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Schuld und Sehnsucht – Elsa Koesters Romandebüt »Couscous mit Zimt«

Elsa Koester erzählt in ihrem ersten Roman von drei Frauen, deren Erinnerungen mit der französischen Kolonialgeschichte in Tunesien verbunden sind. Sie wirft einen feministischen, aber immer auch kolonial geprägten Blick auf die Rückkehrer*innen nach Frankreich – die Pieds-Noirs.

von Isabel Röder

Die Wohnung in der Avenue de Flandre, der »verdammten Rue de Flandre«, im Pariser Nordosten ist der Ort, wo sich in Elsa Koesters Debütroman »Couscous mit Zimt« die Fäden kreuzen. Hier fügt Lisa nach dem Tod von Mutter und Großmutter die Puzzlestücke ihrer Familiengeschichte zusammen. Inmitten der Proteste gegen die französische Arbeitsrecht-Reform im Frühjahr 2016 reist Lisa von Berlin nach Paris, um die Wohnung ihrer Großmutter Lucile zu verkaufen. Die Treffen mit kaum bekannten Verwandten verstören sie in gleichem Maße wie sie Einblick in die Wunden ihrer Familie geben. Mutter, Tochter und Großmutter berichten abwechselnd über die vergangenen siebzig Jahre.

Mitte des 20. Jahrhunderts gehört Familie Bellanger zu den weißen Siedler*innen im französischen Protektorat Tunesien. Lucile ist ungewollt viermalige Mutter. Als Tochter eines Postboten arbeitete sie sich in Tunesien zur Grundbesitzerin mit arabischen Angestellten hoch. Doch ihre Wut über die eigene Unfreiheit als Mutter lässt sie hart werden.

Als die Familie Anfang der 1960er Jahre mit der Unabhängigkeit der französischen Kolonien und Protektorate in Nordafrika überstürzt nach Frankreich zieht, wackelt die Welt ihrer Tochter Marie zunehmend. Marie kämpft nicht nur gegen die Einsamkeit als ungewollte Tochter, sondern auch gegen den Verlust ihres Zuhauses. Die duftenden Jasminfelder, die warme Sonne: Französisch-Tunesien ist weg. »Ich war ein Nichts«, klagt sie – wohl anerkennend, dass die Kolonialherrschaft Unrecht war. Unverstanden und rebellisch wird sie zur Alkoholikerin, die ihrer eigenen Tochter Lisa kaum Mutter sein kann. In Berlin schirmt sie diese vom französischen Zweig der Familie ab, bis in Krisen der unverarbeitete Schmerz hervorbricht.

 

Die Wunden der Entwurzelung

Die Protagonistinnen des Romans gehören zu den rund 1,4 Millionen weißen Siedler*innen, die nach der Unabhängigkeit Marokkos (1956), Tunesiens (1956) und Algeriens (1962) nach Frankreich ziehen. Die Regierung bezeichnet sie als Repatriierte – in die ‚Heimat‘ zurückgekehrte. Doch die Mehrheit wurde in Nordafrika geboren, viele auch in Spanien, Italien oder Malta; Kontinentalfrankreich ist ihnen fremd. Sie identifizieren sich mit dem anfangs abwertenden Begriff Pieds-Noirs – Schwarzfüße. In Nordafrika lebten sie zwar nicht immer in Reichtum, aber als Angehörige der Kolonialmacht doch in privilegierter Position. In Frankreich stehen sie dem Vorwurf gegenüber, von einem System der Ungleichheit profitiert und die arabisch-muslimische Bevölkerung unterdrückt zu haben, kurz: schuldig zu sein. Mit den persönlichen Gewalterfahrungen aus den Unabhängigkeitskämpfen und dem Verlust ihres Besitzes durch die Dekolonisierung passt das nicht zusammen.

Die Wunden dieser Entwurzelung wirken bis heute in die kollektive Erinnerung Frankreichs hinein und werden erst seit wenigen Jahrzehnten diskutiert. Erst 1999 wird der Algerienkrieg als solcher benannt, zuvor wurde über die »Ereignisse von Algerien« in Frankreich kollektiv geschwiegen. 2005 noch entwarf Präsident Jaques Chirac ein Gesetz, das Schulen und Universitäten aufforderte, den französischen Kolonialismus positiv darzustellen. Wegen starker Proteste wurde der betreffende Absatz zwar gestrichen, doch zeigt diese Form der Vergangenheitsbewältigung den langen Arm der organisierten Pieds-Noirs-Verbände. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung im kolonialen System ist öffentlich kaum zu finden.

Wie geht man also mit einer ‚Heimat‘ um, die es so nie hätte geben dürfen? Wie lässt sich der Schmerz über den persönlichen Verlust aushalten, ohne ein Kolonialsystem zu verteidigen? Elsa Koester fügt dieser Debatte, die oft in eine revisionistische, den Kolonialismus verharmlosende Richtung abdriftet, keine einfachen Antworten, sondern eine offene, feministische Perspektive hinzu. Marie, die Tunesien als Kind verließ, lehnt die Kolonialherrschaft ab, aber schafft es emotional kaum in ihrer Identität Frieden zu finden. Die Auseinandersetzung mit dem Ende des Kolonialismus wird so zu einer Auseinandersetzung mit den persönlichen Verlusten. In detailreichen Ausführungen rückt die Autorin dazu nah an die Protagonistinnen heran. Momente sexueller Lust oder des persönlichen Scheiterns werden lebendig.

Nicht zu überlesen ist, dass sich die meisten Protagonistinnen für Selbstbestimmung und politisch linke Positionen aussprechen. Doch trotzdem bleibt die Familie vor ihrer eigenen Geschichte wie vor einer Mauer stehen, denn die Aufarbeitung der Täter*innen-Rolle in Tunesien bleibt im Roman zweitrangig.

Äußerst spannend ist wiederum, wie sich die Familiengeschichte gleich einem Mosaik zusammenfügt. Schnipsel vom Anfang des Romans finden später wieder einen Zusammenhang und lassen doch so viel Widerspruch offen, dass sich Lesende immer fragen können: Welcher Protagonistin mag ich trauen? Elsa Koesters Roman zeigt die Spuren, die Kolonialismus und fehlende Selbstbestimmung in Familien hinterlassen. Europäische Migrationsgeschichte feministisch erzählt – dabei wird klar, dass Herkunft und Familie verdammt weh tun können.

Isabel Röder ist Soziologin und arbeitet als freie Journalistin in Freiburg.

 

»Das ist keine gute Trauerarbeit«


Interview mit Elsa Koester

 

Isabel Röder: Ihre Mutter ist eine Pied-Noir aus Tunesien, Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Da liegt die Frage auf der Hand: Sind Sie Lisa?

Elsa Koester: Ich habe tatsächlich autobiografisch angefangen zu schreiben, aber das ist unglaublich schwer, weil das echte Leben so kompliziert ist. Um die Familiengeschichte aber weiter aufschreiben zu können, habe ich fiktionalisiert. Dann haben sich die Figuren emanzipiert und plötzlich Dinge gemacht, die ich nicht tun würde. Und so entwickelte sich der Roman weg vom Autobiografischen. Jetzt bin ich nicht mehr Lisa.

 

Die Frauen Lucile und Marie werden stark von ihren Traumata beeinflusst. Die eine wird hart, die andere trinkt und lügt. Ist das deren Art, damit umzugehen?

Ich habe versucht zu erklären, wie es zu Alkoholismus und Aggressionen gegenüber Anderen und sich selbst kommen kann. Ich habe nicht überlegt, was macht das Trauma mit den Frauen, sondern, wie sind die Frauen und warum sind sie so geworden. So bin ich auf das Trauma gestoßen. Und es sind mehrere: das unerwünschte Kinderkriegen und Zwangsabtreibung, die überstürzte Rückkehr aus Tunesien. Das macht etwas mit Familien. Ich fand das spannend, weil es im Widerspruch dazu steht, wie man Kolonialismus politisch sieht. Es ist klar, dass die Franzosen kein Recht hatten, sich Tunesien zu nehmen und ihr Rausschmiss richtig und legitim war. Gleichzeitig muss man ernst nehmen, dass es individuell zu Traumata in Familien geführt hat, über Generationen hinweg. Das ist wichtig, wenn man Menschen psychologisch verstehen will.

 

Die Familie scheitert an der Verarbeitung ihrer Erlebnisse. Ist das auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Scheiterns?

Ich habe mich oft gefragt, inwiefern es ein soziales Phänomen ist. Das Interessante an der Pieds-Noirs-Geschichte – und das ist gar nicht so unähnlich zu Vertriebenen-Geschichten in Deutschland – ist: Die, die sich in Frankreich als Pieds-Noirs zusammentun und diese Identität leben, über Heimat, Verlustgefühle oder Sehnsucht sprechen, das sind die Rechten. In Südfrankreich gibt es Front National-Hochburgen, wo Pieds-Noirs eine große Rolle spielen. Sie sagen, guckt euch an, was die Araber mit Tunesien gemacht haben, seitdem wir weg sind. Das ist keine gute Trauerarbeit.

Mein Eindruck ist, dass es kaum linke Verarbeitung gibt. Es gab den Streit zwischen Sartre und Camus und es gab in den 1980ern die Entscheidung des Staates, Entschädigungszahlungen an Pieds-Noirs-Familien zu leisten. Aber es gab nie eine linke, gesellschaftliche Trauerarbeit über Kolonialismus. Von links war klar, dass es nicht geht, sich ein Land zu nehmen und die Leute zu unterjochen. Individuell gab es in den Familien großen Verlust und es ist schwer, emotional damit zurechtzukommen, weil man politisch Schuld trägt. Ich glaube, das ist ein Widerspruch, der nicht auflösbar ist.

 

Was sind die Themen, die in Ihrer Familie diskutiert werden?

Mit meiner Mutter habe ich oft über die Täter-Opfer-Frage diskutiert. Sie hat über ihren Heimatverlust und ihre Sehnsucht nach Tunesien gesprochen. Und das ist eine schwierige Sehnsucht, weil das französische Tunesien nicht mehr existiert. Ich habe dann immer gesagt, ich wolle davon nichts hören, sie sei eine Kolonialistin. Dann ist sie natürlich wütend geworden, weil ich ihr ihre Gefühle abgesprochen habe. Meine Mutter hat sich immer gut verstanden mit Leuten aus der DDR. Die Diskussion ist auch ähnlich, weil man da auch den Reflex hat zu sagen, aha, dir fehlt die DDR und was ist mit der Stasi?

 

Ist das Buch Ihre Art, Ihre Herkunft aufzuarbeiten?

Ja. Ich habe oft das Gefühl gehabt, nicht verstanden zu werden in meiner Identität. Das war Motivation für den Roman. Wie ich Dinge sehe, was ich anders mache, oder dass es bei uns an Weihnachten Couscous gibt. Das fanden alle völlig absurd und haben gefragt, wo kommst du her. Und wenn ich dann sage, aus Wilhelmshaven, dann ist immer noch nicht geklärt, warum wir Couscous zu Weihnachten haben. Meine Mutter ist Französin, aber es ist komplizierter. Ich muss schon einen halben Roman erzählen, um zu erklären, wo ich herkomme.

 

Elsa Koester: Couscous mit Zimt. Frankfurter Verlagsanstalt 2020. 448 Seiten, 24 Euro.

 

Das Interview führte Isabel Röder.

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