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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 384 | Jugoslawien »I’m waiting«

»I’m waiting«

Am 24. März 1999 griff die NATO das heutige Serbien an, der Kosovokrieg dauerte bis zum 9. Juni. Der umstrittene, weil völkerrechtswidrige NATO-Einsatz stellt bis heute eine Projektionsfläche für unterschiedlichste politische Projekte dar. Doch welche Bedeutung hat sie im Alltag der Menschen in Serbien? Interview mit Elisa Satjukow über die NATO-Luftangriffe 1999

Während des Zerfalls Jugoslawiens strebte auch das Kosovo nach Unabhängigkeit. 1998 eskalierten dort die Kampfhandlungen zwischen serbischer Armee und UÇK. Unter dem Eindruck der Menschenrechtsverbrechen in Bosnien drohte die Internationale Gemeinschaft mit einem militärischen Eingreifen. Am 24. März griff die NATO schließlich das heutige Serbien an, der Kosovokrieg dauerte bis zum 9. Juni 1999. Der umstrittene, weil völkerrechtswidrige NATO-Einsatz stellt bis heute eine Projektionsfläche für unterschiedlichste politische Projekte dar. Doch welche Bedeutung hat sie im Alltag der Menschen in Serbien? Elisa Satjukow arbeitet am Lehrstuhl für Ost- und Südosteuropäische Geschichte der Universität Leipzig. Ihr Buch »Die andere Seite der Intervention. Eine serbische Erfahrungsgeschichte der NATO-Bombardierungen 1999« ist im November 2020 erschienen. Wir sprachen mit ihr über die Bombardierung, ihre Bedeutung bis heute und Parallelen zum aktuellen Umgang mit der Covid-19-Pandemie in Serbien.

 

iz3w: Der Zerfall Jugoslawiens und die Bombardierung Serbiens durch die NATO sind eng mit der Herrschaft von Slobodan Milošević verbunden. Sie schreiben, dass mit seinem Amtsantritt im Jahr 1987 die »Rückkehr zu einer geschlossenen Gesellschaft« erfolgte. Was meinen Sie damit?

Elisa Satjukow: Die Zeit des sozialistischen Jugoslawiens unter Tito war für viele Menschen das, was in der New York Times einmal »credit card communism« genannt wurde. Wir hatten es auch hier mit einem autoritären System zu tun, aber mit einem, dass unter dem Credo »Brüderlichkeit und Einigkeit« für viele Menschen ein verhältnismäßig gutes Leben erlaubte. Das erklärt auch die bis heute starke Rückbesinnung auf die sozialistische Vergangenheit, die Mitja Velikonja als »Titonostalgie« bezeichnet. Sie verschleiert mitunter, dass Jugoslawien schon lange vor Titos Tod im Jahr 1980 an allen Enden und Ecken krankte. Mit dem Führungsvakuum, das Tito hinterließ, haben sich die politischen und wirtschaftlichen Probleme in voller Wucht Bahn gebrochen und alte Nationalismen, die schließlich in den kriegerischen Zerfall Jugoslawiens mündeten, neu aufleben lassen.

Milošević war ein Symptom dieser Zeit. Er versprach Stabilität und Perspektiven in einer Phase der Neuorientierung. Was die Ära Milošević jedoch brachte, waren Gewalt, Chaos und Stagnation. Wenngleich Serbien lange Zeit nur indirekt von den Kriegen in den Nachbarländern betroffen war, waren die Auswirkungen im täglichen Leben deutlich spürbar.

 

Sie schreiben auch über die »langen« und »wilden« 1990er-Jahren, die in Serbien als permanenter Ausnahmezustand erfahren wurden. Wie muss man sich diese Zeit vorstellen?

In diesen chaotischen Zeiten etablierte sich eine neue Herrschaftsordnung, in der sich einige wenige stark bereicherten. Die Mehrheit der Bevölkerung sah sich jedoch mit Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit konfrontiert. Der Begriff der wilden 90er stammt ursprünglich aus Russland, wo sich zur selben Zeit eine ähnliche Transformation vollzog. Der Anthropologe Jarret Zigon spricht mit Blick auf die ehemalige Sowjetunion von einem gesamtgesellschaftlichen moralischen Zusammenbruch, in dem es galt, einen kohärenten, allgemein akzeptierten und post-sozialistischen Begriff von Moral neu zu formulieren. Die Menschen in Serbien standen vor der gleichen Herausforderung. Diese Suche nach Normalität war gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner einer tief gespaltenen Gesellschaft. Die NATO-Bombardierungen, so argumentiere ich in meinem Buch, markierten den Kulminationspunkt dieser Erfahrung eines permanenten Ausnahmezustandes der langen 90er Jahre.

 

Waren die NATO-Bombardierungen der Anfang vom Ende der Ära Milošević?

Nein. Der Anfang vom Ende der Ära Milošević waren meiner Meinung nach die Proteste im Winter 1996/97. Damals gingen über drei Monate hinweg Hunderttausende täglich auf die Straße und forderten ein Ende der Kriegspolitik und der Milošević-Regierung.

Milošević nutzte den seit zwei Jahrzehnten andauernden Konflikt in Kosovo, um seine eigene Macht zu sichern. Nichts ist verbindender als ein gemeinsamer Feind. Für die politische Opposition stellte die Situation eine doppelte Herausforderung dar: Zwei in Vorbereitung auf den Krieg in Kosovo im Jahr 1998 verabschiedete Gesetze beschnitten einerseits ihre Handlungsfähigkeit – die Einschränkung der Pressefreiheit sowie der Freiheit der Universitäten. Andererseits sahen sich die Menschen in Serbien zunehmend allein gelassen vom demokratischen Ausland, das seit Beginn der 1990er-Jahre eine wichtige finanzielle und ideelle Unterstützung für die neu formierte serbische Zivilgesellschaft bot. Mit der zunehmenden Eskalation in Kosovo im Laufe des Jahres 1998 brach diese Unterstützung immer weiter weg. Wenige Monate vor Beginn der Bombardierung gründete sich noch die Otpor!-Bewegung, die zwei Jahre später zur entscheidenden Kraft beim Sturz von Milošević werden sollte.

 

Wie haben die politische Opposition und die serbische Zivilgesellschaft auf die Bombardierungen reagiert?

Aus Angst vor der Willkürherrschaft der Milošević-Regierung zogen sie sich mit Beginn der Bombardierung weitgehend ins innere oder äußere Exil zurück. Der serbische Soziologe Božidar Jakšić brachte das Dilemma der doppelten Handlungsunfähigkeit auf die Formel: »NATO planes in the sky, Milošević on the ground«. Der Fall des am Ostersonntag während der Bombardierung auf offener Straße ermordeten regierungskritischen Verlegers Slavko Ćuruvija zeigt deutlich, wie akut die Gefahrenlage war. Dennoch gab es seitens der Opposition Bemühungen, national und international gehört zu werden. Davon zeugen zahlreiche Stellungnahmen, die sich gegen die Bombardierungen und auch gegen die Gewalt im Kosovo aussprachen und in Zeiten von Kriegspropaganda und Zensur zumeist im Internet ihre Verbreitung fanden.

 

Vor und während der Bombardierungen wurden im Kosovo systematisch Albaner*innen vertrieben. Wie hat sich die serbische Gesellschaft dazu verhalten?

Wenngleich die Gewalt gegen die kosovo-albanische Bevölkerung nicht erst mit Beginn der Bombardierung einsetzte, so lässt sich dennoch feststellen, dass der Abzug sämtlicher internationaler Beobachter*innen aus dem Kosovo der serbischen Seite gewissermaßen eine Carte Blanche gegeben hat. Davon zeugt die schockierende Bilanz von etwa 7.000 Todesopfer (758 durch die Luftangriffe) und unzähligen vergewaltigten, traumatisierten und entwurzelten Menschen.

In Serbien waren diese Verbrechen offiziell nicht bekannt. Das Feindbild NATO diente als Deckerzählung, um den Menschen zu verkaufen, dass die Bilder von flüchtenden Albaner*innen, die durch die internationalen Medien gingen, entweder eine Propagandalüge des Westens oder aber Folge der NATO-Luftangriffe waren. Aus serbischer Sicht gab es keinen Krieg im Kosovo, sondern ein Vorgehen gegen die terroristische Vereinigung der UÇK. Natürlich war den meisten Menschen, die über Satellitenfernsehen und Informationsquellen abseits der zensierten serbischen Medien verfügten, klar, dass die Gewalthandlungen, die zeitgleich zur Bombardierung in Kosovo stattfanden, weit größere Ausmaße hatten und die serbische Seite daran massiv beteiligt war. Doch bis auf wenige zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich auch schon vor dem Krieg für die albanische Sache eingesetzt hatten, war die Mehrheit der serbischen Gesellschaft mit ihrem eigenen Krieg, also den täglichen Bombenangriffen, beschäftigt.

 

Wie sah der Alltag während der Bombardierungen aus?

Der alltägliche Umgang mit der Bombardierung lässt sich grob in drei Phasen unterteilen. Mit Beginn der ersten Luftangriffe am 24. März herrschten zunächst Panik und Unsicherheit. Mit was für einem Krieg hatte man es zu tun? Wie akut war die Gefahr für einen selbst? Viele flüchteten sich in Luftschutzkeller oder zu ihren Familien aufs Land. Dann folgte eine Phase der Adaption. Die Menschen sahen, dass die Bomben vor allem nachts fielen und insbesondere militärstrategische Ziele trafen. Sie sahen aber auch, dass die NATO-Flugzeuge nicht immer präzise zielten. Es galt also, das eigene Gefahrenempfinden zu kalkulieren. Je nachdem, wie ängstlich oder betroffen von potenziellen Luftangriffen man selbst war, variierte auch das Verhalten. Die dritte Phase der Bombardierung war das Warten auf ihr Ende. Ab Mai verschärfte die NATO noch einmal ihr Vorgehen, es wurde auch über den Einsatz von Bodentruppen diskutiert und die Bombardierungen nahmen an Intensität zu. Mitunter lag das gesamte Energienetz lahm und die Menschen waren tagelang ohne Wasser und Strom. Auch immer mehr Söhne kamen nicht mehr aus den Kämpfen im Kosovo zurück. Es gab Proteste von Angehörigen, die Menschen waren müde und resignierten. Der Journalist Aleksandar Ćirić hat das treffend beschrieben: »These days, when a Belgrader asked: ›How are you doing?‹, the answer is: ›I’m waiting.‹«

 

In einem Kapitel schreiben Sie über die »Bombardierung als Happening«. Was meinen Sie damit?

Während manche Personen jede Nacht der dreimonatigen Bombardierung im Luftschutzkeller verbrachten, boten bombenfreie Zeiten anderen eine willkommene Abwechslung. Sie lenkten sich ab, gingen feiern. Die Bombardierung bedeutete insbesondere für die jüngere Generation auch eine entgrenzte Zeit der Gemeinschaft, der Regellosigkeit und eines morbiden Hedonismus. Diesem Drang zu Vergemeinschaftung und Ablenkung machte sich auch Milošević zunutze, indem das Regime tagtäglich Konzerte auf großen Plätzen verschiedener Städte organisierte, die dann aber vor allem zur politischen Inszenierung eines gemeinsamen Widerstands gegen die NATO-Bomben dienten. Mit Zielscheiben, auf denen »TARGET« zu lesen war, versammelten sich die Leute auf den staatlich organisierten Konzerten, auf Plätzen und Brücken und wurden damit – bewusst oder unbewusst – zu »menschlichen Schutzschilden«.

 

Konnte Milošević von den Bombardierungen politisch profitieren?

Ja und nein. Zunächst sammelten sich große Teile der Gesellschaft hinter Milošević. Wenngleich dies nicht unbedingt aus Überzeugung für das Regime geschah, so mobilisierte dieser Krieg, wie es Kriege stets tun, einen starken Patriotismus innerhalb der Gesellschaft. Der Wunsch nach Vergemeinschaftung der Menschen angesichts einer Situation, der sich die meisten absolut hilflos gegenübersahen, wurde von Milošević genutzt, um seinen Rückhalt in der Gesellschaft nach außen hin sichtbar zu machen. Die oben beschriebenen sogenannten ›Antikriegskonzerte‹ dienten dafür zunächst als ideale Plattform, wenngleich viele Menschen schon bald fernblieben, da das musikalische Rahmenprogramm immer mehr hinter die propagandistischen Botschaften zurücktrat.

Milošević profitierte also kurzfristig von der NATO-Intervention, aber der Effekt verflüchtigte sich mit dem Fortschreiten der Bombardierung. Das Ende des Kosovokrieges am 9. Juni 1999 brachte dann auch nur wenig Erleichterung. Das Land war zerstört, verschuldet, verschrien. Mit dieser sehr düsteren Bilanz formierte sich dann erneuter Protest, der im Sommer 2000 unter der allgegenwärtigen Faust der Otpor!-Bewegung (siehe iz3w 382) die entscheidende Schlagkraft entwickelte, um einen politischen Wandel herbeizuführen. Natürlich lässt sich nur darüber spekulieren, inwiefern die NATO-Bombardierung der entscheidende Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, oder ob es auch unter anderen Vorzeichen einen Machtwechsel gegeben hätte.

 

Seit 2014 ist der Populist Aleksandar Vučić serbischer Präsident. Er fungierte unter Milošević als Informationsminister und war während der Bombardierung für die Regierungspropaganda zuständig. Wie haben sich die serbische Gesellschaft und die Erinnerungspolitik in seiner Regierungszeit verändert?

Die serbische Erinnerungspolitik lässt sich grob in drei Phasen einteilen: Da ist zunächst die Nachkriegsphase bis zum Sturz von Milošević im Oktober 2000, in der das hegemoniale Narrativ einer heldenhaften Verteidigung der serbischen Gesellschaft gegen die Übermacht der NATO am 24. März in Form eines Gedenktages zementiert wurde. Nach der demokratischen Wende bis zum erneuten Kurswechsel 2014 geriet das Gedenken zu Gunsten einer pro-europäischen Orientierung und eines Versöhnungskurses nahezu in Vergessenheit. Das änderte sich 2014 mit der Wiederwahl der Serbischen Fortschrittspartei (SNS) und der Ernennung Aleksandar Vučićs zum Ministerpräsidenten. Der 24. März 2015 ist hier als entscheidende erinnerungspolitische Zäsur zu begreifen. Wieder rückte das Martyrium der serbischen Gesellschaft ins Zentrum der öffentlichen Gedenkpolitik. In meinem Buch spreche ich von der politischen Instrumentalisierung der Bombardierungen als moderner Kosovo-Mythos.

 

Bei Ihren Schilderungen des »Alltags unter Bomben« musste ich an den aktuellen pandemiebedingten Ausnahmezustand denken. Sehen Sie Parallelen im Umgang mit den Bombardierungen und dem Management der aktuellen Pandemie?

Auf jeden Fall! In Hinblick auf die oben beschriebenen Phasen des Umgangs mit einem Ausnahmezustand sehe ich viele Parallelen. In gewisser Weise – und das war für mich eine interessante Erkenntnis – macht es gar keinen so großen Unterschied, ob der Ausnahmezustand durch Bomben oder ein unbekanntes Virus herbeigeführt wird. Entscheidend ist vielmehr, wie die Angst der Menschen vor diesem großen Unbekannten individuell und politisch gehandhabt wird. Umso mehr Wissen über die Gefahrenlage vorhanden ist, umso besser können wir uns der neuen Situation anpassen. Die Soziologin Teresa Koloma Beck beschreibt das als Rekonfiguration einer neuen Normalität, in der wir neben den destruktiven Dimensionen des Krieges – der Zerstörung von Körpern, Leben und Strukturen –, auch die produktiven und kreativen Facetten erkennen und uns in diesem neuen Alltag der Ausnahme einrichten. Zuletzt folgt dann die Phase der Ermüdung und des Wartens auf ein Ende des Ausnahmezustands. Da sind wir gerade.

 

Wie wirkt sich die Pandemie auf die aktuelle Politik in Serbien aus?

Südosteuropa ist von der Corona-Pandemie aufgrund schlechter medizinische Infrastruktur stark betroffen. Am 24. März 2020, dem jährlichen Gedenktag an die NATO-Bombardierung, titelte die größte serbische Tageszeitung Politika: »Strah od bombi zamenila korona« (Die Angst vor Bomben ersetzt durch Corona). Das ist genau das, was ich meine – es geht um den Umgang mit der Angst, individuell und gesellschaftlich. Anders als damals ist die Gemeinschaft aber nicht Trost, sondern die potenzielle Gefahrenquelle. Das macht das Erleben und Überleben des Ausnahmezustandes so viel schwieriger. Politisch sehen wir in Serbien auch gerade die Reaktivierung bekannter Freund- und Feindbilder. So sind es die orthodoxen ‚Bruderstaaten‘ China und Russland, die in der Krise helfen und deren Impfstoff man eher vertraut als dem europäischen Markt. Vor noch nicht allzu langer Zeit demonstrierte die Protestbewegung »Einer von fünf Millionen« gegen die anhaltende politische Rechtsverschiebung. Vučić nutzt nun die Corona-Krise, um die eigene Macht zu sichern und zu erweitern. Das sehen wir etwa in Hinblick auf die immer kritischere Situation unabhängiger serbischer Medien.

 

Das Interview führte Felix Schilk.

384 | Jugoslawien
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