Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 380 | Science-Fiction Olivia Wenzel und Mirna Funk

Olivia Wenzel und Mirna Funk

Rezension der Romane 1000 Serpentinen Angst und Winternähe

Das Leben ist (k)ein Kaugummiautomat

Olivia Wenzels erster Roman 1000 Serpentinen Angst spricht Leser*innen bereits durch den knallgelben Schutzeinband an, auf dem sich pinke, schwarze und gelbe Kugeln wie in einem Kaugummiautomat tummeln. Die in drei Kapitel unterteilte Erzählung handelt von einer namenlosen Schwarzen Protagonistin, die in Ostdeutschland aufwächst, ihrem Zwillingsbruder, der Suizid beging, ihrer lesbischen Freundin Kim und ihrer Mutter, einer DDR-Altpunkerin, die keine Nähe zur Tochter zulassen kann. Der Roman ist über weite Strecken ein Dialog der Protagonistin mit einer weiteren Person. Manchmal fragend, manchmal antwortend wirkt diese teils wie das Unterbewusstsein, teils wie die Freundin Kim oder wie der tote und schmerzlich vermisste Bruder.

Trotz der Zeitsprünge, Textmontagen und Ortswechsel lässt sich die häufig einem Bewusstseinsstrom ähnelnde Konversation wunderbar in einem Fluss durchlesen: »WAS SAGE ICH NICHT? Dein Vater ist in Angola mittlerweile ein ziemlich wohlhabender Mann. Er hat frühzeitig in Ölpipelines investiert. Einmal im Monat überweist er dir Geld. Deshalb kannst du dir leisten, was du dir leistest. WARUM MACHT ER DAS? Er hat nach dem Tod seines Sohnes damit angefangen. Du begreifst es als eine Art von Schmerzensgeld. ABER MEINEN VATER VON DIESEM GELD ZU BESUCHEN, KOMMT MIR NICHT IN DEN SINN.«

Wenzels Roman erinnert stark an Mirna Funks Buch Winternähe, das 2015 ebenfalls bei S. Fischer erschien. Beide Autorinnen wählen marginalisierte Protagonistinnen, die im Osten Deutschlands sozialisiert wurden, zeigen aber auch deren Ermächtigungsstrategien und Selbstbewusstsein. Beide Romane richten sich primär an ein weißes bzw. nicht-jüdisches Lesepublikum, um diesem via Literatur die verletzende und traumatisierende Wirkung von alltäglichem Rassismus und Antisemitismus zu vergegenwärtigen. Beide Protagonistinnen kennzeichnet eine schwierige Beziehung zu ihren Familien, die Erfahrung der Diaspora und das Privileg zu reisen, etwa nach Vietnam und Thailand oder in die USA und Israel, um ihr Leben aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren.

Die Ortswechsel ermöglichen den Leser*innen multiple Perspektiven. Städte wie New York bei Wenzel und Tel Aviv bei Funk dienen zur Konfrontation des Publikums mit Ereignissen wie der Wahl Donald Trumps im Jahr 2016 und #BlackLivesMatter oder dem israelischen Alltag unter Raketenbeschuss im Gaza-Krieg 2014 und den darauf folgenden antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland.

Mirna Funks Schlüsselfigur Lola und Olivia Wenzels Hauptdarstellerin könnten sich neben der Begegnung im Bücherregal auch an einem fiktiven Strand in Asien oder vor einem Kaugummiautomat in Ost-Berlin begegnen, austauschen, trösten oder gar verbünden: »Wenn ich mich vor den Automaten stelle und ein wenig bücke, weckt er eine Nostalgie in mir, die vielleicht mit meiner Kindheit zu tun hat oder mit dem Entstehen der BRD, auf jeden Fall mit einem diffusen Früher. In seinem Inneren, hinter den Glasfenstern, befinden sich billiger Schmuck, Spielwaren und Süßigkeiten in drei Behältern.«

Patrick Helber

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020. 352 Seiten, 21 Euro.

Mirna Funk: Winternähe. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015. 352 Seiten, 19,99 Euro.

380 | Science-Fiction
Cover Vergrößern