Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Marz, Ulrike: Kritik des Rassismus. Eine Einführung

Marz, Ulrike: Kritik des Rassismus. Eine Einführung

Universelle Rassismuskritik durch konkrete Begriffsbestimmung

Universelle Rassismuskritik

Angesichts rassistischer Übergriffe und staatlicher Erniedrigung von Geflüchteten gibt es gute Gründe, sich mit Rassismus zu beschäftigen. Wer hierfür in letzter Zeit zur Lektüre griff, stieß vor allem auf Erfahrungsberichte Betroffener, die für die Auswirkungen des Rassismus sensibilisieren. Doch wie lässt sich Rassismus eigentlich kritisieren? Gar nicht so einfach, denn sowohl in der Wissenschaft als auch innerhalb der Linken gibt es kontroverse Diskussionen darüber, was genau unter Rassismus zu verstehen sei, schreibt die Soziologin Ulrike Marz in ihrer Kritik des Rassismus. Sie argumentiert, dass sich erst aus einer konkreten Bestimmung des Rassismus eine politische Praxis ableiten lässt, und stellt für dieses Anliegen verschiedene Theorien des Rassismus vor.

Ihr Buch widmet sich zunächst knapp der Entstehung des Rassismus und seinen neueren Gewändern wie Ethnopluralismus und Kulturalismus. Dabei ist zu erfahren, wie »die Rede von der schützenswerten Differenz der Kulturen die Idee der ‚Rassentrennung‘ des alten biologistischen argumentierenden Rassismus verwandelt fortführt«. Marz benennt verschleiernde Ersatzbezeichnungen wie »Ausländerfeindlichkeit« und grenzt Rassismus von anderen Diskriminierungsformen ab, um so an Begriffsschärfe zu gewinnen.

Der zweite Teil fächert Erklärungsansätze für den Rassismus auf, die jeweils nach Theorieschulen sortiert wurden. Hier finden bekannte Rassismusforscher*innen wie Robert Miles oder Stuart Hall ihren Platz. Aber auch aus dem Blick geratene Analysen wie die des marxistischen »Projekts Ideologietheorie« holt Marz aus dem Archiv der Rassismuskritik hervor. Ein Kapitel zu sozialpsychologischen Motiven bezieht sich auf Arbeiten von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Leo Löwenthal. Das ist spannend, weil die Überlegungen der Kritischen Theorie sonst nur selten für eine Kritik des Rassismus nutzbar gemacht werden.

Den derzeit wohl strittigsten Ansatz, die Critical Whiteness Studies, hebt sich das Buch bis zum Ende auf. Obwohl er »mehr eine Perspektive als eine Theorie« darstellt, hat er für Marz das »Potential, Differenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und Akteur/innen aufzuzeigen«. Doch sie zeigt, dass sich Critical Whiteness für eine umfassende Kritik des Rassismus nicht eignet; und das nicht nur, weil eine »Analyse ökonomischer Konflikte« fehle. Dass die Stärken, aber auch Irrwege der rassismustheoretischen Ansätze gleichermaßen betont werden, ist für das Buch ein Gewinn.

Als lockere Klammer für alle vorgestellten Theorien dient Marz die Verwendung des Gegensatzpaars Partikularismus/Universalismus, wobei sie sich für Letzteren stark macht. Denn der partikularistischen Spaltung rassistischer Ideologie müsse ein reflektierter Universalismus entgegengehalten werden, der »für das emanzipierte Subjekt« streitet.

An manchen Stellen hätte dem Buch ein besseres Lektorat gutgetan, und das Literaturverzeichnis ist nur online verfügbar. Dennoch ist das Buch eine gelungene Einführung. Es hilft dabei, sich in unterschiedliche Erklärungsansätze für Rassismus einzufinden und trägt damit zur Schärfung der Kritik an rassistischen Zuständen bei.

Micha Neumann

Ulrike Marz: Kritik des Rassismus. Eine Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020. 240 Seiten, 12 Euro.

381 | Antisemitismus
Cover Vergrößern