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Unbehelligte Täter, schweigender Staat

Sexualisierte Kriegsgewalt ist in Bosnien bis heute ein Tabuthema

Während des Bosnienkrieges wurden zwischen 20.000 und 50.000 Frauen Opfer systematischer sexualisierter Gewalt. Viele von ihnen leiden bis heute unter den psychischen und sozialen Folgen. Von den Tätern wurden nur wenige belangt, die Aufarbeitung der Verbrechen geht schleppend voran.

 

von Hannah Riede und Larissa Schober

Von 1992 bis 1995 tobte in Bosnien der blutigste der jugoslawischen Zerfallskriege. Im ethnisch diversesten Land Jugoslawiens wirkte sich die ethnonationalistische Stoßrichtung der Konflikte besonders verheerend aus. Der Krieg forderte zwischen 97.000 und 200.000 Todesopfer. Zwei Millionen Menschen, knapp die Hälfte der Einwohner*innen des Landes, waren in den drei Kriegsjahren auf der Flucht. Sogenannte ethnische Säuberungen, Deportationen in Lager und systematische Vergewaltigungen waren Teil der Kriegsstrategien. ‚Ethnische Säuberungen‘ waren dabei nicht Folge des Krieges, sondern eines der Ziele. Die durch sie erreichten Territorialgewinne wurden später bei den Friedensverhandlungen berücksichtigt, ebenso wurde die Logik der ethnischen Spaltung in das Friedensabkommen übernommen und in der Nachkriegsverfassung festgeschrieben. In der perversen Logik des Krieges waren die ‚ethnischen Säuberungen‘ daher erfolgreich. Systematische Vergewaltigungen waren ein wichtiger Teil der Umsetzung dieser Strategie.

Heute wird davon ausgegangen, dass während des Krieges 20.000 bis 50.000 Frauen vergewaltigt wurden, genaue Zahlen gibt es nicht. Das liegt unter anderem an der starken Tabuisierung des Themas innerhalb der bosnischen Gesellschaft. Es passt nicht in die heroischen Diskurse und Bilder, die rund um den Krieg entstanden sind. Auch international bleibt das Thema trotz UN-Resolutionen und offiziellen Erklärungen ein Tabu, gegen das Betroffene ankämpfen: für die Anerkennung sexualisierter Gewalt als Kriegsverbrechen.

Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe

Immer wieder wird sexualisierte Gewalt in Kriegen und bewaffneten Konflikten zumindest implizit als Nebenprodukt oder »Kollateralschaden« relativiert. Dabei wird im Grunde behauptet, dass es sich um sexuell motivierte Straftaten einzelner Personen handele. Tatsächlich wird sexualisierte Gewalt jedoch strategisch als Kriegsmittel bewaffneter Gruppen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Laut der UN-Resolution 1820 definiert sich sexualisierte Kriegsgewalt dadurch, »dass der Einsatz sexueller Gewalt insbesondere gegen Frauen und Mädchen gerichtet ist (...) mit dem Ziel, die zivilen Mitglieder einer Gemeinschaft oder ethnischen Gruppe zu erniedrigen, Macht über sie auszuüben, ihnen Furcht einzuflößen, sie zu zerstreuen und/oder zwangsweise umzusiedeln«. Es geht nicht um die Ausübung sexueller Triebe, sondern um die Demonstration von Macht und Herrschaft über »die Anderen«, um die Erniedrigung und Entwürdigung des Individuums und dessen Gruppe.

Das gilt auch für den Bosnienkrieg. Die sexualisierten Gewalttaten wurden systematisch als Kriegsmittel eingesetzt und liefen an vielen Orten nach ähnlichen Schemata ab. Dazu gehörten etwa sogenannte Vergewaltigungslager, in denen Frauen – zu geringerem Teil auch Männer – missbraucht wurden. Während des Krieges verschränkten sich geschlechtsspezifische und ethnopolitische Gewaltstrukturen. Der Körper der Frau wurde zum Austragungsort konkurrierender männlicher Besitzansprüche und des ethnischen Konflikts. Neben der Erniedrigung und dem Schüren von Angst hatten die Vergewaltigungen im ethnonationalistischen Wahn noch einen weiteren »Zweck«: Kinder, die nach einer Vergewaltigung geboren wurden, galten als der Ethnie des Vaters zugehörig. Auch deshalb werden die Vergewaltigungen als Mittel zum Genozid verstanden.

Der Krieg endete 1995 mit dem Friedensabkommen von Dayton, in dem sexualisierte Gewalt allerdings nicht berücksichtigt wurde. Die Anerkennung von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe und Kriegsverbrechen erfolgte Ende der 1990er-Jahre stattdessen zunächst auf internationaler Ebene in großen Präzedenzurteilen zweier internationaler Strafgerichtshöfe: dem Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und dem Strafgerichtshof für Ruanda. Dort wurden die Tatbestände der Vergewaltigung als Kriegswaffe, Kriegsverbrechen und als Instrument der ‚ethnischen Säuberung‘ erstmals juristisch definiert und das Problem international auf die Agenda gesetzt. Mit dem Urteil gegen Dragoljub Kunarac wurde 2001 zum ersten Mal sexuelle Versklavung und Vergewaltigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Er wurde zu 28 Jahren Haft verurteilt. Doch obwohl solche Urteile wichtige Meilensteine in der Ahndung sexualisierter Gewalt waren, zeigten sich auch vor dem ICTY Schwierigkeiten bei der konsequenten Strafverfolgung sexualisierter Kriegsgewalt. In Fällen von sexualisierter Gewalt gestaltete sich die Beweisführung häufig schwierig, sodass Anklagepunkte in diesem Bereich manchmal zugunsten einfacher nachweisbarer Vergehen vernachlässigt wurden.

Insgesamt wurden vor dem ICTY 161 Personen angeklagt, 20 davon wegen sexualisierter Gewalt. Seit 2004 werden Kriegsverbrechen auch vor Gerichten in Bosnien und Herzegowina verhandelt. Mit der Schließung des ICTY 2017 wurden alle noch ausstehenden Fälle auf diese Gerichte übertragen. Bis 2017 wurden am für Kriegsverbrechen zuständigen Gerichtshof von Bosnien und Herzegowina (GBiH) 473 Fälle verhandelt, etwa ein Viertel davon beinhaltete Anklagen aufgrund von sexualisierter Gewalt. Aktuelle Zahlen gibt es derzeit nicht, ebenso wenig über die Bearbeitung von Fällen an untergeordneten Gerichten. NGOs wie Foundation of Local Democracy (FLD) aus Sarajevo beklagen, dass der Staat trotz internationalem Druck, zuletzt im Rahmen der EU-Erweiterungsstrategie, bislang keinen Einblick in die Akten über laufende Verfahren zulässt. In jedem Fall ist die Diskrepanz zwischen zehntausenden Betroffenen und den tatsächlich vor Gericht verhandelten Fällen eklatant. FLD schätzt, dass derzeit mindestens 4.500 bekannte Täter unbehelligt in Bosnien leben.

Das hängt, wie so vieles in Bosnien, auch mit der komplexen Staatsstruktur zusammen, die das Friedensabkommen von Dayton geschaffen hat. Der GBiH ist chronisch überlastet. Er soll daher ‚weniger komplexe‘ Fälle von Kriegsverbrechen an untergeordnete Gerichte verweisen. So sind unzählige Gerichte zuständig, die aufgrund des extrem starken Föderalismus in Bosnien unter verschiedenen gesetzlichen Vorgaben und finanziellen Voraussetzungen arbeiten. Das wirkt sich häufig negativ auf die Verfahren zu sexualisierter Kriegsgewalt aus: »An den untergeordneten Gerichten werden die Fälle bisweilen bewusst verzögert und die Verfahren verschleppt, die Gerichtsbudgets sind zu gering und es fehlt das nötige Fachwissen. Am eklatantesten ist der fehlende Zeug*innenschutz. Es mangelt an Gerichtsstandards und an einer angemessenen psychosozialen Prozessbegleitung der Zeuginnen, die so mutig sind, vor Gericht zu ziehen und ihre Täter anzuklagen«, so Sandra Takács, Bosnien-Referentin bei der NGO AMICA, die in Bosnien Überlebende sexualisierter Kriegsgewalt unterstützt.

Fehlende Unterstützung für Betroffene

Zusätzlich erschwert der fehlende politische Wille die konsequente Aufarbeitung der Verbrechen. Immer wieder leugnen Politiker*innen sexualisierte Kriegsgewalt oder spielen die Taten herunter und versuchen, Urteile zu beeinflussen. Gesamtgesellschaftlich bleibt das Thema ein Tabu. Viele Überlebende scheuen sich, ihre Geschichte zu erzählen oder gar vor Gericht zu ziehen. Sie fürchten Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bedrohungen. So bleibt ihr gewaltiges Leid im Dunkeln. In diesem Klima des Schweigens setzt sich die psychosoziale Gewalt fort: »Für die betroffenen Frauen wirken sich bis heute die Folgen dieses Unrechts katastrophal auf die Psyche aus«, so Lejla Šadić von FLD. Viele leiden unter psychischen Langzeitfolgen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen und haben massive gesundheitliche Probleme. Zudem sind viele einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt.

Jene, die den Mut für ein Gerichtsverfahren aufbringen, erwarten lange Wartezeiten und mangelnde staatliche Unterstützung. Eine Prozessbegleitung sowie die ökonomische Unterstützung der Betroffenen wird überwiegend von NGOs wie FLD sowie kleinen lokalen Opferschutzverbänden geleistet. Die Betroffenen müssen sich langen, zum Teil retraumatisierenden, Befragungen unterziehen. Justizbeamt*innen sind selten im traumasensiblen Umgang geschult. Manche Fälle ziehen sich über einen quälenden Zeitraum von zehn Jahren oder mehr hin.

Kleine Erzählungen vermitteln eine sehr vage Ahnung davon, was die Frauen erleben und wie das staatliche Unterstützungssystem versagt. Im Büro des Opfervereins Women Victims of Wars (WVoW) in Sarajevo berichten die Mitarbeiterinnen von einer Überlebenden, die nach der Gerichtsverhandlung ohne Begleitung im selben Bus wie die Familie des Täters zurück in ihr Dorf fahren musste. Viele Frauen berichten von massiven Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen sich und ihre Familien. Auch Mordanschläge gegen Zeuginnen sind dokumentiert. Infolge staatlicher Intransparenz gibt es dazu keine offiziellen Zahlen.

Trotz dieser Belastungen stellt ein Urteil gegen die Täter für Betroffene oft einen wichtigen Schritt bei der Verarbeitung des Erlebten dar (siehe Interview). Doch die Zeit drängt, denn Täter wie Opfer werden älter, viele sind bereits gestorben. Der aktuelle Bericht der OSZE konstatiert, dass es angesichts der Mängel im Justizsystem und der gesamtgesellschaftlichen Widerstände nicht im Ansatz möglich ist, die Strafverfolgung von sexualisierter Kriegsgewalt in Bosnien wie geplant bis 2023 abzuschließen.

 

Hannah Riede ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeit bei AMICA e.V.  FLD ist die Partnerorganisation von AMICA in Bosnien und Herzegowina. Larissa Schober ist Redakteurin im iz3w.

 

Triggerwarnung: Das folgende Interview thematisiert explizit sexualisierte Gewalthandlungen

»Ich konnte sechs bis sieben Mal zählen, danach fiel ich in Ohnmacht«

Elvira Mutap* wurde während des Bosnienkrieges in der Region um Mostar Opfer von sexualisierter Kriegsgewalt. Seit über zehn Jahren läuft das Verfahren gegen die Täter, die sie in den von den Streitkräften der bosnisch-kroatischen Armee betriebenen Internierungslagern Vojno und Heliodrom vergewaltigt haben.

Lejla Šadić: Was haben Sie während des Bosnienkrieges erlebt?

Elvira Mutap: Als junge Frau habe ich während des Krieges schreckliche Dinge erlebt, die mich für den Rest meines Lebens traumatisiert haben und die bis heute meine Gesundheit beeinträchtigen. Ich war 17 Jahre, als der Krieg begann und wurde in den Lagern Vojno und dem Heliodrom interniert. Dort war ich täglicher Folter ausgesetzt und wurde unzählige Male vergewaltigt, auch von Männern, die zuvor in meiner Nachbarschaft gelebt hatten. Manchmal wurden meine Schwester, meine Mutter oder Nachbar*innen gezwungen, dabei zuzusehen. Auch kleine Mädchen und alte Frauen wurden missbraucht. Sie wurden vergewaltigt, gefoltert, an Öfen verbrannt und vieles mehr. Fünf Monate lang ging ich jeden Tag durch die Hölle. Ich hatte kroatischen Soldaten zu dienen, kochte, wusch und wurde vergewaltigt. An einem Tag kam der Oberbefehlshaber mit mehreren Soldaten und verlangte von mir, dass ich wählen sollte, welcher davon sich an mir vergehen würde. Als ich mich weigerte, missbrauchten mich alle drei auf brutale Weise. Ich konnte sechs bis sieben Mal zählen, danach fiel ich in Ohnmacht.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich von meiner Kleidung nur noch ein T-Shirt. Ich blutete und hatte starke Schmerzen im Unterleib und im Rücken, ich konnte nicht aufstehen. Diese Erlebnisse kann ich niemals vergessen, vor allem, weil mir das alles von Menschen angetan wurde, die ich kannte und die sich in Monster verwandelten.

 

Sie kannten also einige der Täter?

Ja, ich kannte sie. Es ist sehr schwierig, wenn man die Menschen kennt, die einem das Schlimmste im Leben angetan haben. Das einzig Gute ist, dass ich sie nicht sehen muss, außer wenn ich vor Gericht gegen sie aussage. Aber dort sehen sie mich nicht, weil ich geschützte Zeugin bin.

 

Der Krieg ist nun über 25 Jahre vorbei. Wie geht es Ihnen heute?

Die Traumata von Krieg und Vergewaltigung sind das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Sie wirken sich massiv auf meine mentale und emotionale Gesundheit aus. Da ist auch stets dieses Gefühl, dass das alles gar nicht wirklich passiert ist. Ich fühle mich leer, traurig und hoffnungslos. Ich denke nicht, dass ich jemals glücklich sein werde. Ein Teil von mir ist tot und auch nach 25 Jahren verschwinden die Schmerzen und das Gefühl der Erniedrigung und der Wertlosigkeit nicht.

 

Wie haben Ihr Umfeld und die bosnische Gesellschaft auf Ihre Erlebnisse reagiert?

Einige Menschen im meinem Umfeld waren sehr verständnisvoll und haben mich unterstützt. Aber es gibt auch jene, die mich verurteilen und mir die Schuld an dem Geschehenen geben. Sie sagen, dass ich es provoziert hätte.

 

Was war ihre Motivation, ein Gerichtsverfahren anzustreben?

Ich möchte, dass alle Schuldigen bestraft werden. Ich will, dass sie all die physischen und psychischen Schmerzen spüren, die sie mir angetan haben. Damit kein anderes Kind, Mädchen, keine andere Frau erleben muss, was ich erlebt habe. Zu Beginn hatte ich das Bedürfnis nach Vergeltung. Aber meine Rache besteht nun darin, mein Schweigen über das, was ich erlebt und gesehen habe, zu brechen.

 

Wieso begann ihr Gerichtsverfahren erst viele Jahre nach dem Krieg?

Natürlich ist diese Zeit für uns Kriegsopfer viel zu lang. Leider ist in unserem Land alles sehr langsam und der Prozess der Aufarbeitung zieht sich endlos hin. Die Verfahren sind politisch wichtig, vielleicht werden sie auch deshalb verzögert. Es gibt immer noch Politiker, die diese Kriegsverbrechen leugnen. Mittlerweile ist zudem soviel Zeit vergangen, dass sich das negativ auf die Verfahren auswirkt: Zeug*innen sterben, Beweise verschwinden. Das erschwert die Gerichtsverfahren.

 

Werden Sie während Ihres Verfahrens von staatlicher Seite unterstützt?

Nein, überhaupt nicht. Einzig die FLD hat mich unterstützt. Die Behörden sind an unseren Problemen nicht interessiert und die Öffentlichkeit und die Medien suchen nur Sensationsgeschichten.

 

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Verfahren und für die Zukunft?

Kein Urteil dieser Welt kann die Verluste des Krieges kompensieren, es kann die Wunden nicht heilen oder die Enttäuschung lindern. Dennoch sind sie wichtig, weil niemand die Bedeutung dieser Kriegsverbrechen erfassen kann, wenn sie nicht aufs Schärfste bestraft werden. Ich hoffe, dass ich in Zukunft mehr Unterstützung erfahre und dass meine geschundene Seele nach dem Verfahren zur Ruhe kommen kann. Die letzten 25 Jahre habe ich nur gelitten und in Angst vor den Tätern gelebt, die frei herumliefen. Ich hoffe, dass ich wenigstens etwas Normalität finde und in Würde leben kann.

 

* Zum Schutz der Zeugin wurde der Name von der Redaktion geändert.

 

Das Interview führte Lejla Šadić von der Foundation of Local Democracy in Kooperation mit Hannah Riede und Larissa Schober. Übersetzung aus dem Englischen: Larissa Schober

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