Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Thomas Schmidinger: Sudan

Thomas Schmidinger: Sudan

Bis zur Abspaltung des Südsudans im Jahr 2011 war der Sudan der flächenmäßig größte Staat des afrikanischen Kontinentes. Seit der 1956 erlangten Unabhängigkeit von Großbritannien war er von vielschichtigen Konflikten, wechselnden Staatssystemen und drei Revolutionen geprägt. In seiner neuesten Publikation Sudan. Unvollendete Revolutionen in einem brüchigen Land zeichnet der Wiener Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger die historischen Entwicklungen und die bis heute anhaltende konfliktreiche Staatswerdung nach.

Ausgangspunkt für Schmidingers Untersuchung ist das im anglo-ägyptischen Sudan installierte koloniale Machtkonstrukt. Im Zuge der Entkolonialisierung wurde der Sudan zwar »formal geeint«, jedoch »zutiefst gespalten« in die Unabhängigkeit entlassen. Schmidinger erläutert die vielfältigen Spannungslinien, die im Wesentlichen zwischen der arabisierten ökonomischen und politischen Elite des Niltals und den marginalisierten Gruppen in der Peripherie des Landes (unter anderem Darfur) sowie Südsudan verlaufen. Sie sind es, die die sudanesische Gesellschaft bis heute destabilisieren. Nachvollziehbar zeigt der Autor die wechselnden politischen Verhältnisse – Militärdiktaturen, Revolutionen und kurze demokratische Phasen – als Resultat ungelöster gesellschaftspolitischer Konflikte auf. Eindrucksvoll erläutert Schmidinger auch die Geschehnisse bei der Abspaltung des Südsudans. Deren Auswirkungen auf das sudanesische Gesellschaftssystem trugen letztlich zum Sturz des autokratischen Langzeitherrschers Umar al-Bashir im April 2019 bei.

Als politikwissenschaftliche Betrachtung überzeugt das Buch. Es handelt sich nicht um eine rein chronologische Abhandlung, stattdessen setzt Schmidinger immer wieder thematische Schwerpunkte. Dazu zählen etwa der Einfluss der politischen Eliten auf die sudanesische Staatlichkeit oder die gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Klientelismus, anhand derer die prägenden innerstaatlichen Konfliktlinien herausgearbeitet werden. Erfreulich ist, dass Schmidinger die politischen Entwicklungen im abgespaltenen Südsudan nicht außer Acht lässt, sondern auch deren Verschränkungen mit dem sudanesischen Machtgefüge aufzeigt. Die Beziehungen des Sudans zu den Staaten der Arabischen Halbinsel und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Teilen der Zivilgesellschaft und der aktuellen Übergangsregierung hätten hingegen weiterführend beleuchtet werden können. Dies ist aber der einzige Makel.

Schmidinger hat nicht nur die internationale Literatur zum Sudan ausgewertet. Er hat auch selbst über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten zahlreiche Interviews mit Politiker*innen, Milizenführern, Aktivist*innen und Geflüchteten geführt. Sie bereichern die politische Analyse um wertvolle Einschätzungen. Mit seinem Buch ist Schmidinger eine komplexe und im deutschsprachigen Raum alleinstehende Publikation gelungen. Sie bietet sowohl Neueinsteiger*innen als auch mit der politischen Konstellation vertrauten Leser*innen wertvolles Wissen über ein Land, das von vielen Konfliktlagen zerrissen ist.

Mario Wolf

Thomas Schmidinger: Sudan. Unvollendete Revolutionen in einem brüchigen Land. Bahoe Books, Wien 2020. 272 Seiten, 24 Euro.

382 | Welternährung
Cover Vergrößern