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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 384 | Jugoslawien »Die Mehrzahl der Zurückgekehrten sind alte Menschen«

»Die Mehrzahl der Zurückgekehrten sind alte Menschen«

Zum Tag der Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl: Interview mit Masao Fukumoto über die Folgen der Fukushima-Katastrophe

Am 11. März 2011 löste ein Erdbeben vor Japans Küste einen Tsunami aus. In der Folge kollabierten mehrere Kühlsysteme im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi 250 Kilometer nördlich von Tokyo. Es kam zur Kernschmelze in vier von sechs Reaktoren. Große Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt. Das iz3w Radiomagazin südnordfunk sprach mit dem japanischen Journalisten Masao Fukumoto über die Folgen der Reaktorkatastrophe für die Bewohner*innen der Region.

iz3w: Was sind die gesundheitlichen Auswirkungen des Reaktorunfalls auf die Menschen in der Region Fukushima?

Masao Fukumoto: Direkte Auswirkungen auf die Gesundheit sind schwer zu erfassen, da es in Japan keine Statistik von Krankheitsfällen von der Zeit vor der Reaktorkatastrophe gibt. Wir können keine Vergleiche mit älteren Daten ziehen, weil wir damals noch kein Krebsregister hatten. Nach der Kernschmelze begann man mit Massenscreenings bei Kindern und Jugendlichen. Bisher sind mehr als 200 Kinder und Jugendliche wegen Schilddrüsenkrebs operiert worden. Allerdings berichtet die Regierung, dass die Erkrankungen nicht direkt auf die Strahlung zurückzuführen seien, sondern lediglich auf das Massenscreening, weil dieses automatisch mehr Erkrankte erfasse. So will die japanische Regierung die Folgen verharmlosen, obwohl einige international anerkannte Studien - zum Beispiel vom japanischen Wissenschaftler Toshihide Tsuda oder von Hagen Scherb vom Helmholtz Zentrum München – den Zusammenhang mit der erhöhten Strahlendosis nachgewiesen haben: Je radioaktiver ein Ort belastet ist, desto mehr Menschen mit Schilddrüsenkrebs leben dort. Diese Studien werden sowohl von der japanischen Regierung als auch von den internationalen Institutionen wie WHO, UNSEAR, IAEA, ICRP und vom deutschen Bundesamt für Strahlenschutz ignoriert. Gemäß der Erfahrungen nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 sollten jetzt auch Erwachsene auf Schilddrüsenkrebs untersucht werden, doch die japanische Regierung denkt nicht daran.

Zudem leiden die Menschen an den gesellschaftlichen Folgen, denn über 150.000 Personen wurden evakuiert. Diese umfassende (Zwangs-)Evakuierung hat zu Mängeln in der medizinischen Versorgung und zu psychischen Folgeerkrankungen geführt, auch deshalb sind viele Menschen gestorben, insbesondere Ältere. Wegen der psychischen Belastungen gab es über 50 Suizidfälle.

Erkrankungen infolge der langfristigen radioaktiven Belastungen sind in ihrer Kausalität sehr schwer zu erforschen, weil es sich hier um eine niedrige Strahlendosis handelt und man die Folgen oft erst viele Jahre später diagnostizieren kann. Dafür sind epidemiologische Studien notwendig, aber die japanische Regierung hat sich sehr früh gegen solche Untersuchungen entschieden.

Ich habe mit deutschen Expert*innen zusammengearbeitet: Um weitete gesundheitliche Folgen in Japan zu ermitteln, haben wir jährlich die Bevölkerungsstatistik analysiert. Demnach haben Geburten von Kindern mit einem Gewicht unter 2.500 Gramm und die neonatale Sterblichkeit zugenommen (ab der 23. Schwangerschaftswoche bis zum 7. Tag nach der Geburt). Dieselben Phänomene zeigten sich auch nach der Tschernobyl-Katastrophe in Westdeutschland, aber die deutsche Öffentlichkeit hat diese Tatsache nicht wahrgenommen. So läuft es auch in Japan.

 

Sie waren Vorstandsmitglied der Bürger-Wissenschaftler-Konferenz in Japan, die seit der Fukushima-Katastrophe in jährlichen Konferenzen in Japan über die gesundheitlichen Folgen durch die radioaktive Strahlung diskutiert. Und Sie haben beim Aufbau der unabhängigen „Bürgermessstellen“ mitgewirkt. Was war der Anlass und was ist aus den Bürgermessstellen geworden? Was wird dort gemessen?

Ich wusste von befreundeten Menschen, dass sie damals nach der Tschernobyl-Katastrophe Bürgermessstellen in Westberlin gegründet und selbst Lebensmittel gemessen hatten. Deshalb dachte ich sofort nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima, auch wir in Japan sollten Lebensmittel selbst messen. Insgesamt sind über 100 Bürgermessstellen entstanden, überwiegend wurden hier Lebensmittel und Erde gemessen. Nur wenige konnten mit einem speziellen Gerät Ganzkörpermessungen durchführen. Inzwischen müssen die Messstellen um ihre Existenz kämpfen, da das Interesse an radioaktiv belasteten Lebensmitteln nachgelassen hat. Heute sind nur noch wenige Bürgermessstellen in der Präfektur Fukushima aktiv.

 

Wie ist die radioaktive Belastung der Umwelt aktuell einzuschätzen?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten radioaktiven Stoffe in den Boden eingedrungen sind und im Meer landeten. Im Pazifik ist der Verdünnungseffekt groß. Wie viele radioaktive Stoffe bislang in welchen Mengen ins Meer flossen, weiß man bis heute nicht genau.

In den Sperrgebieten bei Fukushima wurde und wird noch immer dekontaminiert. Trotzdem werden immer wieder sogenannte Hot-Spots mit sehr hohen Strahlenwerten gefunden. Vielerorts werden große Mengen kontaminierter Erde in speziellen Säcken gelagert und aktuell in zwei Zwischenlagern gesammelt. Nach Absprache mit den betroffenen Kommunen, in denen die Zwischenlager errichtet wurden, sollen bis 2030 alle Säcke mit kontaminierter Erde weggeräumt werden. Dafür muss die Regierung Endlager errichten, die aber keine Kommune will.

Bei den Lebensmitteln verlief die radioaktive Belastung ähnlich wie damals in Bayern nach der Tschernobyl-Katastrophe: Es sind nur bestimmte Lebensmittel hoch kontaminiert, wie z.B. Pilze, Honig, im Wald oder Gebirge gepflückte, essbare Pflanzen und Fleisch von Wildschweinen. Die japanische Regierung will jetzt den Grenzwert der Radioaktivität von derzeit einhundert Becquerel pro Kilogramm bei Lebensmitteln erhöhen. Ich halte das nicht für sicher. (Der Grenzwert in der EU beträgt 600 Bq/kg).

 

Derzeit lagern große Mengen Tritium verseuchten Kühlwassers in Fukushima. Die Entsorgung ist umstritten, denn die Regierung plädiert für eine Entsorgung in den Pazifik. Was würde das für die Fischerei bedeuten? Und regt sich in Fukushima Widerstand dagegen?

Die Fischer und Fischereibetriebe haben bisher schon viel investiert, um die Fischerei wieder aufnehmen zu können. Die Entsorgung des kontaminierten Wassers ins Meer würde bedeuten: Diese Investitionen waren sinnlos. Deshalb sind die betroffenen Kommunen und Fischereiinnungen dagegen und es gibt öffentlichen Widerstand. Diesbezüglich fanden einige Anhörungen statt, doch die Kritiker*innen hatten dann nur sehr begrenzte Redezeit.

 

Im vergangenen Jahr wurden die Evakuierungserlasse für die Städte Futaba, Okuma und Tomioka aufgehoben. Sind damit die Risiken vollständig behoben?

In diesen Städten befinden sich die meisten Gebiete, für die eine Rückkehr jahrelang ausgeschlossen wurde, weil man annahm, dass die Radioaktivität dort noch 20 Millisievert im Jahr überschreiten kann. Dort wurden im vergangenen Jahr einige für die Rückkehr ausgeschlossene Gebiete für die Rücksiedlung freigegeben. Der Grenzwert für die Freigabe beträgt 20 Millisievert pro Jahr. In Deutschland liegt der Wert für den KKW-Normalbetrieb bei einem Millisievert im Jahr. Damit ist der Grenzwert für die in Japan freigegebenen Gebiete zwanzigfach höher. Das ist viel zu hoch - und ich muss sagen, dass man damit experimentiert. Der Jahresstrahlenwert von einem Millisievert sollte eigentlich auch für Fukushima gelten.

Allerdings bleibt die Rückkehrquote der ehemaligen Einwohner*innen mit 30 Prozent gering. In einigen Gebieten liegt diese Quote unter zehn Prozent. Die Mehrzahl der Zurückgekehrten sind alte Menschen. Dabei ist zu berücksichtigen: Ein Jahr nach der Freigabe für die Rücksiedlung wird die monatliche Entschädigungszahlung eingestellt, die bislang den Zwangsevakuierten aus den betroffenen Sperrgebieten zustand. So wird auf die Evakuierten Druck ausgeübt, damit sie zurückkehren.

 

Japans Atomaufsichtsbehörde NRA hat der nuklearen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Rokkasho eine ausreichende Sicherheit attestiert – zumindest vorläufig. Laut dem Betreiber Japan Nuclear Fuel könnte die Nuklearfabrik im Herbst 2021 den kommerziellen Betrieb aufnehmen. Wie hat die Anti-Atombewegung darauf reagiert?

Die japanische Regierung will unbedingt einen Brennstoffkreislauf aufbauen und Atomenergie lange nutzen. Dafür sollen abgebrannte Brennelemente in Rokkasho im Norden Japans wiederaufbereitet werden. Doch die Bevölkerung ist weitgehend gegen diese WAA. Denn es hat immer wieder Bauprobleme und -mängel gegeben und es ist ungewiss, ob die Anlage überhaupt funktionieren wird. Mischoxid-Brennelemente, die mit dem durch die Wiederaufbereitung in Frankreich und England gewonnenen Plutonium hergestellt wurden, kommen bereits in einigen japanischen Reaktoren zum Einsatz. Für den geplanten Brennstoffkreislauf braucht Japan aber auch Schnelle Brüter. Der dafür als Demonstrationsanlage entwickelte Schnelle Brüter Monju wurde wegen technischer Mängel vor vier Jahren endgültig abgeschaltet. Zwar will Japan gemeinsam mit Frankreich einen neuen Schnellen Brüter entwickeln, doch der ist aktuell nicht in Sicht. Damit bleibt die Frage offen, wer die Abnehmer des in der WAA gewonnenen Plutoniums sein sollen.

Anders als Deutschland darf Japan „Atomwaffen weder bauen, besitzen, noch ins Inland bringen lassen“, so lautet das höchste politische Prinzip. Allerdings ist nicht umstritten, dass Japan bereits rund 40 Tonnen waffenfähiges Plutonium aus der Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen aus Japan in Frankreich und in England besitzt und zudem die dementsprechende Technik. Daher gibt es in den Nachbarländern Skepsis und Unsicherheit hinsichtlich einer möglichen militärischen Nutzung. Außerdem wird aus der WAA jährlich radioaktives Tritium ins Meer entsorgt werden, bis zur zwanzigfachen Menge der Gesamtmenge infolge des Kernkraftwerkunfalls in Fukushima.

 

Kurz nach der Reaktorkatastrophe wurden in Japan alle Kernkraftwerke abgeschaltet. Auch ein Ausstieg aus der Kernenergie wurde diskutiert. Was bedeutet das für die Emissionsmengen und den Klimaschutz?

Vor der Katastrophe waren insgesamt 57 Reaktoren in Betrieb. Die demokratische Regierungspartei, die damals während des KKW-Unfalls im März 2011 noch im Amt war, hat den Ausstieg aus der Atomenergie erwogen. Doch die folgenden Regierungen, die durch die liberaldemokratische Partei geführt wurden bzw. werden, wollen weiterhin ihre Nutzung. Zwischenzeitlich waren 24 Reaktoren stillgelegt worden bzw. für die Stilllegung vorgesehen, teilweise hatte man bereits mit dem Rückbau begonnen. Und jetzt sind neun Kernkraftwerke wieder in Betrieb, nachdem sie gemäß der seit der Katastrophe geltenden höheren Sicherheitsstandards geprüft und genehmigt wurden. 13 Reaktoren befinden sich noch in der Prüfung. Mancherorts haben Gerichte gegen die Wiederinbetriebnahme entschieden, aber das jeweilige Urteil wurde oft in der nächsten Instanz revidiert, wie im Falle des AKW Oi Block Nr. 3 und Nr. 4 im Westen Japans. Gegen die Betriebsgenehmigung für diese beiden Reaktoren gab es auch eine weitere Klage. Im Dezember vergangenen Jahres hat ein Gericht die Betriebsgenehmigung für ungültig erklärt, nachdem es festgestellt hatte, dass die Gefahr durch Erdbeben bzw. die Erdbebenbeständigkeit der Reaktoren nur unzureichend geprüft worden war. Da der Betreiber Revision eingelegt hat, bleiben die beiden Reaktoren weiter in Betrieb.

Wegen der Abschaltung aller KKWs und der Nutzung fossiler Energie hatten sich die CO2-Emissionen nach der Katastrophe in Fukushima 2011 zunächst erhöht. Japan hat genug Kohle- und Ölkraftwerke, damit konnte es die Energieversorgung gewährleisten. Die CO2-Emmissionen stiegen aber nur bis 2013. Seitdem sinken sie und jetzt ist der Jahresemissionswert niedriger als vor der Katastrophe, denn der Energieverbrauch wurde reduziert und zudem wurde in Photovoltaik investiert. Doch gegenüber 1990 sind die CO2-Emmission gestiegen. Deshalb vergleicht die Regierung den Emissionswert mit 2005. Das ist ein billiger Trick, um die Energiebilanz zu schönen.

 

Wo steht die Kernenergiepolitik in Japan heute?

Im Prinzip bleibt die japanische Energiepolitik auch nach der Katastrophe unverändert. Das Grundsatzenergiekonzept wird alle vier Jahre erneuert. Demnach verpflichtet sich Japan, erneuerbare Energien als Hauptenergiequelle auszubauen, während der Grundlaststrom mit Kohle und Atomenergie abgedeckt werden soll. Ich bin nicht sicher, ob die Regierung es wirklich ernst meint mit erneuerbaren Energien. Premierminister Naoto Kan von der demokratischen Partei, die damals während der KKW-Katastrophe im März 2011 im Amt war, hatte das Inkrafttreten eines Gesetzes für erneuerbare Energien im gleichen Jahr an seine Bereitschaft zu einem Rücktritt gebunden. Obwohl die Abnahmepflicht des durch erneuerbare Energien erzeugten Stroms nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, hat das Gesetz insbesondere zur Förderung der Photovoltaik-Anlagen viel beigetragen. Dennoch will die jetzige Regierung unter Yoshihide Suga es in naher Zukunft abschaffen.

Der japanische Strommarkt ist seit April 2016 vollständig liberalisiert. Damit sollen sich auch Stromverkäufer für grünen Strom auf dem Markt etablieren. Aber die Eintrittsbedingungen für Marktneulinge sind sehr streng. Außerdem werden die Kosten für die Nutzung der Atomenergie immer wieder auf das Netzentgelt aufgeschlagen. Die maßgebliche politische Entscheidung gegen erneuerbare Energien ist die zum Aufbau eines Kapazitätsmarkts seit Herbst 2020. An diesem müssen auch die Marktakteure des grünen Stroms teilnehmen und wesentlich mehr zahlen. Das dort investierte Kapital fließt überwiegend in die bestehenden und neu zu bauenden Kohle- und Kernkraftwerke. Das bedeutet: Die großen Energieversorgungsunternehmen (EVU), die sowohl Stromerzeuger*innen als auch Stromverkäufer*innen sind, bekommen das im Kapazitätsmarkt investierte Geld wieder zurück, während die marktteilnehmenden Stromverkäufer*innen von grünem Strom vom Kapazitätsmarkt kein Geld erhalten. Mir scheint, der Aufbau des Kapazitätsmarktes ist eigentlich eine Rettungsmaßnahme für die bestehenden großen EVU, die Kernkraftwerke betreiben.

 

Das Oberlandesgericht in Tokio hat Ende Januar 2021 den Betreiber des verunglückten Atomkraftwerks Fukushima 1 dazu verurteilt, den evakuierten Anwohner*innen Schadenersatz zu zahlen. Zugleich wurde jedoch ein früheres Urteil eines Bezirksgerichts Maebashi aufgehoben, das auch die Verantwortung der Zentralregierung für die Atomkatastrophe 2011 anerkannt hatte. Was bedeutet das Urteil für die Bewohner*innen?

Es war, wenn ich mich nicht täusche, das zweite Urteil in der 2. Instanz. Es gab insgesamt ungefähr 30 Sammelklagen in der 1. Instanz, mit denen höhere Entschädigungszahlungen verlangt wurden. Die Kläger*innen sind überwiegend sowohl Zwangs- als auch freiwillig Evakuierte, die nun überall in Japan wohnen. Es geht dabei um die Frage, wieviel Heimat wert ist. Das Zuhause ist nicht mehr so, wie es früher war, und damit haben Menschen die mit Gemeinschaft, mit der sie verbunden waren, weitgehend verloren. Wie ist so etwas zu entschädigen? Es ist unmöglich, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.

Die Nutzung der Atomenergie wird in Japan staatlich sehr gefördert. Deshalb stellt sich die Frage, ob auch der japanische Staat für die Katastrophe von 2011 verantwortlich ist. In der 1. Instanz wurden den Kläger*innen mehr Entschädigungszahlungen zugesprochen, als die Betreiberfirma Tepco bereits zahlt, doch das ist weniger als von den Kläger*innen gefordert. Was die Entschädigungszahlungen angeht, war das Urteil durch das Oberlandesgericht Sendai im Oktober 2020 erfolgreicher, es entsprach annähernd den Forderungen der Kläger*innen.

Für die Anti-KKW-Bewegung und die Betroffenen ist es sehr wichtig, dass die staatliche Verantwortung juristisch anerkannt wird. Einige bisherige Urteile erkennen diese Verantwortung an, andere nicht. Die Justizneutralität ist auch deshalb gefährdet, weil zuständigen Richter*innen die Versetzung oder gar das Ende ihrer Karriere droht. Aus diesen Gründen scheuen sie sich, gegen den Staat und bereits erteilte Betriebsgenehmigung zu entscheiden. In einem Fall wurde ein vorsitzender Richter versetzt, der eine Betriebsgenehmigung für ungültig erklärt hatte.

 

Wo steht die Anti-Atomkraft-Bewegung heute?

Die Anti-KKW-Bewegung ist nicht erst nach der Katastrophe in Fukushima entstanden, wir hatten auch vorher eine Bewegung gegen Atomwaffen und gegen die sogenannte friedliche Nutzung. Aber nach der Katastrophe 2011 sind mehr Menschen gegen Atomenergie aktiv geworden. Das war aber leider wie ein Strohfeuer: kurz und heftig. Viele neue Aktivist*innen sind nun nicht mehr engagiert. Auch Bürger*innen im Westen und Süden Japans sind kaum noch daran interessiert, was in der Präfektur Fukushima passiert.

Es gab in letzter Zeit allerdings auch einen Zwiespalt. Innerhalb der Anti-KKW-Bewegung sind einige prominente Wissenschaftler, die behaupten, es gäbe keine Klimakrise, sie sei von der Atomindustrie ausgedacht worden. Sie finden auch erneuerbare Energien nicht gut und notwendig und glauben, dass als Ersatz für die Atomenergie keine alternativen Energien notwendig sind, da die Stromversorgung auch nach der Katastrophe gesichert war. Wer für den Ausbau von erneuerbaren Energien ist, wird oft als Atombefürworter betrachtet, auch wenn er gegen die Nutzung der Atomenergie ist. Das verkompliziert die Situation in der Anti-KKW-Bewegung.

Außerdem berichten die meisten japanischen Medien überwiegend positiv über Atomenergie, weil sie Angst davor haben, Werbeeinnahmen zu verlieren. Die japanische Wirtschaft wird von den Energieversorgungsunternehmen (EVU) dominiert und viele Medienhäuser sind von ihnen abhängig. Wer über Atomenergie kritisch informiert, erhält weniger Werbeeinnahmen. Es gibt eine einzige Zeitung, die kritisch berichtet, die „Tokyo/Chunichi Shinbun“. Sie ist mit einer Auflagehöhe von 2,7 Millionen Exemplaren die drittgrößte Tageszeitung in Japan – allerdings ist sie nicht von den EVU-nahen Unternehmen anhängig, sondern vom Autohersteller Toyota.

Noch immer ist die Mehrheit der japanischen Bevölkerung gegen die Stromerzeugung durch Atomenergie, aber in den bisherigen Wahlen gewinnt immer die liberaldemokratische Partei, die Kernenergie fördert. Die Haltung gegenüber der Atomenergie spiegelt sich nicht in den Wahlen wider, auch hier sind finanzielle Interessen ausschlaggebend.

 

Masao Fukumoto ist freier Journalist und Co-Herausgeber des unabhängigen Informationsdienstes Strahlentelex für FUKUSHIMA und schrieb das in Japan erschienene Buch „Deutschland, seit 28 Jahren schwach verstrahlt“ über die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Das Interview führte Martina Backes.

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