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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Wille, Christian/ Nienaber, Birte (Hrsg.): Border Experiences in Europe

Wille, Christian/ Nienaber, Birte (Hrsg.): Border Experiences in Europe

Über Grenzen und ihre kulturwissenschaftlichen, geographischen und ökonomischen Hintergründe

Grenzen erleben

Ein Europa ohne Grenzen? Diese Idee wird schon länger von erneuten Grenzziehungen und -kontrollen überschattet. Wie können diese (wieder) errichteten Staatsgrenzen gedacht und erforscht werden? Wie werden Grenzen (re-)produziert? Die 16 Autor*innen des englischsprachigen Sammelbandes Border Experiences in Europe greifen diese und weitere Fragen auf und geben aktuelle Einblicke in das Feld der Grenzforschung innerhalb Europas.

Dabei stehen nicht geopolitische Perspektiven, sondern die Lebenswirklichkeiten der Bewohner*innen der Grenzregionen und ihr Erleben der Grenze im Vordergrund. Das Konzept des alltagskulturellen Erlebens der Grenze ist dabei »nicht nur eine ergänzende Perspektive auf die Grenze durch die Augen der »betroffenen Person«, sondern entsteht vielmehr durch die Grenze«, so die Herausgeber*innen Christian Wille und Birte Nienaber.

Der erste Themenkomplex beinhaltet Beiträge zum Erleben der Grenze im Alltags- und Arbeitsleben. Mit einer ethnographischen Herangehensweise wirft Ignacy Jóźwiak einen Blick auf die ukrainische Grenzregion der Oblast Transkarpatien. Er hat Menschen dort in ihrem Alltag begleitet und beschreibt, wie unterschiedlich sie von der Grenze betroffen sind, wie sie die Grenze nutzen und welche grenzüberschreitenden Verbindungen es gibt: Von Migration über Saisonarbeit und tägliches Pendeln bis hin zum Anmelden von Autos auf der anderen Seite der Grenze. Jóźwiak schlussfolgert, dass diese grenzüberschreitenden Verbindungen und Phänomene als »Lücken in der Festung Europa« und »verschwommene Grenzen des Nationalstaates« interpretiert werden können.

In den Artikeln des zweiten Themenkomplexes geht es um das Erleben der Grenze hinsichtlich Sprache und Kommunikation. Auf Grundlage von narrativen Interviews thematisiert Erika Kaloscányiová die Auswirkungen der Mehrsprachigkeit auf die Biographie von Migrant*innen. Sie wirft einen Blick auf die Geschichte von Ahmad und Patrick, zwei Migranten, denen in Luxemburg Schutz gewährt wird. Beide haben ein ähnliches »linguistisches Repertoire«, als sie dort ankommen, sammeln aber unterschiedliche Erfahrungen hinsichtlich sprachlicher Ungleichheit und sprachlichem Erfolg: »Die anfangs beunruhigende Umgebung hat sich für Ahmad zu einem Raum der Selbstverwirklichung entwickelt: Die wachsende Mehrsprachigkeit hat die Chancen für soziale Interaktion und wirtschaftlichen Aufstieg erhöht. Im Gegensatz dazu ließ Patricks Begeisterung für die Mehrsprachigkeit im Laufe der Zeit nach; trotz seiner umfangreichen Bemühungen um das Erlernen von Sprachen standen seine Bestrebungen nach Fortschritt in scharfem Kontrast zu seiner tatsächlichen Erfahrung der Abwärtsbewegung«. Für Kaloscányiová zeigen diese Biographien, dass Sprache ein »machtvolles Mittel ist, mit dem sich Migrant*innen in ihren alten/ neuen soziokulturellen Milieus reflektieren, positionieren und bestätigen können«.

Mit ihren unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen, geographischen und ökonomischen Hintergründen und mit Themen von Passkontrollen bis hin zu digitalen Grenzen nähern sich die Autor*innen den Grenzen aus unterschiedlichen Perspektiven. Was der Sammelband jedoch auslässt, ist der Blick auf die EU-Außengrenzen und eine globale Perspektive.

Marleen Beisheim

Christian Wille und Birte Nienaber (Hrsg.): Border Experiences in Europe. Everyday Life – Working Life – Communication – Languages. Nomos, Baden-Baden 2020. 261 Seiten, kostenlos online auf Nomos eLibrary.

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