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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 380 | Science-Fiction Ziemlich am Anfang – ein Krieg der Sterne

Ziemlich am Anfang – ein Krieg der Sterne

Geschichte und Entwicklung von Science-Fiction

von Franz Rottensteiner

 

Über die Anfänge der Science-Fiction (SF) gibt es verschiedene Auffassungen. Die einen führen sie auf die Ursprünge des Erzählens zurück, auf den über 3.000 Jahre alten Mythos »Gilgamesch«. Andere meinen, sie sei nahezu jungfräulich dem Haupt des luxemburgischen Radiobastlers und Einwanderer in die USA, Hugo Gernsback, entsprungen. Dieser brachte mit »Amazing Stories« im April 1926 das erste SF-Magazin der Welt heraus und prägte 1929 auch den Terminus Science-Fiction. Für Brian W. Aldiss, dem Verfasser der einflussreichen Geschichte der SF-Literatur »Der Millionen-Jahre-Traum« (1973), begann SF mit Mary Shelleys Roman »Frankenstein« (1818). Denn der künstliche Mensch des Barons Frankenstein wurde erstmals auf wissenschaftlichem Wege und nicht durch Hexerei oder Magie erschaffen.

Viele Entwicklungsstränge führen zur Science-Fiction: der Aufstieg der Wissenschaft, die industrielle Massenproduktion, die auch die Herstellung billiger Druckwerke ermöglichte sowie die fortschreitende Alphabetisierung und Bildung breiter Bevölkerungsschichten. Die Zeit war reif für die Entstehung eines eigenen Genres technisch-wissenschaftlicher Literatur.

 

Wild gewordenes Gemüse

In der BRD setzte sich mit dem Entstehen einschlägiger Heftreihen, die vornehmlich Übersetzungen aus dem Englischen veröffentlichten, und dem Aufstieg von Taschenbuchreihen wie der Heyne SF ab den 1960er Jahren, der Ausdruck Science-Fiction allgemein durch. Vorher waren Bezeichnungen wie utopische oder utopisch-technische Literatur, Zukunftsroman und technische Märchen üblich.

Antike Vorläufer sind Lukian von Samosatas »Ikaromenippus oder Die Luftreise« und vor allem seine »Wahren Geschichten« aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Mit Reisen in den Weltraum, einem Krieg zwischen dem König der Sonne Phaeton und dem König des Mondes Endymion im Streit um die Kolonisierung der Venus, mit Gemetzeln bis zur völligen Vernichtung des Gegners und seltsamen, außerirdischen Lebensformen warten die Geschichten auf. In den Streitkräften beider Seiten kommen anthropomorphe Pilze, auf Eicheln reitende Kynozephale, Pferdegeier, Flohschützen und Zentauren aus Wolken und allerlei wild gewordenes Gemüse zum Einsatz. Eine Vorwegnahme der »Star Wars«. Sprachlich erfindet Lukian bereits Neologismen zur Beschreibung neuer Lebensformen und liefert eine blitzgescheite Parodie auf andere antike Literatur, die auch die Religion nicht verschont. Bemerkenswert ist die Perspektive biotechnischer Innovation im sozialen Kontext.

Fahrten in den Weltraum, zum Mond und zu anderen Planeten lieferten einen Hauptstrang für die Entwicklung der SF. Diese waren schon im 17. Jahrhundert beliebt, etwa in Cyrano de Bergeracs (1619–1655) »Die Staaten und Reiche des Mondes« sowie »Die Staaten und Reiche der Sonne« bis hin zu H. G. Wells »Die ersten Menschen im Mond« (1901). Genauso wichtig ist die soziale Komponente, die Sehnsucht nach der besten aller Welten, wie im Werk des englischen Staatskanzlers Thomas Morus »Utopia« (1516), oder Edward Bellamys »Rückblick aus dem Jahr 2000« (1888) mit seinen zahlreichen Nachahmer*innen und Gegner*innen. Theodor Herzls zionistische Utopie »Altneuland« (1902) ist wohl die einzige, die Wirklichkeit geworden ist. Utopische Spuren finden sich durchgehend in der SF, markant etwa im Werk von Ursula K. Le Guin oder in den »Kultur«-Romanen von Iain Banks mit einem galaktischen Reich, in dem Menschen, unzählige Formen von Aliens und künstliche Intelligenzen koexistieren.

 

Düstere Moderne

Im 20. Jahrhundert trat eine zunehmende Verdüsterung der Horizonte ein, mit den Stationen »Wir« (1920) von Jewgenij Samjatin, »Schöne neue Welt« (1932) von Aldous Huxley, die aber manchen als hedonistische Utopie totaler sexueller Freiheit und nicht als Schreckensbild biologisch-psychologischer Konditionierung erscheint, Karin Boyes »Kallocain« (1940) und als politischer Höhepunkt totaler Überwachung »1984« (1948) von George Orwell. In jüngster Zeit finden sich Dystopien, die speziell die Unterdrückung der Frau, oft unter religiösen Vorzeichen, etwa Margaret Atwoods »Der Report der Magd« (1985) oder die Verwendung des Menschen als Ersatzteillager für Organtransplantationen anprangern, wie zum Beispiel in Rainer Erlers Film »Fleisch« (1979) oder Kazuo Ishiguros »Alles, was wir geben mussten« (2005).

Zu den modernen Vätern der Science-Fiction zählen E. A. Poe (1809–1849) und Jules Verne (1828–1905), der unermüdliche Sammler und Aufbereiter naturkundlicher Fakten in abenteuerlicher Form sowie H.G. Wells (1866–1946). Dieser geniale Utopist, Visionär und Fabulator steckte bereits die Themenkreise der späteren SF ab: Invasion aus dem Weltall, irdische und kosmische Katastrophen, Zeitreise, die Zwiespältigkeit von Innovationen wie Unsichtbarkeit und biologische Manipulationen. Sein großes Thema war die Evolution und die Gefahren einer Devolution, in biologischer wie sozialer Hinsicht.

 

Eine Science-Fiction-Community

Gegenüber Verne oder Wells stellte die Magazin-SF zunächst einen literarischen Rückschritt dar. Aber sie brachte eine Unbefangenheit ins Spiel, man könnte es auch Unbedarftheit oder Unverschämtheit nennen, mit der das ganze Universum zur Spielwiese wurde. Während europäische Autor*innen sich bis in die 50er Jahre kaum ins Sonnensystem hinauswagten, flitzten die Protagonisten von E. E. Smith, dem »Weltenzerstörer«, Edmond Hamilton oder Jack Williamson nach Belieben im Universum umher.

Die SF-Magazine schufen eine Community von Autor*innen und Leser*innen, die Leserbriefe schrieben, »ihre« Literatur in eigenen Fanzeitschriften kritisch diskutierten und die davon träumten, selbst SF herauszugeben, zu illustrieren oder zu schreiben – und diese Träume oft auch verwirklichten. Science-Fiction ist eine Literatur mit einem Fandom, oder, wie es Donald A. Wollheim (1914–1990), Altfan und einflussreicher Herausgeber, ausdrückte: »SF builds upon SF.«

Die Entwicklung zur SF ist eine nachträgliche Konstruktion der Gelehrten, es war Zufall, welche Vorläufer ein*e Autor*in gelesen hatte. Erst mit den Magazinen entstand eine gemeinsame Lektürebasis, die von ihren Herausgebern geprägt war. In den 40er Jahren war es John W. Campbell Jr. mit »Astounding Science Fiction«, in den 50er Jahren Anthony Bouchers »The Magazine of Fantasy and Science Fiction« und Horace L. Golds »Galaxy«, Mitte der 60er Jahre Michael Moorcock mit »New Worlds« als Zentralorgan der »New Wave«, einer Gruppe von Autor*innen, die literarische Werte in die SF einbringen wollte. Jede dieser Entwicklungsstufen brachte neue Autor*innen hervor oder bereits länger tätige zu neuer Blüte.1

Mit dem Aufstieg der Taschenbücher verloren die SF-Magazine zunehmend an Bedeutung, während manche Autor*innen sogar im Hardcover zu Bestsellern wurden wie Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, Robert A. Heinlein oder Frank Herbert. Zudem verlagerte sich Science-Fiction zusehends von der Literatur weg in andere Medien. Fernseh- und Film-Serien wie »Star Trek«, »Star Wars«, »Alien« oder »Terminator« hatten den Effekt, das einst von den Fans verachtete Formen wie »Space Operas« – in den Weltraum verpflanzte Western – auf der Leinwand triumphal wiederkehrten. Höhepunkt des künstlerischen Films: Stanley Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum« (1968).

Nichts geht in der SF verloren, alles koexistiert, das Gute wie das Schlechte. Zunehmend an Bedeutung gewann die Parahistorie, die Auslotung alternativer Geschichtsabläufe, wie das Paradebeispiel »Was, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten?«. So muss sich SF nicht unbedingt mit der Zukunft beschäftigen, sondern mit modellhaften Situationen, Weltentwürfen, anderen Planeten mit vernunftbegabten Wesen und ihren Gesellschaften.

In ihren besten Beispielen ist Science-Fiction ein Gedankenexperiment, sozialer, philosophischer oder sogar theologischer Natur. »Hard SF« ist technisch-naturwissenschaftlich bestimmt, wie die New Space Opera. Aber zunehmend verlagert sich das Interesse auf gesellschaftliche und psychologisch-soziale Fragen. James Tiptree Jr. (Pseudonym für Alice B. Sheldon) erforschte in ihren Geschichten die häufig schmerzhafte Vielfalt sexueller Erfahrungen, Joanna Russ war eine kämpferische Feministin, Samuel R. Delany ist ein afroamerikanischer Homosexueller, der seine Erfahrungen verarbeitet, Philip K. Dick ein Genie mit psychotischer Weltsicht, der jede Wirklichkeit in Zweifel zog.

Science-Fiction hat sich vielfach aufgespalten, und nicht nur aus Marketinggründen. Es gibt military SF, parahistorische Geschichten und den Cyberpunk eines William Gibson oder Bruce Sterling. Es gibt Steampunk, queere SF, transhumanistische und die verschiedenste kulturell geprägte wie afrikanische SF oder Afrofuturismus. Die englischsprachige SF ist heute in der ganzen Welt verbreitet, und sie ist auch offener für andere, etwa chinesische, russische oder polnische Einflüsse geworden.

Science-Fiction ist in erster Linie abenteuerliche Unterhaltungsliteratur, die sich verkaufen muss. Aber es ist erstaunlich, wie viele tiefsinnige Probleme in dieser Unterhaltungsliteratur aufgeworfen werden, und das in einer Weise, die sie zuweilen bis in die Weltliteratur führt.

 

Anmerkung

1   J.G. Ballard, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, A. E. van Vogt; Alfred Bester, Robert Sheckley, Frederic Brown, Theodore Sturgeon, Frederik Pohl, C.M. Kornbluth, William Tenn, Judith Merril; Michael Moorcock, Thomas M. Disch, Pamela Zoline oder Joanna Russ.

 

Franz Rottensteiner lebt in Wien und war von 1980 bis 1998 Herausgeber der »Phantastischen Bibliothek« im Suhrkamp Verlag.

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