Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Fraser, Nancy/ Jaeggi, Rahel: Kapitalismus

Fraser, Nancy/ Jaeggi, Rahel: Kapitalismus

Kapitalismuskritik von einem sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus

Zwischen Ökonomie und Sozialem

Kapitalismuskritische Positionen sind in den letzten Jahren wieder ins Zentrum linker Diskussionen gerückt. Doch besonders an denjenigen Standpunkten, die dem Anspruch einer kritischen Theorie verpflichtet sind, fällt ein Primat des Sozialen gegenüber dem Ökonomischen auf: Statt sich mit dem Kapitalismus auf der Ebene ökonomischer Theorie auseinanderzusetzen, wird die Kritik von einem sozialwissenschaftlichen Standpunkt jenseits ökonomischer Problemstellungen geführt. Deshalb treten Nancy Fraser und Rahel Jaeggi in ihrem Gesprächsband Kapitalismus mit dem Anspruch an, diese Lücke zu schließen. Fraser ist Professorin an der New School in New York, Jaeggi an der Humboldt-Universität in Berlin. Bekannt sind beide in erster Linie durch ihre Arbeiten zu Grundbegriffen postmarxistischer Theorie, Fraser gilt darüber hinaus als Kritikerin liberaler Identitätspolitik.

Im Laufe des Gesprächs entwickeln die Autorinnen Elemente einer Theorie, welche die zentrale Stellung des Ökonomischen ernst nimmt, ohne einem Reduktionismus zu verfallen. Bereits im ersten Teil des Buches über den Begriff des Kapitalismus verwerfen sie darum eine Reihe gängiger Strukturschemata, wie zum Beispiel die Entgegensetzungen von Basis und Überbau im Marxismus oder von System und Lebenswelt bei Jürgen Habermas.

Besonders Fraser plädiert demgegenüber für eine Unterscheidung von vordergründiger Produktion und hintergründiger Reproduktion. Ausgetragen würden entlang dieser Linie sogenannte »Grenzkämpfe«, in denen die unterschiedlichen Bereiche miteinander in Konflikt gerieten. Klassenkämpfe versteht sie somit ausdrücklich nur als einen für den Kapitalismus charakteristischen Konflikt neben vielen weiteren. Damit knüpft sie in erster Linie an feministische, ökologische und antikoloniale Diskussionen an, ohne aber dabei marxistische Theoreme zu verwerfen. Der entwickelte Begriff von Kapitalismus soll ohne Einseitigkeiten die Beziehung von Systemkrisen und sozialen Kämpfen beleuchten.

Dieses Programm spitzt Fraser auf die Formel eines »progressiven Populismus« zu, der »die gesamte Arbeiterschicht« vereinen soll, »nicht nur die Teile, die historisch mit der Industrieproduktion und dem Bauwesen verbunden waren«. Dieses Programm von »Emanzipation plus Sozialschutz« bleibt allerdings vage und ist von den Anliegen anderer linkspopulistischer Bewegungen, die sich mitunter als Sammelbecken von nicht gerade progressiv zu nennenden Strömungen herausgestellt haben, kaum zu unterscheiden. An diesem entscheidenden Punkt wäre eine deutlichere Abgrenzung wünschenswert.

Somit präsentieren Fraser und Jaeggi trotz ihrer differenzierten und umsichtigen Diskussion nur einen programmatischen Entwurf, dem es besonders an ökonomischer Fundierung mangelt. Es bleibt meist beim Ausloten jener begrifflichen Grenze zwischen kapitalistischer Produktion und ökologischer sowie sozialer Reproduktion. Dabei geschieht häufig genau das, worüber die Autorinnen eigentlich hinauswollten: Nicht das Ökonomische wird eingehender beleuchtet und ernst genommen, sondern der Begriff des Kapitalismus noch weiter unter das Primat des Sozialen gestellt.

Eine ökonomische Auseinandersetzung mit der aktuellen kapitalistischen Produktionsweise und ihren Allokations- und Distributionsformen findet sich in dem Buch nicht. Die Probleme einer Kapitalismuskritik unterm Primat des Sozialen werden somit an vielen Stellen zwar deutlich herausgearbeitet, aber nicht gelöst. Dennoch gelingt Jaeggi und Fraser eine weitgreifende Bestandsaufnahme und Aktualisierung der kapitalismuskritischen Debatten der letzten Jahrzehnte.

Moritz May

Nancy Fraser/ Rahel Jaeggi: Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2020. 329 Seiten, 24 Euro.

381 | Antisemitismus
Cover Vergrößern