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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt »Die Bevölkerung von La Réunion sollte in Armut gehalten werden« - Interview mit Françoise Vergès über »Le ventre des femmes«

»Die Bevölkerung von La Réunion sollte in Armut gehalten werden« - Interview mit Françoise Vergès über »Le ventre des femmes«

Françoise Vergès wurde 1952 geboren und wuchs auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean auf – eine ehemalige französische Sklavenkolonie. In ihrem Buch »Le ventre des femmes« (Der Bauch der Frauen) zeigt die Politologin und Feministin, dass der französische Staat dort eine koloniale Politik fortführte, auch nachdem 1946 La Réunion zu einem französischen Übersee-Département wurde. Der Ausgangspunkt ihrer Studie sind tausende Zwangsabtreibungen, die in den 1960er Jahren auf La Réunion vorgenommen wurden.

 

iz3w: In den 1960er Jahren, als Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich noch kriminalisiert waren, nahmen Ärzt*innen im Übersee-Departement La Réunion erzwungene Abtreibungen vor. Worum geht es hier?

Françoise Vergès: Im Juni 1970 reichte ein Arzt eine Beschwerde ein, nachdem er ein junges Mädchen wegen einer schlecht durchgeführten Abtreibung im eigenen Blut liegend auffand. Damit wurde ein Skandal aufgedeckt: Seit Mitte der 1960er Jahre wurden in La Réunion jährlich bei 6.000 bis 7.000 Frauen Abtreibungen und oft auch Sterilisierungen durchgeführt – ohne die Einwilligung der Frauen. Von Sozialarbeiter*innen oder Ärzt*innen an Kliniken überwiesen wurde ihnen gesagt, dass sie sich einer Operation mit Vollnarkose unterziehen müssten. Es waren von Armut und Rassismus betroffene Frauen, die oft kein Französisch verstanden. Einige von ihnen waren im fünften oder sechsten Monat schwanger.

Damals verfolgte der französische Staat eine doppelte Bevölkerungspolitik: Einerseits wurde in Frankreich eine natalistische Politik verfolgt, die Frauen durch Sozialgesetze wie Mutterschaftsurlaub oder Krippen zur Reproduktion ermutigte. Dazu wurde Abtreibung scharf bestraft und der Zugang zu Verhütungsmitteln noch nach ihrer Legalisierung 1969 erschwert. Gleichzeitig förderte der Staat aber in den sogenannten Überseegebieten, also in ehemaligen Kolonien wie La Réunion, Abtreibung und Sterilisierung sowie die Verbreitung von Verhütungsmitteln. Es ist ein Skandal, der mehrere Probleme vermischt: die Macht weißer Männer über rassifizierte Frauen, das Fortbestehen von Kolonialpolitik trotz offizieller Dekolonisierung und die Einflußnahme des Staates darauf, wer Kinder haben soll und wer nicht.

Wie wurde diese doppelte Bevölkerungspolitik gerechtfertigt: eine natalistische Politik in Frankreich und eine antinatalistische Politik auf La Réunion?

1946 wurden einige französische Kolonien zu Übersee-Départements. Der Staat war der Ansicht, dass Martinique, Guadeloupe, Französisch-Guayana und die Insel La Réunion »unmöglich« zu entwickeln waren. Die Einführung der Geburtenkontrolle ist eine Folge der politischen Entscheidung, die Bevölkerung von La Réunion in Armut und in einem neokolonialen Regime zu halten. La Réunion hätte sich ohne diese Abhängigkeit von Frankreich völlig eigenständig entwickeln können. Aber die lokalen Kleinindustrien – auch sie bildeten die ungerechte Kolonial- und Sklavenwelt nur ab – wurden systematisch zerstört. Noch als ich auf der Insel aufwuchs, gab es dort viele Krankheiten wie Elephantiasis oder Kropf. Die Kinder waren schlecht ernährt, es gab keine Kanalisation, kein fließendes Wasser.

Der Skandal um die ungewollten Schwangerschaftsabbrüche offenbart also auch eine fortbestehende Kolonisierung nach der offiziellen Dekolonisierung?

Ja, die Geburtenkontrolle ist nicht von einer fortbestehenden kolonialen Politik zu trennen. Weiter diente die Deindustrialisierung dieser als nutzlos erachteten Gebiete in den 1960er Jahren als Rechtfertigung für eine Politik zur Massenauswanderung. Der Staat organisierte die Ausreise tausender junger Menschen – aus Martinique, Guadeloupe, Französisch-Guayana oder La Réunion – in den französischen Arbeitsmarkt. Der Staat erklärte den Menschen, dass sie zuhause keine Zukunft hätten, keine Arbeit finden würden, dass die Zukunft anderswo liegen würde. Denn die französischen öffentlichen Dienste, Krankenhäuser, Hospize, Kinderkrippen oder Schulen brauchten Arbeitskräfte im Niedriglohnbereich. Die Industrie brauchte Ungelernte und die Familien der Bourgeoisie eine Dienerschaft.

Umgekehrt gab und gibt es auch Menschen aus Frankreich, die ermutigt werden, in die Übersee-Départements zu gehen.

Sehr sogar. Diese neuen Départements brauchten Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen, Professor*innen und so weiter. Da bis in die 1980er Jahre hinein keine Ausbildung vor Ort organisiert wurde, kamen ganze Kontingente weißer Franzosen. Erst viele Jahre später wurden Einheimische Ingenieur*innen, Lehrer*innen oder Ärzt*innen.

Die Situation hat sich also seit den 1970er Jahren etwas verbessert?

Strukturell hat sich nichts geändert: Es sind immer noch die Franzosen aus Frankreich, die auf der Insel das Sagen haben. Der Präfekt, der ja der Vertreter des Staates ist, ist stets ein weißer Mann aus Frankreich. Zwischen 70 und 90 Prozent der Waren werden immer noch aus Frankreich in die Überseegebiete importiert. Das Leben ist dort viel teurer, während die Einkommen viel geringer sind. Frankreich entscheidet weiter über die wirtschaftlichen und sozialen Prioritäten.

Die Veränderungen sind den Kämpfen vor Ort zu verdanken. Die Bevölkerung blieb nicht passiv: Es gab 2009 große Streiks. Die Bewegung der Gelbwesten war auf La Réunion sehr wichtig. Verbesserungen sind immer nur das Ergebnis von Kämpfen, denn die neokoloniale oder postkoloniale Politik des französischen Staates ändert sich nicht von alleine.

Sie stellen die These auf, dass es für die Frauen speziell auf La Réunion ein Akt des Widerstands war, Kinder zu bekommen. Wieso?

Dem neoliberalen demografischen Diskurs zufolge ist es negativ, viele Kinder zu haben. Aber Kinder sind Leben. Weiterhin Kinder zu wollen, gerade als der Staat dem massiv entgegen arbeitete, sehe ich als Widerstandsakt. Heute ist La Réunion das Übersee-Département mit der jüngsten Bevölkerung. Zwar hat die Regierung außer der Geburtenkontrolle auch die Emigration gefördert; Martinique und Guadeloupe waren aber noch stärker davon betroffen. Heute haben diese beiden Départements die älteste Bevölkerung der Französischen Republik.

 

Wenige Monate nach der Enthüllung des Skandals der Zwangsabtreibungen veröffentlichte die Wochenzeitung »Le Nouvel Observateur« 1971 das feministische »Manifest der 343« für die Legalisierung von Abtreibungen. Darin fand sich keinerlei Hinweis auf die in La Réunion durchgeführten Zwangsabtreibungen, obwohl diese in der Presse Aufmerksamkeit bekamen. Wie ist das möglich?

Einerseits teilte die französische feministische Bewegung der 1970er Jahre die verbreitete Illusion, dass der französische Kolonialismus 1962 mit dem Ende des Algerienkriegs abgeschlossen sei. Andererseits befasste sich der französische Feminismus weder mit seiner eigenen Geschichte noch mit der Haltung von Frauen, die als Feministinnen gelten, gegenüber der Sklaverei und dem Kolonialismus. Vielmehr wurde im 19. Jahrhundert die Kolonisierung weithin als Mittel zur Verbesserung der Situation von Frauen in diesen »zurückgebliebenen« Gesellschaften angesehen.

Zweitens wurde die Unterdrückung der Frauen nur im Tunnelblick der als universell angesehenen Männerherrschaft betrachtet, als ob sie selbst nicht von Rassismus und Sexismus betroffen wären. Frauen würden in erster Linie von Männern unterdrückt, überall in gleicher Weise. Die französischen Feministinnen der 1970er Jahre berücksichtigten nicht, wie sich Kolonialismus und Sklaverei auf Weiblichkeit, Männlichkeit und Reproduktion in den Kolonien auswirkten.

Diese Blindheit der Feministinnen der 1970er Jahre gegenüber der Kolonialfrage steht in seltsamen Kontrast dazu, dass sie sich ausgiebig der kolonialen Rhetorik bedienten.

Die »Frauenbefreiungsbewegung« (Mouvement de libération des femmes, MLF) wird als Echo der nationalen Befreiungsbewegungen in kolonialisierten Ländern bezeichnet. Und in der »Hymne der MLF« lautet der erste Vers des Refrains: »Lasst uns Sklavinnen erheben«. Schon im 18. Jahrhundert haben sich Frauen, die heute als Feministinnen gelten, mit Sklavinnen verglichen, weil sie ihren Brüdern, Vätern oder Ehemännern »gehörten« und sich nicht scheiden lassen oder wählen gehen konnten. Diese Metapher wurde von der MLF aufgegriffen. Doch weiße Frauen waren besser gestellt als schwarze Frauen. Manche besaßen sogar Sklav*innen oder lebten dank ihren Männern vom Zucker-, Kaffee- oder Baumwollhandel: Ihr Reichtum beruhte auf Sklaverei. »Die Frau« ist eine fiktive Kategorie.

Diese Äquivalenz beruht auf einer Blindheit gegenüber der realen Situation jener Frauen, die versklavt wurden und darunter leiden mussten, dass sie Frauen waren, dass sie schwarz waren, dass sie Sklavinnen waren und daher als Handelsware galten, als Körper, die gehandelt, vergewaltigt, oder gefoltert werden konnten. Auch die Situation der französischen Frauen war damals nicht beneidenswert! Aber sie entsprach weder der Situation afrikanischer Frauen, die entführt und systematisch vergewaltigt wurden, noch jener von Frauen, die in Sklavengesellschaften geboren wurden.

 

Das Interview führte und übersetzte Adèle Cailleteau (iz3w). Eine französische Langfassung des Interviews steht hier

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