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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 382 | Welternährung Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Zugzwänge

Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Zugzwänge

Ein Zugzwang wird im Duden definiert als »Notwendigkeit, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt [in bestimmter Weise] zu entscheiden, etwas Bestimmtes zu unternehmen oder zu erreichen«. Wie solche Zugzwänge im Kontext von Queerness und Flucht aussehen können, beschreiben die 22 Beiträge in dem von Vojin Saša Vukadinović herausgegebenen Sammelband.

Weltweit werden Lesben, Schwule, Bi-, Intersexuelle und Transmenschen (LGBTQ*) diskriminiert und sind von Gewalt bedroht. Aufgrund der Unterdrückung sind viele gezwungen zu fliehen – auch nach Deutschland. Entgegen der sogenannten Willkommenskultur, die sich Deutschland seit 2015 auf die Fahne schreibt, werden viele Geflüchtete aber auch hierzulande retraumatisiert. Die Beiträge des Sammelbandes kritisieren die Hürden und Missstände, mit denen LGBTQ*-Geflüchtete in den Ankunftsländern konfrontiert werden, und wie sich Staaten ihrer finanziellen und immateriellen Verantwortung entziehen.

Viele Männer konnten in ihren Herkunftsländern ihre Homosexualität nicht offen und performativ ausleben, sondern mussten lernen, »im Geheimen schwul zu sein«. Dass ihr Asylgesuch dann von Personal bearbeitet wird, das in LGBTQ*-Belangen ungeschult und vorurteilsgeladen agiert, führt dazu, dass Asylanträge abgelehnt werden, weil ein schwuler Mann »zu feminin« oder »nicht feminin genug« wirke. Solche Strukturen haben verheerende Folgen für das körperliche und seelische Wohlbefinden schwuler, lesbischer, bisexueller und queerer Geflüchteter. »Frei bleiben, frei werden« (so die Überschrift des Beitrags von Lilith Raza) ist somit kaum möglich.

Bei den Debatten um Flucht, Queerness und Intersektionalität kommen zu selten Menschen zu Wort, die eigene Perspektiven und Erfahrungen zur Diskussion beitragen können. Umso wichtiger ist, dass der Sammelband vier autobiographische Erzählungen Geflüchteter versammelt. Doch wird ihnen im Gegensatz zu den anderen Teilen des Buches wenig Raum beigemessen. Zudem werden hauptsächlich die Geschichten ex-muslimischer Geflüchteter präsentiert, was zu Einseitigkeit führt und dem Komplex Flucht und Queerness nur teilweise gerecht wird. Die Verfolgung von LGBTQ*-Menschen aus religiösen Gründen ist zwar eine wichtige Problematik und zu Recht wird hier Religionskritik geübt. Dabei geht aber unter, dass die Diskriminierung von LGBTQ*-Menschen nicht allein ‚dem‘ Islam angelastet werden kann.

Das in der vom Querverlag herausgegebenen »Kreischreihe« erschienene Buch polarisiert bewusst – ähnlich wie zuletzt »Beißreflexe« von Patsy l’Amour laLove, in dem queerfeministische Positionen diskutiert werden. Das ist spannend, sofern die Kritik zu theoretisch fundierten und konstruktiven Diskussionen führt, so wie es die Gründer*innen des Querverlags vorsehen. Jedoch provoziert der Sammelband von Vojin Saša Vukadinović seinerseits die Kritik, einseitige Religionskritik wiederzugeben und dadurch antimuslimische Ressentiments zu reproduzieren. An einigen Stellen versäumen es die Autor*innen, ausgewogene Perspektiven einzunehmen. So sorgen sie vor allem für neuen Streit innerhalb der (queer-)feministischen Linken.

Emilie Pfeffer

Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Zugzwänge. Flucht und Verlangen. Querverlag, Berlin 2020. 432 Seiten, 18 Euro.

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