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Rana Mitter: China’s Good War

Am 15. August 1945 verkündete Kaiser Hirohito die Kapitulation Japans vor den Alliierten. Der Zweite Weltkrieg in Asien ging zu Ende, zum Preis von zwei abgeworfenen Atombomben, deren Verheerungen die Welt noch lange erschütterten. Ein anderes Datum, der 7. Juli 1937, dürfte hingegen wenig bekannt sein. An diesem Tag begann Chinas Krieg gegen Japan (kangzhan auf Chinesisch, der Widerstandskrieg), der nahtlos in den Weltkrieg überging. Zum Erbe dieses Krieges hat der britische Historiker Rana Mitter nun das Buch China’s Good War vorgelegt. Seine zentrale These lautet: China braucht das kollektive Kriegsgedächtnis, um eine positive nationale Identität für seinen Aufstieg zu stiften.

Für diese These spricht der neulich in China prämierte Film »The Eight Hundred«. Er erzählt von einigen hunderten Soldaten der Regierung der Nationalistischen Partei Kuomingtang (KMT), die während der Schlacht um Shanghai (1937) im Sihang-Warenhaus stationiert waren und bis zum Schluss gegen die anrückende japanische Armee kämpften. Das heroische Kriegsdrama brachte binnen eines Monates einen fast 400 Millionen Euro schweren Kassenerfolg ein.

Die pünktliche Premiere zum 75. Jahrestag des »Siegs des weltweiten antifaschistischen Krieges« lag jedoch kaum in der Absicht des Filmmachers. Denn noch vor einem Jahr stoppte die chinesische Zensurbehörde denselben Film just zwei Tage vor dem geplanten Screening bei einem Filmfestival. Grund dafür durfte die positive Darstellung der KMT-Soldaten sein, die trotz des unzweifelhaften patriotischen Grundtons des Films die etablierten Geschichtsnarrative provoziert. Denn in China heißt es offiziell immer noch, die damals mit der nationalistischen Kuomintang konkurrierende Kommunistische Partei Chinas (KPCh) habe das Volk zum Sieg über Japan geführt.

Mit diesen und anderen Tiefenstrukturen des chinesischen Geschichtsdiskurses setzt sich Rana Mitter intensiv auseinander. Der Fall »The Eight Hundred« steht ihm zufolge symptomatisch für die Herausforderung, die Chinas Staatsführung zu meistern versucht: Den Graben zwischen KMT und KPCh mittels einer inklusiven chinesischen Identität zu überbrücken, ohne den Glanz der eigenen Partei zu beschädigen. Dabei ist die Medienproduktion zu Kriegsthemen nur ein Mittel zum Zweck, um Chinas Image als verantwortlich handelnder Akteur in der heutigen Weltordnung zu polieren.

Diesen Zusammenhang verdeutlicht Mitter besonders im Kapitel »The Cairo Syndrome«. Damit bezeichnet er die mediale Wiederentdeckung der Kairo-Konferenz 1943 in China, als das Land im Gebietsstreit mit Japan über die Diaoyu/Sensaku-Insel lag. Bei der Kairo-Konferenz war mit Chiang Kai-Shek, dem führenden KMT-Politiker der damaligen Republik China, erstmalig ein Staatsmann der außereuropäischen Welt an der Bestimmung der Nachkriegsordnung beteiligt. Die gemeinsame Erklärung der Konferenz regelte unter anderem die Beendigung japanischer Gebietskontrolle auf einigen pazifischen Inseln. Der Kalte Krieg ließ sie jedoch bald in Bedeutungslosigkeit sinken.

Wenn die KPCh sich im folgenden auf das eigentlich obsolete Dokument und damit indirekt auf Chiangs Präsenz bei der Kairo-Konferenz bezog, um den eigenen Anspruch auf die Inseln zu untermauern, so musste dazu der Bürgerkrieg zwischen KMT und KPCh sowie der Regimewechsel auf dem chinesischen Festland übersehen werden. Denn nur so konnte die KPCh argumentieren, China und damit die KPCh habe die Nachkriegsordnung von Anfang an mitgeprägt.

Chinas Kriegsjahre hatten ein langes »Nachleben« in akademischen und öffentlichen Diskursen. Diese »zweite Geschichte« legt Rana Mitter mit großer Sachkenntnis überzeugend dar. Damit weist er zugleich auf die zu Unrecht vernachlässigte Geschichte von kangzhan hin. Denn nichts erleichtert der VR China die Geschichtsrevision zugunsten eines neuen Nationalismus mehr als die Unkenntnis über diese Geschichte selbst.

Wai Ching

Rana Mitter: China’s Good War – How World War II is Shaping a New Nationalism. Harvard University Press, Cambridge Massachusetts 2020. 316 Seiten, 27,50 Euro.

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