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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 381 | Antisemitismus Zu reich für Solidarität

Zu reich für Solidarität

Antisemitismus spielt in Großbritannien eine kleinere Rolle als in anderen europäischen Ländern. Dennoch nehmen auch dort antisemitische Vorfälle seit Jahren zu. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg vieler Jüdinnen und Juden seit den 1970er Jahren wurde zudem linker Antisemitismus mehr und mehr zum Problem.

von Larissa Schober

2019 verzeichnete der Community Security Trust (CST) in Großbritannien mit 1.805 Vorfällen den höchsten Stand von antisemitischen Vorfällen seit Beginn der Aufzeichnungen 1984. Im ersten Halbjahr 2020 waren es 789. Das ist ein leichter Rückgang, den der CST mit dem Corona-Lockdown im Frühjahr erklärt. Allerdings beobachtet der CST zugleich, dass die Übergriffe nach dem Lockdown aggressiver wurden. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung in der Messerattacke auf einen Rabbi am 12. Juni in Stoke Newigton, einem Stadtteil im Nordosten von London.

Der benachbarte Stadtteil Stamfort Hill ist ein zentraler Ort für orthodoxes jüdisches Leben in Großbritannien: Mit etwa 30.000 Mitgliedern lebt dort die größte chassidische Gemeinschaft in Europa. Anders als nicht-orthodoxe Jüdinnen und Juden ist diese Gruppe aufgrund ihrer Kleidungsvorschriften deutlich erkennbar. Der CST spekuliert, dass dies einer der Gründe ist, warum der Verwaltungsbezirk Hackney, der ein linkes Image genießt und zu dem Stamfort Hill wie auch Stoke Newington gehören, in den Statistiken zu antisemitischen Übergriffen überproportional vertreten ist. Jüdische Sichtbarkeit, so der CST, »kann von Täter*innen als Bedrohung für ihre eigene Kultur und ihr Territorium oder als Zeichen für etwas so Unterschiedliches interpretiert werden, das leichter zu entmenschlichen und zu degradieren ist. Gleichzeitig kann es ihnen eine Gewissheit darüber geben, wen und was sie angreifen«.

Antisemitismus in der Parteipolitik ...

Während gewalttätige Übergriffe häufig dem rechten oder islamistischen Milieu zuzuordnen sind, ist bei antisemitischen Äußerungen der Anteil der Fälle in linken Milieus und insbesondere in der Labour Partei erschreckend hoch. Dieser linke Antisemitismus machte außerhalb Großbritanniens zuletzt 2018 Schlagzeilen, als sich die Führungsspitze der Labour Partei unter dem Vorsitzenden Jeremy Corbyn weigerte, die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance in den Verhaltenskodex der Partei zu übernehmen. Dabei ging es um jene Teile der Definition, die sich mit Israel befassen. So sollte in der Labour-Version die Unterstellung, dass Juden und Jüdinnen ihren Herkunftsländern gegenüber weniger loyal sind als gegenüber Israel, nicht mehr als Beispiel für Antisemitismus geführt werden, ebenso wie die Problematik, andere Standards an das Verhalten Israels im Vergleich zu anderen Nationen anzulegen.

Der Labour-Führung ging das zu weit, sie sprach davon, dass damit auch reine Kritik an der Politik Israels als antisemitisch eingestuft werden könne. Nach langem Streit innerhalb der Partei wurde schließlich die gesamte Definition übernommen, allerdings mit dem Zusatz, dass »dies die Meinungsfreiheit in Bezug auf Israel und die Rechte der Palästinenser*innen in keiner Weise untergraben wird«. Corbyn hatte einen längeren Zusatz vorgeschlagen, der auch eine Kritik an der Gründung Israels als rassistisches Unterfangen ermöglicht hätte, konnte sich damit aber nicht durchsetzen.

… und außerhalb des Parlaments

Während es in dieser Debatte überwiegend um Parteipolitik ging, ist Antisemitismus innerhalb der gesamten Linken auf der britischen Insel ein drängendes Problem, das jedoch kaum thematisiert wird. Die radikale Linke ist keine Ausnahme: Laut dem UK Antisemitism Barometer glauben 60 Prozent aller Brit*innen, die sich der radikalen Linken zugehörig fühlen, mindestens an ein antisemitisches Stereotyp – mehr als in rechten Kreisen.

Wie so oft hängt dieser Umstand auch mit dem Nahostkonflikt zusammen. Anders als in der deutschsprachigen Linken geht es dabei nicht um die Frage, welche Konfliktseite man unterstützt, sondern darum, wie weitreichend die Unterstützung für die Palästinenser*innen ist und welche Lösung des Konfliktes man als erstrebenswert erachtet – die Ein- oder Zwei-Staatenlösung. Wie auch in Deutschland wird die eigene Position zum Nahost-Konflikt dabei oft identitär und gerne mit dem Kampf gegen Rassismus vermischt. So twitterte am 28. Juni der offizielle Account von »Black Lives Matter UK«: »Während Israel die Annexion des Westjordanlands vorantreibt und der britischen Mainstream-Politik das Recht auf Kritik am Zionismus und den kolonialen Bestrebungen der israelischen Siedler genommen wird, stehen wir laut und deutlich neben unseren palästinensischen Kameraden.« Während sich auch viele Aktivist*innen von diesem Tweet distanzierten, ist eine ähnliche Kritik an Israel in der britischen Linken gang und gäbe. Israel als »Kolonialstaat« zu bezeichnen, Ultragruppen, die auf antirassistischen Demonstrationen Banner tragen wie »Arsenal-Fans against Apartheid – Free Palastine«, oder die universitäre Unterstützung der BDS-Kampagne: Solidarität mit Palästina gehört zum guten Ton.

Labour-Mitglieder wie die Schatten-Außenministerin Lisa Nandy zeigen, dass diese Solidarität nicht zwangsläufig antisemitisch sein muss. Sie ist Vorsitzende der Gruppierung »Labour Friends of Palastine« und kritisiert regelmäßig die Politik Benjamin Netanjahus. Dennoch lehnt sie die BDS-Kampagne ab, setzt sich für die Zwei-Staaten-Lösung ein und bezeichnet sich selbst als Zionistin – was im britischen Kontext in erster Linie bedeutet, das Existenzrecht Israels anzuerkennen.

Diese grundlegende Anerkennung verweigern Teile der radikalen Linken in Großbritannien dem jüdischen Staat. Sie verstehen Israel als kolonialen Siedlerstaat und als Apartheidregime. Dass diese Positionen in Großbritannien vehementer vertreten werden als andernorts, hat mehrere Gründe. Rabbi David Mason von der Muswell Hill Synagoge in Nord-London meint dazu: »Der Israel-Fetisch der britischen Linken ist ein Überbleibsel des Antiimperialismus der 1960er Jahre. Aus diesem Antiimperialismus speist sich auch das der Linken hier nahezu eingeschriebene Axiom, dass die USA und alle Staaten, die von ihnen unterstützt werden, schlicht böse sind«. Der Nahostkonflikt wird so noch stärker als in anderen Ländern vor allem im Framing eines klassisch leninistischen Antiimperialismus begriffen: Das imperialistische Lager (angeführt von den USA, im Konflikt vertreten durch Israel) bekämpft das antiimperialistische Lager (in diesem Fall die Palästinenser*innen).

Der zweite Grund ist die Kolonialgeschichte Großbritanniens. Sie ist im Königreich nur unzureichend aufgearbeitet worden und deshalb zu Recht ein zentrales Thema für die britische Linke. Da Palästina einst britisches Mandatsgebiet war, wird der Nahostkonflikt stark aus diesem Blickwinkel betrachtet und die britische Verantwortung in den Vordergrund gerückt. Dabei wird jedoch die britische Kolonialherrschaft im Nahen Osten mit der jüdischen Besiedlung Palästinas und der späteren Gründung Israels gleichgesetzt. Das Konzept Kolonialismus auf Israel anzuwenden, ist jedoch analytisch problematisch: Kolonisierte Gebiete werden zum Vorteil des kolonisierenden Landes ausgebeutet. Dieses »Hinterland« existiert im Fall des jüdischen Staates nicht.

Eingeschränktes Verständnis von Antisemitismus

Hinzu kommt die Problematik, dass Juden und Jüdinnen oft als prinzipiell zu reich und zu privilegiert begriffen werden, als dass sie Opfer von Rassismus werden könnten. Bis in die 1970er Jahre gehörten viele Jüdinnen und Juden in Großbritannien zur Arbeiterklasse, mittlerweile sind sie überwiegend Teil der Mittelschicht. Lisa Nandy thematisierte das in einer Parlamentsdebatte zu Antisemitismus so: »Es ist eine Art von Rassismus, die nach oben, nicht nach unten tritt. Die argumentiert, dass jüdische Menschen privilegiert und mächtig sind. Und weil es Menschen auf der linken Seite gibt, die glauben, dass es ihre Aufgabe ist, Privilegien und Macht herauszufordern, argumentieren sie daher fälschlicherweise und schändlich, dass jüdische Menschen ein legitimes Ziel für Rassismus seien.«

Das zeigt sich auch bei der Debatte in der Labour Partei: Corbyn und mit ihm viele radikale Linke lehnen Antisemitismus zwar prinzipiell ab, verstehen ihn aber nicht ausreichend. Rabbi Mason: »Das Problem mit Jeremy Corbyn war, dass er tief verwurzelt im Anti-Zionismus ist und Antisemitismus immer nur als ein Problem von rechts gesehen hat. Die Idee von linkem Antisemitismus, der besonders auf der Vorstellung des 'bösen Juden' fußt, war für ihn nicht vorstellbar.« Dieses sehr eingeschränkte Verständnis davon, welche Formen Antisemitismus annehmen kann, führt dazu, dass linker Antisemitismus häufig schlicht geleugnet und das Problem nicht bearbeitet wird.

Eine ehrliche Auseinandersetzung damit ist dringend nötig, zumal auch die Linke anerkennt, dass die Corona-Krise die Bedrohungslage für sämtliche Minderheiten inklusive der jüdischen verschärft. Oder wie Mason es ausdrückt: »Die Linke muss erwachsen werden! Sie muss eine robuste Israel-Kritik entwickeln, die nicht antisemitisch ist. Das ist möglich. Man kann Israel kritisieren und dennoch akzeptieren, dass Israel Teil der jüdischen Identität ist«.

 

Larissa Schober ist Redakteurin im iz3w und lebte länger in Großbritannien.

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