundheitssystem sehr schnell an seine Grenzen bringt. Viele Expertinnen und Experten fürchten deshalb, dass Chile den Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht hat.

 

Wie geht es den Familien aus dem Umfeld der von ANIDE und Kindernothilfe geförderten Projekte in diesen Wochen?

Wie überall: Diejenigen mit den geringsten Einkommen tragen die schwerste Last! Die Armen verfügen über keine finanziellen Reserven, um die Quarantäne-Wochen durchzustehen. Bereits in der ersten Phase des Jahres – noch vor dem Ausbruch der ersten Infektionswelle – ist die Arbeitslosigkeit deutlich angestiegen. Die Leute schlitterten vielfach bereits hochverschuldet in diese Krise. Durch die Schließung der kleinen Geschäfte und Märkte sind dann zehntausende Jobs von einem Tag auf den anderen weggefallen.

Und auch diejenigen, die eigentlich zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie eine Festanstellung hatten, sind nicht sehr viel besser dran, weil es in Chile keine Lohnfortzahlung gibt. Und die Mittel aus den Arbeitslosenversicherungsfonds sind bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht. Die Folge: Jetzt fehlt es einfach an Allem! Deshalb diese verzweifelten Protestaktionen in den Armenvierteln. Dazu kommt, dass es in den viel zu kleinen Wohnungen extrem schwer ist, Quarantäne zu halten, von den Abstands- und Hygieneregeln ganz zu schweigen.

 

Wie erleben die Kinder in diesen Armenvierteln den Lockdown?

Die Corona-Pandemie hat die extreme Ungleichheit etwa beim Zugang zu Bildung noch einmal bloßgelegt: Kinder aus Armenvierteln können sich keine Tablets beschaffen, um eventuelle Onlineangebote ihrer Schule wahrzunehmen. Auch die Internetverbindungen sind völlig unzureichend – einmal abgesehen davon, dass es in den engen, kleinen Behausungen auch keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, um Schulaufgaben zu machen. Die Monate mit der Virus-Infektion reißen die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den Armen in diesem Land noch weiter auf.

Die allergrößten Sorgen bereiten uns dabei die Kinder aus haitianischen Familien und anderen nach Chile Geflüchteten. Hier haben die Erwachsenen bereits vor der Pandemie mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs versucht, über die Runden zu kommen. Jetzt ist die Lage dieser Menschen einfach nur noch zum Verzweifeln.

Ein weiteres Thema, das uns und anderen Kinderrechtsverteidiger*innen größte Sorgen macht, ist die Entwicklung der Fallzahlen von häuslicher Gewalt und von Kindesmissbrauch. Bereits vor Corona hat Chile in Lateinamerika einen beschämenden Spitzenplatz in den Gewalt- und Missbrauchsstatistiken eingenommen. Während dieser langen Quarantäne-Wochen funktionieren Alarm-, Schutz- und Auffangsysteme noch schlechter. Kinder, die misshandelt werden, haben so gut wie keine Chance auf Hilfe. Sie müssten es ja irgendwie bis zu einer Polizeiwache schaffen – und das ist bei einem kompletten Lockdown ausgeschlossen. Vermutlich können wir erst in einigen Monaten einschätzen, welche Katastrophen sich in vielen Familien abgespielt haben.

 

In einigen internationalen Medien war in diesen Wochen von erneuten Skandalen rund um den staatlichen Kinder- und Jugenddienst SENAME die Rede. Um was ging es da?

Ende April, also bereits mitten in der Corona-Krise, erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass die Direktorin eines SENAME-Heimes – unterstützt von zwei Mitarbeitenden – Kinder im Alter von sechs und acht Jahren nicht nur selbst sexuell missbraucht, sondern ihre kommerzielle sexuelle Ausbeutung durch Dritte organisiert hatte. Das passierte in Hualpén, nahe Talcahuano und Concepción, wo auch Kindernothilfe-Partner seit vielen Jahren engagiert sind. Dieser Missbrauch ging über einen relativ langen Zeitraum hinweg, ohne dass irgendjemand den betroffenen Kindern zu Hilfe gekommen wäre. Als Kinderrechtsorganisation gelangen wir in Chile immer an den gleichen Punkt: Ein beschämendes Desinteresse der Verantwortlichen und das Fehlen des politischen Willens, um in diesem Land eine kohärente Kindesschutzpolitik zu implementieren und ein entsprechendes Kinderrechtsstatut zu verabschieden. Das macht aus solchen Einzelereignissen immer auch ein Systemversagen. Dazu befürchten wir, dass durch den Stress, den die Corona-Pandemie den meisten Erwachsenen bringt, die Kinder und ihre Rechte weiter in den Schatten gedrängt werden.

 

Hat das auch damit zu tun, dass die Corona-Pandemie der Protestbewegung in Chile im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abschnürt? Seit Oktober 2019 forderten eigentlich Hundertausende eine neue Verfassung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein.

Ganz klar, jede Form von zivilgesellschaftlichem Engagement hat es in diesen Zeiten extrem schwer! Aber die Protestbewegung gibt es weiterhin: Trotz Corona arbeiten die Asambleas Territoriales, die Bürger- und Stadtteilorganisationen für Demokratie und den verfassungsgebenden Prozess, weiter – mithilfe des Internets und lokaler Radios. Die Regierung feiert es als Erfolg, zuletzt größere Proteste auf der Straße mit massiver Repression unterbunden zu haben. Und natürlich kam es Präsident Piñera zupass, die Volksabstimmung über die Einleitung eines verfassungsgebenden Prozesses, die am 26. April hätte stattfinden sollen, um ein halbes Jahr auf den 25. Oktober verschieben zu können. Die Pandemie dient der Regierung als perfekter Vorwand für Repression und Menschenrechtsverletzungen, welche angesichts von Quarantäne und Ausgangssperren kaum Aufmerksamkeit erlangen.

 

Was kann ANIDE in dieser Situation tun, um den Kindern und ihren Familien beizustehen?

Die Teams der Kindernothilfe-Partnerprojekte in Chile arbeiten seit den von der Regierung verhängten Quarantäne-Maßnahmen unter extrem erschwerten Rahmenbedingungen. Ein „normaler“ Projektbetrieb mit der ständigen physischen Präsenz von Kindern und Jugendlichen ist nirgendwo mehr möglich. Aber die Kolleginnen und Kollegen schaffen es, mit den Kindern und ihren Familien im Kontakt zu bleiben. Das geschieht derzeit vor allem über das Handy, Anrufe zu Hause und – soweit möglich – durch die intensive Nutzung elektronischer Medien, etwa durch Videobotschaften. Trotzdem spitzt sich die Lage in den Armenvierteln jeden Tag weiter zu.

Wir versuchen gegenzuhalten: Vor einigen Tagen haben wir eine große Videokonferenz organisiert, der wir den Titel gegeben haben: „Wie können wir Kinderrechts-Garanten in Zeiten der Pandemie sein?“. Dabei haben wir wieder gelernt, dass es darauf ankommt, die Kinder selbst zu Wort kommen zu lassen: Wie erleben sie die Quarantäne, was wünschen sie sich an Beistand und Unterstützung? Worauf müssten Kinderrechtsorganisationen jetzt hinweisen?

 

Gibt es die Möglichkeit, in Not geratene Familien praktisch zu unterstützen?

Bereits seit Wochen versorgen die Kolleg*innen Familien in besonders kritischen Situationen mit Lebensmittelpaketen, aber auch mit Seife, Waschpulver, Hygieneartikeln und Desinfektionsmitteln. Die dafür benötigten Ressourcen stammen zu einem maßgeblichen Teil aus den umgewidmeten Kindernothilfe-Projektbudgets. Aber – und das ist ganz wichtig – was wir dank dieser Solidarität aus Deutschland ebenfalls finanzieren können, ist beispielsweise auch das Aufladen von Handyguthaben für die Projektmitarbeitenden und für die Familien der Kinder, damit sie überhaupt miteinander in Kontakt bleiben können. Am Freitag vergangener Woche organisierten wir eine Telefonkonferenz. Dabei kamen Details über die verzweifelte Lage in einigen Armenvierteln zur Sprache, die ansonsten nie an die Öffentlichkeit gelangen: In ganz vielen Familien gibt es seit Wochen überhaupt nichts Warmes mehr zu essen, weil den Menschen schlicht das Geld fehlt, um Propangasflaschen zum Kochen zu kaufen! Deshalb haben einige der Teams begonnen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern zusätzlich durch die Verteilung von Gasflaschen zu unterstützen.

 

Und wie geht das kleine ANIDE-Team in Santiago mit den Herausforderungen durch die Pandemie um?

Wir arbeiten meistens von zu Hause aus. Für uns und die Projektteams ist das eine neue Erfahrung, zum Teil extrem anstrengend, psychisch und physisch belastend, mit langen Arbeitstagen am Telefon oder in Videokonferenzen. Aber wir spüren, wie wichtig der ständige digitale Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit Bündnispartnern ist. Wir lernen jeden Tag dazu, ermutigen uns gegenseitig, helfen uns – wie man in Chile sagt – immer wieder, „die Batterien aufzuladen“.

 

José Horacio Wood ist Anthropologe und Direktor der Fundación ANIDE in Chile. Das Interview führte Jürgen Schübelin (Kindernothilfe).

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