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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 379 | Rechte Gewalt Mörderische Anti-Weiblichkeit - Warum ist – nicht nur rechte – Gewalt immer Männergewalt?

Mörderische Anti-Weiblichkeit - Warum ist – nicht nur rechte – Gewalt immer Männergewalt?

Klaus Theweleits Opus Magnum »Männerphantasien« gilt als Grundlagenwerk der kritischen Männerforschung. Im Buch »Das Lachen der Täter« befasste er sich mit der Tötungslust von Attentätern wie Anders Breivik. Der hier veröffentlichte Essay verdichtet Theweleits Thesen über den Ursprung der Gewalt im dominanten Konzept von Männlichkeit.

 

von Klaus Theweleit

Ihr fragt mich für diesen Beitrag: »Warum ist Rechte Gewalt historisch wie aktuell so extrem stark männlich geprägt?« Ich frage, »nur Rechte Gewalt«? Und sage: Gewalt ist männlich. Unter Männern (richtigen) ist das keine Frage. Mann ist stolz darauf. Alle Evidenz ist auf seiner Seite. Nennt eine Frau, die irgendetwas mit der Entfesselung vom Ersten oder Zweiten Weltkrieg zu tun hatte. Oder mit dem Tötungswahn des Vietnamkriegs; mit den Terrorakten des »Islamischen Staats«.

Gut (bzw. nicht gut): Lady Thatcher oder Madame Albright können in Anschlag gebracht werden, neuerdings auch Frau Kramp-Karrenbauer, die (verbal) zu zündeln beliebt. Aber das sind Offizial-Frauen an der Spitze manndefinierter Institutionen; in solchen Positionen verlieren sich Gender-Zuschreibungen. Die »Macht« wird nicht dadurch weiblich, dass eine Frau sie ausübt. Das Vom-Zaun-Brechen der Golfkriege war keine Frauenproduktion; ihre praktische Durchführung ohnehin nicht. Es gibt keine staatlich geförderte marodierende Killerkultur irgendwo auf der Welt von und für Frauen. Aber es gibt sie so gut wie überall für Männer – organisierte, straflos bleibende, göttliche Kriminalität. Wer nach Fällen weiblicher exzessiver Tötungslust sucht, wird kaum mehr als vier Handvoll Einzelnamen finden, darunter die aus den KZs und aus Abu Ghraib. Aber vierzig Millionen Männernamen.

 

Aus allen Klassen und Schichten

Im Buch »Das Lachen der Täter« (2015) – eine Art Fortsetzung der »Männerphantasien« – habe ich eine Universalität lustvoll vollzogener Folter- und Tötungsakte durch soldatische Männergruppen für viele Weltregionen konstatiert: Guatemala, Chile, Argentinien, Indonesien, Zerfallskriege Jugoslawiens, Ruanda, Kongo, Zentralafrika, Nordafrika, Naher Osten, deutsche SS, britische und amerikanische Truppen im Irak, Afghanistan etc., etc. Überall, wo soldatische Horden, aber auch unmilitärisch organisierte Männergruppen bewaffnet wüten dürfen (oder sollen), setzen sich Formen exzessiver Lust an Tötungsvorgängen durch; mit oder ohne Gebrauch von »Geschlechtswerkzeugen«; exekutiert in tranceähnlichen Zuständen, wie ich sie in »Männerphantasien« modellhaft bei deutschen Freikorps-Soldaten beschrieben habe.

Soziologische Zuschreibungen greifen hierbei nicht; beteiligt sind Männer aller Klassen und Schichten. Bei öffentlichen Morden und Massakern kann man die Tätergruppen einschränken: vorwiegend Männer im Alter zwischen 16 und 35.

Wo eine staatliche Erlaubnis, die diesen Männern Straflosigkeit garantiert, fehlt, setzen sich Männer, die zum Morden entschlossen sind, selbst als diesen »Staat«. Breivik etwa stellt sich als ausübendes Organ seiner Tempelritter-Bruderschaft dar: Ein Mann aus eigenem Recht, aus eigener Göttlichkeit. So wie sich der »Islamische Staat« eben deswegen »Staat« nennt.

Männlich-institutionelle Lebensformen basieren in »unserer Kultur« seit Jahrtausenden auf dem Ausschluss von Frauen; sei es auf dem Ausschluss von Frauen von religiösen Funktionen der jeweiligen Herrschaftskirchen; sei es dem Ausschluss von wissenschaftlichen, technologischen und kriegerischen Entwicklungen der kolonialen Eroberung des Planeten durch »weiße Männer«. Nicht mal auf Shakespeares Theaterbühnen waren Frauen zu sehen, die Opernkomponisten mussten für die Sopranpartien mit Kastraten auskommen.

Untersuchungen der Weltreligionen ergeben ihre grundsätzliche Übereinstimmung in einem einzigen Punkt: Kontrolle des Frauenkörpers, insbesondere Kontrolle des Heirats- und Geburtenwesens durch Gebote und Gesetze. Nirgendwo dürfen Frauen heiraten und gebären, wie sie wollen, geschweige denn sich sexuell verhalten, wie sie wollen. Dafür gibt es Kirchen und Gerichte. Gotteswort ist Manneswort – ohne Ausnahme, weltweit. Auf Abweichung steht – an vielen Orten bis heute – Todesstrafe. Wer so etwas historisch durchsetzt? Die Stärkeren: bewaffnete Männer.

Diese sind von Paradoxen geprägt, genauer von Zerrissenheiten: Sie sind nicht die strahlenden »Helden«, als die sie sich gerne sähen. Der »Gewaltmann« ist nicht göttlich, er ist ein armes Schwein; er ist ein kaputter Typ, in seinem Aufwuchs zur Sau gemacht von seinen eigenen Oberen. Männliche Herrschaft ist ungeteilt und hierarchisch. Männliche Herrschaft will niemals Gleichheit. Männliche Herrschaft basiert auf dem Prinzip Führung. »Führer« verlangen Gefolgschaft und Gehorsam. Auf Abweichung steht Todesstrafe. So wie bei Frauen, die das Bett religiöser Gebote verlassen und nicht folgen. Männliche Herrschaft und demokratisches Fühlen sind Gegensätze. Erst wo es geteilte Herrschaft gibt, hört sie auf, definitiv männlich zu sein.

 

Auf Angst folgen Gewaltphantasien

Das schärfste Paradox: Gewaltverbundene Männerkörper sind angefüllt mit Angst. Das stärkste Gefühl, zu dem »fragmentierte Körperlichkeit« in der Lage ist, ist die Furcht vor Körperverschlingung. Der Boden geht weg unter den Füßen. Sümpfe, Schlamm, Schleime, Breie, Schlick und Scheiße, die ganze sich in Modder auflösende Umwelt drohen »ihn« zu verschlingen. Es muss zurückgeschossen werden (auch wo niemand schießt).

Es »schießt« aber ständig wer. Paradoxerweise genau diejenigen, die nicht bewaffnet sind; jedenfalls nicht mit Männerwaffen. Die Männerwelt »unserer Kultur« hat seit ungefähr 5.000 Jahren beschlossen, dieses »Körperverschlingende« mit einem Namen zu versehen: Weiblichkeit. Immer wo Mannheiten von Sümpfen, Schlamm, Schleimen, Breien, Schlick und Scheiße phantasieren, die sie zu »verschlingen« drohen, reden sie von Gefahren, die vom weiblichen Körper ausgehen; jedenfalls von dem, was sie als »weiblichen Körper« wahrzunehmen behaupten. Dieses Sumpfgebiet »da unten«, in dem es wimmelt von Schlangen-, Spinnen-, Oktopus- und Quallenbrut, die vielarmig darauf lauern, den armen Held-Kerl zu Brei zu machen im Blutstrom verseuchter Vaginalgewässer. Dort sei das Gift (unter anderem die Syphilis; im Deutschland der Weltkriege auch bekannt unter dem Namen »jüdische Lustseuche«).

Woher die Ängste? In »zerstörten« Körpertypen gibt es einen Zwang zur Gewalt, der zu tun hat mit dem Wunsch, eine Körperganzheit herzustellen. Es geht um Männer, die leben müssen mit dem, was ich »Fragmentkörper« nenne. Körpern, denen es nicht gelungen ist, aufgrund verschiedener Störungen in ihrer Kindheit und ihrer weiteren Entwicklung ein Gefühl von Körperganzheit auszubilden. Dieser Begriff ist entlehnt aus der Kinderpsychoanalyse; mir bekannt geworden ursprünglich über meine Frau und ihre Kolleg*innen von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik, wo sie viele Jahre als klinische Psychologin gearbeitet hat. Psychoanalytisch gesprochen handelt es sich um eine »fehlende libidinöse Besetzung der eigenen Körpergrenzen«.

Viele Jungs, meist schwer geprügelt oder anders misshandelt, leben in permanenter Angst vor Einbrüchen von Außen in ihre angstdurchsetzte unsichere Körperlichkeit. Sie setzen zum Beispiel die gepanzerten Außengrenzen ihres Körpers emotional mit Landesgrenzen gleich – ein Schutzmechanismus. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass die vielen Menschen auf der Flucht so empfunden wurden, als würden sie direkt in die Körper der – sich nun als politisch »rechts« zeigenden – Leute »einströmen«; und nicht einfach nur in deutsche Gebiete.

Beim Lesen der Selbstbeschreibungen verschiedener Täter geht einem auf, was Gewalt für sie strukturell bedeutet: eine Überlebensversicherung mit der Ingangsetzung dessen, was die Kinderanalytikerin Margret Mahler »Erhaltungsmechanismen« nennt. Diese beinhalten ein Verfahren der Entlebendigung und Entdifferenzierung der Erscheinungen der Außenwelt; ein Verfahren, sich selbst »heil« zu machen durch Gewalt gegen alles, was sich ihren Forderungen, die sie »Bedürfnisse« nennen, nicht fügt.

In den gesellschaftlichen hierarchischen Strukturen, die sie anstreben, ist der Männerkörper oben, der Frauenkörper immer unten. Gesellschaftlich oben stehen ein Führer und das Militär; gegebenenfalls der Adel, dann die Unternehmer und die »richtigen« Politiker; unten die Frauen, die Kinder, das Proletariat und fremde »niedere Rassen«. Das nennen sie »Ordnung«, »naturgegebene«. Wer gegen sie verstößt, ist des Todes. Politisch hat das Faschismus hervorgebracht. Merksatz: Faschismus ist keine Ideologie, sondern eine zerstörerische Art und Weise, die Realität herzustellen.

Von hier zurück zum Punkt »Ausschluss«: Das »Rätsel«, warum Frauen, deren Körper auch angefüllt sein kann mit Ängsten und Gewaltphantasien, weniger am ekstatischen Massenmorden beteiligt sind, könnte diese Lösung haben: Weil ihre Männer sie nicht dabei haben woll(t)en. Denn welcher IS-Mörder oder Kolonisator wollte oder will denn seine Schwester(n) dabei haben oder seine Frau oder Mutter, wenn er, unterm Gejohle der Kumpanen, einem »ungläubigen« Gefangenen den Kopf abschneidet; wenn er beim Erobern der Zeltdörfer oder der zerbombten Städte schwangeren Frauen die Bäuche aufschlitzt? Wenn er eine Jüdin vergewaltigt, bevor er sie in die Grube schießt? Natürlich sollen die Seinen das nicht sehen. Und ihm diese Lust dann etwa verderben.

Nein, das Killen soll mannexklusiv sein. Frauen haben darin keine (für ihn) vernünftige Funktion. Ausschluss auch hier. Frauen haben hier nichts zu suchen! Frauen – seine Frauen – sind für anderes gedacht. Dafür gibt es das »Zuhause«; sie sollen sich um den Krieger kümmern, wenn er abends (oder irgendwann) nach Hause kommt, aus der Schlacht und dem Schlachten – für Gott und Vaterland und für die Frauen. »Denn deshalb tun wir das ja nur, meine Liebe.« Und sie – leckt ihm das Blut ab? So soll es sein, in der gegenderten Welt. Und sie hat, während er »weg« war, niemanden herangelassen an ihre Körperlichkeit. Dafür erfand Mann vor 2700 Jahren das grauenhafte Funktionsmodell Penelope: Sie wartete 20 Jahre zuhause auf ihren Mann Odysseus. Ein Gesetz, das kulturhistorisch verkauft wird als »Liebe«.

 

Morden im Livestream

Nach wie vor tobt im verborgen/offenen Zentrum aller männlich-terroristischen Aktivitäten auf der Welt die mörderische Anti-Weiblichkeit. Ihre neue Relevanz erhält sie durch das Netz. Was vor Internet-Zeiten unterging als »Sektierertum« in der weitgehenden Isolation einzelner »Rechter«, versichert sich durch das Netz seiner weltweiten Bedeutung.

Der Altright-Mann Minassian grüßt den Attentäter-Kollegen Elliot Roger, der 2014 nahe der University of Santa Barbara sechs Menschen tötete und vierzehn verletzte, kurz vor seinem eigenen Attentat als »obersten Gentleman«. Elliot hinterließ ein Manifest, in dem er von einer Zukunft ohne Sexualität träumt: Frauen seien in Konzentrationslagern hinzurichten. Die Pogrom-Programme sind formuliert und öffentlich ausgestellt. Ihren Protagonisten bleibt, solange ihnen die gesellschaftlich-politische Macht zu ihrer Durchsetzung fehlt, der Terrorakt: Attentate mit oder ohne suizidalem Ausgang.

Keines dieser Attentate ist ein Amoklauf. Jüngste Fälle wie die Morde der Täter von Halle und Hanau wie auch die der amerikanischen Altright-Männer, des IS oder des neuseeländischen Massenmörders Tarrant belegen das nachdrücklich. Unwiderleglich, seit die Mordenden ihre Taten live filmen und in Netzwerken streamen. Aber auch die Früheren haben die Taten ihrer »Vorgänger« genau studiert, haben sich gleiche Waffen besorgt, haben losgeschlagen an »Gedenktagen« (wie den fünften Jahrestag von Breiviks Utöya-Morden) oder haben die Orte anderer Attentate aufgesucht. Der Münchner Attentäter David S. hatte das Buch des Psychiaters Peter Langman, der alle Schulattentate in den USA untersucht hat, neben seinem Bett liegen. Genaue Planung mit dem Ziel des Tötens. Bei jedem Attentäter gibt es nachweislich diesen Entschluss. Radikale Kündigung jedes geltenden Sozialvertrags. Attentäterinnen dieser Art: Keine.

Die Lust von »Mann kaputt« am Morden hat dabei wenig zu tun mit »Sexualität«. Heiner Müller sah es als das große psychische Handicap der Jugendlichen der Weltkriege, dass sie aufs Töten losgelassen wurden, ohne Formen der Liebe zu kennen; aufs Töten von Frauen, ohne Frauen zu kennen.

Es ist gerade die Abwesenheit sexueller Gefühle, die männliche Töter befähigt, ihre Geschlechtswerkzeuge einzusetzen, bis der Tod eintritt. Dass sie onanierend daneben stehen können, wo ihren Opfern Brüste und Penisse abgeschnitten werden oder Glasscherben und Eisenstangen eingeführt werden in weibliche Genitalien, wie Pasolini es filmisch vorführte, oder die mordenden Studenten in Ruanda an »lebenden Objekten«.

»Sexualisierte Gewalt«? Eher Gewalt gegen Sexualität. In manchen Körpern »lebt«, was in glücklicheren Körpern die sexuelle Empfindung ist, in der Verwandlungsform »Sexualität als Gewalt«. Es gibt männliche Körper, die »Lust« nur erfahren, wenn sie sie aus anderen Körpern vertreiben. Die nur dann »leben«, wenn sie das Leben anderer auslöschen. »Männlich-toxisch«?

 

Weil die Welt scheiße ist

Ein Indiz aus der Corona-Quarantäne: Kaum ein paar Tage alt, erhob sich die Furcht vor dem Anstieg »häuslicher Gewalt« als erstes Begleitgespenst. Jede(r) wusste, was gemeint war: Dass eingesperrte Männer über kurz oder lang gewalttätig werden gegen jene, die am dichtesten an ihnen dran sind, ihre Frauen und Kinder. Kein konkreter Fall war nötig, um »die Medien« mit dem Ruf »mehr Frauenhäuser« zu füllen; eine auch in Nicht-Corona-Zeiten notwendige Forderung. Corona enthüllte als allgemeinen Hirnbefund: Männer, die nicht in ihren Kneipen- oder anderen Alltagsverbünden ihr Pensum abkämpfen oder wegsaufen können, erledigen das nun »daheim«; und wenn da nicht alles flutscht, setzt es was im Homeoffice.

Und »warum«? Weil die Welt scheiße ist, der Job, die Chefs, das sogenannte »Leben«. Zu viel Scheiß und zu wenig Geld und zu viele Idioten überall ringsum, und der eigene Verein »kämpft« gegen den Abstieg, so wie Mann selber. Nachbarn und Hausmeister aller Sorten sind total blöde; das nervt besonders, wenn man weggesperrt ist und jeden Tag die Altmaiers und Neumeiers ihren Scheiß im Fernseher absondern hört. Das Auto soll Mann auch stehen lassen; und wer ist Schuld dran, wenn niemand sonst da ist? Na – weiß doch JEDER. Da müssen doch die Fetzen fliegen. Die Furcht, dass der Anteil ermordeter Ehemänner steigt, äußert niemand. So sehr vertraut die (Männer)Welt der Friedfertigkeit von Frauen.

Was aber braucht Mann, wenn ihm die Welt quer steht und ihm die Zacken aus der (eingebildeten) Krone haut? »Wer bin ich denn? Wer sind wir denn? Diktatur der Virologen! Grundrechte!!« Er braucht eine, die ihm die Zacken wieder einsetzt. Wie eine Zahnärztin? Das geschieht, indem jemand Anderes erniedrigt wird.

»Mann kaputt – dein Name ist Gewalt« tönt es, frei nach Shakespeare. Ich zucke also immer ein wenig, wenn die Frage »Warum Männer?« in den Raum gestellt wird: Weiß doch Jede(r). Schön immerhin, dass es auch Männer ohne Krone gibt; beziehungsweise nur mit solchen vom Zahnarzt.

 

Klaus Theweleit ist Autor, Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker. Er lebt in Freiburg.

379 | Rechte Gewalt
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