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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 384 | Jugoslawien Volha Hapeyeva: Camel Travel

Volha Hapeyeva: Camel Travel

Ein autobiografischer Roman aus dem Minsk der 1980er- und 90er-Jahre.

Ballspielen statt Heiraten

In ihrem Debütroman Camel Travel erzählt die belarusische Autorin Volha Hapeyeva in autobiografischen Zügen vom Aufwachsen im Minsk der 1980er- und 90er-Jahre, wobei Kamele eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Aus der Ich-Perspektive beschreibt die Autorin in kurzen Kapiteln Alltagsmomente aus ihrer Kindheit und Jugend, wie die Sommerurlaube bei den Großeltern, die Angewohnheit der Mädchen, sich in der Schule bunte Haarbänder in ihre Zöpfe zu flechten oder die erste Klavierstunde und die Herausforderung, zuhause auch ohne echtes Klavier zu üben.

Bald wird der Leser*in klar, dass die scheinbar banalen Ereignisse prägende Erfahrungen der Autorin darstellen: Es wird deutlich, wie sie schon immer die Geschlechterungleichheit wahrnahm und dagegen ankämpfte. So erzählt Hapeyeva von der stillen Demütigung, die ihre Mutter hinnahm, nachdem der Vater fremdging; und von der unglücklichen Koexistenz, die ihre Großeltern seit jeher führten.

Auch sie selbst erlebte Momente geschlechterstereotypischer Behandlung, die ihr das Frausein verdarben und ihr Widerstreben gegen die vorherrschenden Geschlechternormen weckten. Nachdem die Mutter eines Jugendfreundes ihr beim Ballspielen zurief, sie wäre ein Mädchen, das schon ans Heiraten denken sollte und nicht mehr ans Ballspielen, schrieb sie: »Wie soll man nach so einer Ansage seine Weiblichkeit und sein Frausein noch bejahen? Nach so etwas willst du mit einem glühenden Eisen alles in dir ausbrennen, was die anderen daran erinnert, dass du ein Mädchen bist. Weil du nicht heiraten willst, sondern Ballspielen und im Hof herumrennen. Ich war furchtbar wütend, weil ich nicht verstehen konnte, weshalb diese Tante mir sagte, was ich zu tun hätte, und dabei an mein Geschlecht appellierte.«

In leichter Sprache und mit viel Witz bringt die Autorin der Leser*in diese Themen und ihre ersten Berührungspunkte damit nahe. Neben den Problemen im Minsk der (post)sowjetischen Zeit, wie Sprachbarrieren zwischen Russisch und Belarusisch oder die leninistische Indoktrinierung im Grundschulalter, spielen Hapeyevas Erfahrungen mit Geschlechterungleichheiten, die sie auf ihrem Weg zu einer kritischen, feministischen Frau prägten.

Hapeyeva hat aus ihren Erfahrungen gelernt: »Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass […] ich Jahre später den Weg zu meinem eigenen Körper und meiner eigenen Frau freikämpfen musste.«

Hannah Lilje

Volha Hapeyeva: Camel Travel. Literaturverlag Droschl, Graz 2021. 128 Seiten, 18 Euro.

384 | Jugoslawien
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