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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

Hanser, Berlin 2020. 208 Seiten, 18 Euro

Kübra Gümüşays Buch Sprache und Sein beginnt mit den Metaphern des Museums und der Ausstellung. Nicht nur für Museumsmenschen ist es erhellend, dass die 1988 in Hamburg geborene Aktivistin und Bloggerin gerade diese Orte des Wissens und Wissenstransfers auswählt, um das gesellschaftliche Gewaltverhältnis zu verdeutlichen, das zwischen Benennenden und Benannten existiert: »Der Schlüssel zur Freiheit ist das freie Sprechen. Es öffnet die Türen der Käfige, es birgt sogar das Potential, die Käfige und die unwidersprochenen Perspektiven der Benennenden, also der Kuratierenden des Museums der Sprache, in Frage zu stellen, ja die Struktur des Museums insgesamt.«

Gümüşays Argumentation basiert primär auf ihrer erlebten Erfahrung. Sie veranschaulicht, wie sie als Kind feststellen musste, dass ihr Türkisch gegenüber der deutschen Sprache abgewertet wurde. Als erwachsene Muslima in Deutschland blieb sie stets wie ein Museumsobjekt fremdrepräsentiert und durfte lediglich über Themen wie Migration, Frauen im Islam oder Kopftücher sprechen: »Ich bin eine Benannte. Die im Alltag, aber auch auf Konferenzen […] verwundert gefragt wird, wie das denn gehe: Islam und Feminismus, Kopftuch und Emanzipation, Religiosität und Bildung. Weil die bestehenden Kategorien einfach nicht passten. Ich bin eine von denen, die diese Inspektion jahrelang über sich ergehen ließen.«

Gümüşay liefert eine triftige Kritik an Medien und Talkshows in Deutschland, die Rassist*innen und deren Sprache und Provokationen Platz und Gehör verschafften, mit dem Ergebnis, dass rechter Hass heute als eine Meinung unter vielen gilt und den gesellschaftlichen Diskurs prägt: »Wir müssen aufhören zu reagieren. Und stattdessen die Themen und Fragestellungen auf die Tagesordnung setzen, die uns als Gesellschaft voranbringen.« Statt einem »Absolutheitsglauben, der aus Kategorien Käfige macht«, plädiert Gümüşay für Multiperspektivität und Mehrdeutigkeit, um »soziale und politische Gerechtigkeit« in der Zukunft zu ermöglichen, »in der wir als Menschen in unserer Komplexität gleichberechtigt existieren können.«

Multiperspektivität erzeugt sie in ihrem Text mittels – leider oft dekontextualisierter – Zitate aus Vergangenheit und Gegenwart von Aristoteles, Martin Buber, Rosa Luxemburg, Theodor W. Adorno, May Ayim, Sookee, Grada Kilomba und sogar Robert Habeck. Diese Pluralität repräsentiert einerseits die Vielfalt der intersektionalen antirassistischen Community und einigen kritischen Denker*innen, zeigt andererseits aber auch die Problematik, dass Multiperspektivität in ein beliebiges Nebeneinander von Positionen und vagen Begriffen abgleiten kann.

Gümüşays Kritik an ausgrenzender Sprache, an Rassismus, Homophobie und Sexismus ist 2020 bitter nötig. Eine emanzipatorische Gesellschaft von Freien und Gleichen entsteht allerdings nicht allein durch diskriminierungsfreie Sprache. Diese Utopie setzt auch eine Kritik an Konkurrenz, Lohnarbeit, Privatbesitz an Produktionsmitteln und Wohnraum sowie an Nationalstaaten und deren Grenzen voraus. Um den Kreis der von Gümüşay Zitierten um einen alten, weißen Mann zu erweitern: »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«

 

Patrick Helber

379 | Rechte Gewalt
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