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Deutsche Sicherheit für Kunst aus Afrika

Hefteditorial

Mitte Juli 2021 soll das Humboldt Forum in Berlin seine Tore für Ausstellungsbesucher*innen öffnen, die beispielsweise die berühmten Benin-Bronzen sehen wollen. Der Termin war mehrfach verschoben worden, Baumängel sorgten für Verzögerungen. Medienberichten zufolge monierte der Bauvorstand Hans-Dieter Hegner in einem Brief an das Bau-Bundesamt, die Mängel würden »das bereits eingebrachte Kulturgut« gefährden. Auch die Sicherheit der IT-Infrastruktur müsse verbessert werden. Konkret ging es um mangelhafte Steuerungssysteme von Klima- und Alarmanlagen, Brandschutz und Beleuchtung. Licht- und Klimaschwankungen könnten Museumsobjekte schädigen. Ein defektes Ventil führte im März dazu, dass Wasser in Zwischenwände und Hohlräume lief und einen Aufzugsschacht flutete.

In Köln gab es vergleichbaren Ärger: Defekte Sprinkler- und Rauchabzugsanlagen verursachten beim Neubau des Rautenstrauch-Joest-Museums ab 2013 kostspielige Reparaturen und Rechtsstreitigkeiten. Der Altbau des Museums hatte seine Magazine im Keller nahe des Rheins. Wiederholt richteten Überflutungen massive Schäden an. Die Liste der Baumängel ist lang. Ganz zu schweigen von der legendären Vernachlässigung der Objektkonservierung seitens deutscher Völkerkundemuseen, etwa bei der Restaurierung.

 

Die Beispiele zeigen Pfusch, kriminelle Machenschaften von Baufirmen und Missbrauch von Steuergeldern. Sie untergraben das Argument deutscher Museen, die behaupten, internationale Kulturschätze sicher zu erhalten. Ungeachtet von Schimmel- und Insektenbefall priesen Museumsverantwortliche in der alten Bundesrepublik die exzellenten Konservierungsbedingungen in deutschen Häusern. Mit diesem Argument lehnten sie ab den 1970er-Jahren Anfragen afrikanischer Kolleg*innen nach (Dauer-)Leihgaben ab.

Die Mehrheit der deutschen Museumsdirektor*innen vertrat über Jahrzehnte die Einschätzung, »Länder der Dritten Welt« seien unfähig, ihre eigene Geschichte zu bewahren. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat zeithistorischen Schriftverkehr akribisch ausgewertet und zeigt, wie Nazigrößen Kultureinrichtungen in der Nachkriegszeit prägten. So koordinierte Hans-Georg Wormit, der als NSDAP-Mitglied auf der Karriereleiter in der NS-Verwaltung aufgestiegen war, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Abwehr von Ausstellungskooperationen. Konkret wandte er sich gegen Gesuche aus Nigeria – die Benin-Bronzen betreffend. Wormit inszenierte sich als Hüter afrikanischer Kulturgüter und als internationaler Vermittler. Im Bundesinnenministerium erhielt er Unterstützung von Carl Gussone, der dort für Kulturpflege zuständig war. Gussone konnte auf eine steile Karriere in der NSDAP, SS und weiteren NS-Organisationen zurückblicken.

Die Altnazis und deren Nachfolger*innen bekämpften den Direktor des Bremer Übersee-Museums, Herbert Ganslmayr, der sich in internationalen Gremien wie der UNESCO für die Rückführung von Raubkunst einsetzte. Ganslmayr stand im engen Austausch mit Expert*innen aus Nigeria – doch die geballte deutsche Museumsmacht schlug ihm entgegen. Die heutige wohlwollende Haltung deutscher Kultur- und Außenpolitiker*innen, die Rückgabe der Benin-Bronzen zügig voranzubringen, erscheint mit solchen Rückblicken weniger glorreich.

 

Was sind die Benin-Bronzen genau? Faktisch Diebesgut. 1897 wurden sie aus dem Königshof des Oba in Benin, im heutigen Süden Nigerias, bei einer britischen Strafexpedition gestohlen. Schätzungsweise 3.000 bis 5.000 Gegenstände wurden nach London gebracht. 900 erhielt das Britische Museum, der Rest kam auf den Kunstmarkt. So gelangten über 500 Objekte nach Berlin, über 90 nach Köln und weitere Exponate in viele andere Städte wie Stuttgart oder Freiburg. Die neue Datenbank der Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland enthält eine Liste mit 1.127 Kunstgegenständen aus Benin. Ein Leitfaden soll Rückgabefragen klären – in Zusammenarbeit mit lokalen Expert*innen. Das geplante Edo Museum of West African Art in Nigeria will ab 2025 Kunstschätze ausstellen, die britische Soldaten 1897 aus dem Königspalast gestohlen hatten.

Im alten Benin dienten sie zur Symbolisierung der Macht des Oberhaupts, seiner dynastischen Herleitung und Herrschaftslegitimation. Hinzu kamen Ehrungen der Königsmütter, insbesondere der Idia im 16. Jahrhundert. Höfische Kunsthandwerker stellten stilisierte Erinnerungsköpfe der Herrschenden aus wertvollem Metall und Elfenbein her.Diese bildeten den Mittelpunkt höfischer Zeremonien. Es ging also nie nur um Kunst.

Seit dem 15. Jahrhundert pflegte das Benin-Reich diplomatische Kontakte und Handelsbeziehungen mit dem Hof in Portugal, Güter und Sklav*innen wurden mit Metall bezahlt. So knüpfte die höfische Wirtschaft und Kultur Benins an internationale Handelsnetze an. Der heutige Oba Ewuare II hat Museen in Europa wiederholt um die Rückgabe der Objekte gebeten. Dabei unterstreicht er, diese Exponate seien Botschafter der Benin-Kultur. Jetzt ist Oba Ewuare II ein Ansprechpartner für das Humboldt Forum.

 

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