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Imperiale Monarchien

Die Verstrickungen des Hochadels in den Kolonialismus sind vielfältig und reichen historisch weit zurück. Bereits in der Frühen Neuzeit waren die fürstlichen Höfe eine Triebkraft der kolonialen Expansion. Hier verschmolzen adlige Herrschaftsvorstellungen mit kolonialrassistischen Ideologien. Hochadlige in ganz Europa unterstützten die gewaltsame Eroberung und Aneignung außereuropäischer Gebiete – mit Folgen bis in die heutige Zeit.

von Jan Diebold

Um das Humboldt Forum in Berlin werden seit einigen Jahren öffentliche Debatten geführt. Besonders die unzähligen, während der Kolonialzeit geraubten Ausstellungsstücke erregen zurecht Kritik. Dies führte bundesweit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Sammlungsbeständen deutscher Museen. Die sogenannte Provenienzforschung rückte in den Mittelpunkt des Interesses und legte offen, dass die gesammelten Objekte häufig gewaltsam in den Besitz der europäischen Staaten und deren Museen gelangten.

Darüber hinaus richtete sich die Kritik auch gegen die Räumlichkeiten, in denen das Humboldt Forum untergebracht ist, handelt es sich hierbei doch um das zwischen 2013 und 2020 wiederaufgebaute Berliner Schloss. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie der Verein AfricAvenir kritisieren, dass die ohnehin schon problematischen Sammlungen ausgerechnet im Nachbau der ehemaligen Hohenzollern-Residenz ausgestellt werden. Als regierende Dynastie hatte diese die koloniale Expansion Deutschlands und Verbrechen wie den Genozid an den Herero und Nama mit zu verantworten. Die Debatte um Humboldt Forum und Berliner Schloss verweist damit auf eine weit zurückreichende Verbindung: die Verstrickung des europäischen Hochadels in den Kolonialismus.

Koloniale Traditionen der höfischen Kultur
Fürstliche Höfe wie die Hohenzollern-Residenz waren seit jeher Orte der Zurschaustellung des ‚Fremden‘ und ‚Exotischen‘. Bereits in den höfischen Kunst- und Wunderkammern der Renaissance bildeten seltene, außergewöhnliche Gegenstände eine eigene Sammlungskategorie, die sogenannten Exotica. Diese Gegenstände sollten den weitreichenden Einfluss der jeweiligen Dynastie symbolisieren und hatten einen hohen repräsentativen Wert. Aus den gleichen Gründen holten Hochadlige seit dem 14. Jahrhundert auch Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten an ihre Höfe. Mit dem Beginn des transatlantischen Sklavenhandels konnten Adlige immer mehr Afrikaner*innen nach Europa bringen. Bald galt es als Pflicht für machtbewusste Dynastien, ihren Reichtum und das weitgespannte Netz diplomatischer und kommerzieller Beziehungen durch die Präsenz Schwarzer Hofbediensteter unter Beweis zu stellen.

Der europäische Hochadel holte diese aus rassistischen Motiven an die Höfe. Sie fügten sich aber keineswegs in die ihnen zugedachte Rolle als ‚exotische‘ Statist*innen, sondern nutzten die Aufenthalte im Rahmen der Möglichkeiten für ihre Interessen. Teilweise nahmen sie hohe Positionen in der höfischen Gesellschaft ein. In einigen Fällen konnten Vertreter*innen lokaler Herrschaftseliten die Anerkennung ihrer außereuropäischen Adelstitel durchsetzen und an die ‚Standessolidarität‘ des europäischen Adels appellieren. So setzte der Kameruner Akwa Bell während seines Aufenthaltes am Hof Prinz Heinrichs von Preußen durch, mit »Königliche Hoheit« tituliert zu werden. Ein Admiral, der sich aus rassistischen Gründen darüber hinwegsetzte, musste eine Geldstrafe wegen formaler Beleidigung zahlen. Außereuropäische Monarch*innen nutzten Besuche an den europäischen Höfen auch für antikoloniale Politik. So reiste König Chulalongkorn von Siam 1897 an mehrere deutsche Residenzen, um sein Land vor einer drohenden Kolonisierung zu schützen.

Das historisch lange zurückreichende Interesse des Hochadels für ‚fremde‘ Regionen und ‚exotische‘ Gegenstände hatte einen wesentlichen Anteil an der Verbreitung des Kolonialismus in Europa. Die Höfe beeinflussten die Gesellschaft in kultureller Hinsicht, indem ihnen eine Vorbildfunktion in Bereichen wie Mode, Kunstverständnis oder Konsumverhalten zukam. Sie wurden zu Knotenpunkten, an denen sich Gegenstände und Informationen aus den Kolonien sammelten. In den Schlössern des Hochadels gastierten Kolonialausstellungen, Kolonialreisende wurden dorthin eingeladen. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Wettlauf europäischer Staaten um Kolonien begann, unterstützten weite Teile des Hochadels die imperialen Herrschaftsansprüche. Die Deutsche Kolonialgesellschaft, die größte und einflussreichste Organisation der Kolonialbewegung im Deutschen Reich, hatte bis zum Jahr 1920 ausschließlich hochadlige Präsidenten und zahlreiche hochadlige Mitglieder. Auch die kolonialen Frauenvereine waren hochadlig geprägt, so stand der Deutsche Frauenverein für die Krankenpflege in den Kolonien unter dem Protektorat von Kaiserin Auguste Viktoria, als Ehrenpräsidentin fungierte Herzogin Elisabeth zu Mecklenburg. Auf diese Weise förderte der Hochadel die Verbreitung kolonialer Ideologien in Europa und schuf damit eine Voraussetzung für die Expansion auf andere Kontinente.

Hochadlige und die koloniale Expansion
Der europäische Hochadel war am Ausbau der Kolonialherrschaft in anderen Teilen der Welt maßgeblich beteiligt. Eine zentrale Figur war dabei der belgische König Leopold II. Dieser begann in den frühen 1870er-Jahren im Gebiet des Kongo, als Privatunternehmer größere Landstücke zu erwerben. Damit löste er in Teilen des europäischen Hochadels eine Begeisterungswelle für die Kolonisierung des afrikanischen Kontinents aus. Für die von ihm gegründete Association Internationale Africaine beziehungsweise deren Komitees in den jeweiligen europäischen Staaten konnte er zahlreiche hochadlige Ehrenmitglieder gewinnen, etwa den russischen Zaren, den habsburgischen Kronprinzen oder den Prince of Wales. Wenig später begannen deutsche Hochadlige auch selbst, sich an kolonialen Unternehmen zu beteiligen. So erwarb Kaiser Wilhelm II. 1912 zwei Farmen in Südwestafrika, Prinz Albrecht von Preußen eine Plantage in Ostafrika und Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein gründete 1911 die Herzoglich Schleswig-Holsteinsche Kakao-Gesellschaft, an der sich wiederum weitere Hochadlige wie Prinz Philipp von Sachsen-Coburg und Gotha sowie der Herzog zu Sachsen als Gesellschafter beteiligten.

Während gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa Industrialisierung und Urbanisierung voranschritten, blieb in den Kolonien die Plantagen- und Farmwirtschaft vorherrschend. Dies entsprach dem adligen Ideal einer auf Landbesitz und Gutswirtschaft basierenden Ökonomie. Auch die koloniale Ausbeutungslogik knüpfte an das adelige Naturverständnis an, das eine Nutzbarmachung der gesamten Umwelt anstrebte.

Hochadlige unterstützten auch Forschungsreisen in außereuropäische Gebiete, die das zur späteren Kolonisierung benötigte Wissen schufen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts konnten meist nur Adlige die finanziellen Mittel für diese teuren Reisen aufbringen. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein standen an der Spitze der wissenschaftlichen Komitees, die über die Finanzierung von Forschungsreisen entschieden, häufig Hochadlige. Als Finanziers übernahmen sie oft auch die Leitung der Expeditionen. Kolonialreisen übten auf weite Teile des Hochadels eine große Faszination aus: Die imperiale Infrastruktur, bestehend aus luxuriösen Freizeitbeschäftigungen in den Städten, unbegrenzten Jagdmöglichkeiten in den Steppen sowie aus repräsentativen Auftritten bei Empfängen der jeweiligen Kolonialverwaltung, war für sie attraktiv. Nach der Rückkehr inszenierten sich Hochadlige als Forscher*innen und stellten die gesammelten Objekte, wie präparierte Tiere, Kunstgegenstände oder menschliche Knochen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen zur Verfügung.

Koloniale und adlige Herrschaft
Angehörige des Hochadels übernahmen zudem häufig Spitzenposten in der Kolonialverwaltung oder im Kolonialmilitär der jeweiligen Gebiete. Im Britischen Empire hatte der Hochadel quasi ein Monopol auf die prestigereichsten Posten im ganzen Imperium. Im Deutschen Kolonialreich übernahm Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg das Gouverneursamt in Togo. In diesen einflussreichen Positionen gestalteten Hochadlige den Ausbau der kolonialen Herrschafts- und Machtstrukturen maßgeblich mit.

Umgekehrt trugen die Kolonien als prestigeträchtiges Betätigungsfeld wesentlich zum aristokratischen Machterhalt bei. Denn im Lauf des 19. Jahrhunderts geriet der Adel durch die Professionalisierung und Spezialisierung der industrialisierten Arbeitswelt zunehmend unter Druck. Das sich über Bildung und Leistung definierende Bürgertum drängte die alten Eliten in wichtigen Bereichen wie der Wirtschaft, Verwaltung oder Politik zurück. Gleichzeitig hatten Adlige den Anspruch, zum ‚Ruhm‘ ihrer Dynastie beizutragen und sich berufliche Aufgaben zu suchen, die als standesgemäß galten. Da solche Tätigkeitsfelder durch die bürgerliche Konkurrenz schwanden, boten die Kolonien einen Ausweichraum. Dort gab es Karrieremöglichkeiten, die sich durch die damalige Bedeutung des Imperialismus als ruhmreiche und patriotische Taten inszenieren ließen.

Auch die Ähnlichkeit rassistischer Herrschaftsmodelle mit den adligen Vorstellungen von angeblich natürlichen Hierarchien zwischen verschiedenen Menschengruppen ließen dem Adel die Kolonien als geeignetes Tätigkeitsfeld erschienen. Ein verbindendes Element zwischen beidem war die Idee von an das Blut gekoppelte Eigenschaften, die Menschen unabänderlich in Herrschende und Beherrschte einteilen. So hatte der Begriff ‚Rasse‘ zunächst die Bedeutung Adel oder Geschlecht. Im Mittelalter legten spanische Adlige das »blaue Blut« als äußerliches Erkennungsmerkmal ihrer Gruppe fest. Da sie aufgrund ihrer westgotischen Herkunft eine hellere Hautfarbe als die Mehrheitsbevölkerung hatten, stellten die sichtbaren Blutgefäße ein wirksames Unterscheidungsmerkmal dar. Eine möglichst weiße Hautfarbe symbolisierte auch das Privileg, nicht arbeiten und der Sonne ausgesetzt sein zu müssen. »Blutsreinheit« wurde zur Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg und höhere Ämter.

Ab dem 17. Jahrhundert übertrugen die Kolonialeliten das Konzept der »Blutsreinheit« auf die lateinamerikanischen Kolonien, wo es als rassistisch begründeter Ausschlussmechanismus gegenüber der lokalen Bevölkerung diente. Darüber hinaus betonten die weißen Siedler*innen ihre Abstammung von den meist adligen Konquistador*innen der ersten Generation. Sie nahmen ein aristokratisches Konzept aus Europa für sich in Anspruch, um ihre Herrschaftsansprüche gegenüber der Bevölkerung in den Kolonien zu legitimieren. Adlige und deren Nachkommen, so die Logik, seien eben zum Herrschen bestimmt. Auch in späteren Jahrhunderten und in den Imperien anderer europäischer Staaten bedienten sich Kolonialbeamte und weiße Siedler*innen eines betont feudal-aristokratischen Lebensstils, um ihren Anspruch als Herrschaftselite zu manifestieren. Solche Formen der Symbolik waren wichtig angesichts des vielfältigen Widerstands, den die Menschen vor Ort den kolonialen Machtansprüchen entgegensetzten.

Die aristokratische Prägung der Kolonialimperien übte eine Anziehung auf den Hochadel aus, insbesondere nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts demokratische Bewegungen erstarkten und die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen verbreiteten. Egalitäre Gesellschaftsentwürfe bedrohten den Adel in seinen rechtlich abgesicherten Machtpositionen, da die sozialen Grenzen durchlässiger wurden. Der Kolonialrassismus dagegen bot ein Paralleluniversum, das in seinen starren gesellschaftlichen Schranken der ständischen Ordnung ähnelte. Weite Teile der Aristokratie begannen, sich biologistischen, sozialdarwinistischen Ideen zuzuwenden. Damit legitimierten sie ihre soziale Vorrangstellung nicht mehr nach Standeszugehörigkeit, sondern nach rassistischen Kriterien. Dementsprechend begeistert zeigte sich die Mehrheit des deutschen Adels vom Nationalsozialismus. Viele schlossen sich bereits vor 1933 der Bewegung an.

Kontinuitäten in die Gegenwart
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die Verstrickung des europäischen Hochadels in den Kolonialismus weiter. In der jungen Bundesrepublik setzten sich Nachkommen der 1918 abgesetzten Hohenzollern für enge Beziehungen zum Apartheidregime in Südafrika ein. Der ehemalige Kolonialgouverneur von Togo, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, reaktivierte 1948 den Verein Kolonialkriegerdank. Unter dem neuen Namen Stiftung Heimathilfe baute er den kolonialrevisionistischen Verein zu einem einflussreichen Akteur der entstehenden Entwicklungspolitik um. 1960 reiste der »Afrika-Herzog«, wie ihn die deutsche Presse bewundernd nannte, mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes nach Togo, um internationale Beziehungen zu dem gerade unabhängig gewordenen Land aufzubauen.

In anderen europäischen Staaten setzten sich Angehörige der regierenden Dynastien für den Erhalt der Kolonialreiche ein. So reiste 1955 der belgische König Baudouin in den Kongo, um der damals erstarkenden Dekolonisierungsbewegung entgegenzuwirken. Der König hatte die Hoffnung, im Gegensatz zu der in die Kritik geratenen Kolonialverwaltung vor Ort, als monarchisches Oberhaupt weiterhin auf die Loyalität der Bevölkerung bauen zu können. Ein Jahr später besuchte die Schwester der britischen Königin, Prinzessin Margaret, die ostafrikanischen Kolonien mit dem gleichen Ziel. Dass diese Bemühungen nicht vollständig fehlschlugen, zeigt der Fortbestand des Commonwealth of Nations, der die ehemaligen britischen Kolonien unter Leitung der britischen Königin verbindet.

Auch Baudenkmäler wie das teilweise wiedererrichtete Berliner Schloss verdeutlichen, dass die imperialen Monarchien des 19. Jahrhunderts weiterhin als Symbole vergangener angeblicher Weltmacht und nationaler Größe glorifiziert werden. In jüngster Zeit gewinnt allerdings im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung die Kritik am verklärenden Umgang europäischer Staaten mit ihrer Kolonialvergangenheit an Dynamik. Dabei rückt auch die Rolle von Hochadel und Monarchie in den Fokus. In Belgien engagieren sich Aktivist*innen für den Abbau der zahlreichen Statuen von König Leopold II., dem bereits Ministerpräsident Patrice Lumumba in seiner Rede zur Unabhängigkeit des Kongo ein »Regime der Unterdrückung und Ausbeutung« sowie »Massaker« vorgeworfen hatte. Der Dachrat der schwarzen Organisationen Frankreichs wies darauf hin, dass der Bau des Élysée-Palastes, der Amtssitz des Präsidenten, von dem durch Sklavenhandel reich gewordenen Marquis du Châtel finanziert wurde. Auch die Kritik am Humboldt Forum in Berlin lässt sich hier nennen. Neben zivilgesellschaftlichen Initiativen wären aber auch deutliche Zeichen von Seiten der Politik angebracht, ebenso die Bereitschaft der heutigen Vertreter*innen des Hochadels, sich kritisch mit der Kolonialgeschichte ihrer Dynastien zu befassen.

 

Jan Diebold hat zum Thema »Hochadel und Kolonialismus im 20. Jahrhundert. Die imperiale Biographie des ›Afrika-Herzogs‹ Adolf Friedrich zu Mecklenburg« promoviert. Sein gleichnamiges Buch, auf dem der hier abgedruckte Artikel basiert, erschien 2019.

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