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Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung | Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz?

Merkwürdige politische Bettgesellen

In den deutschen Feuilletons wird über die Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Rassismus sowie die Frage diskutiert, ob die hiesige Auseinandersetzung mit dem Holocaust dem Gedenken an die Opfer von Kolonialismus und Rassismus im Wege steht. Jüngst warfen Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der ZEIT der Erinnerungskultur in Deutschland »Provinzialismus« vor.

Die Bücher Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung von Rothberg und Decolonizing Auschwitz? Komperativ-Postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung von Steffen Klävers setzen sich aus verschiedenen akademischen Perspektiven mit der Debatte auseinander. Rothbergs Buch wurde 2009 auf Englisch veröffentlicht. Die erinnerungspolitische Auseinandersetzung machte es jetzt für ein deutsches Publikum interessant. Insbesondere die Kritiker*innen des Anti-BDS-Beschlusses des Bundestages berufen sich gern auf Rothbergs Konzept der »multidirektionalen Erinnerung«. Es ist nicht überraschend, dass die Übersetzung nun unter anderem vom Goethe Institut und vom Zentrum für Antisemitismusforschung gefördert wurde, die zu den Unterstützern der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit gehören – einem Bündnis deutscher Kultureinrichtungen, die aufgrund des Bundestagsbeschlusses gegen die antisemitische BDS-Kampagne die Meinungsfreiheit gefährdet sehen.

Rothberg steht der Initiative in einem der Übersetzung vorangestellten Interview zur Seite. Im Buch selbst entfaltet er die These, dass ein Festhalten an der Einzigartigkeit des Holocausts eine »Hierarchie des Leides« schaffe. Ihr stellt Rothberg auf innovative Art und Weise Texte, Filme und Kunstwerke gegenüber, in denen jeweils sowohl der Holocaust als auch die Verbrechen des Kolonialismus thematisiert werden. Literatur von Hannah Arendt, W.E.B. Du Bois und André Schwarz-Bart, aber auch den französischen Film Chronik eines Sommers (1961) des Cinéma-Vérités zieht er heran. Begegnungen, wie das Zusammentreffen von afrikanischen Studierenden und einer Holocaust-Überlebenden in Paris im Dokumentarfilm Chronik eines Sommers, sind für Rothberg Beispiele für »Solidaritätsformen und neue Gerechtigkeitsvorstellungen« jenseits der von ihm konstatierten Erinnerungskonkurrenz zwischen Holocaust- und Kolonialismus-Erinnerung.

Historische Quellen außerhalb des Schreibens, Filmens und Malens über Holocaust und Kolonialismus spielen im Buch keine Rolle. Das begründet Rothberg damit, dass es »einer gewissen Ausklammerung empirischer Geschichtsschreibung und einer Offenheit für die Möglichkeit merkwürdiger politischer Bettgesellen« bedürfe, »damit die imaginären Verbindungen zwischen verschiedenen Geschichten und gesellschaftlichen Gruppen erkennbar werden; diese imaginären Verbindungen sind das Wesen der multidirektionalen Erinnerung.« Rothberg geht es um diskursive Überschneidungen und damit assoziierte Bündnismöglichkeiten zwischen Opfergruppen. Sein Fokus liegt dabei primär auf Frankreich. Auf deutsche Debatten, wie den Historikerstreit um Ernst Noltes revisionistische These des »kausalen Nexus« zwischen den Verbrechen der Sowjetunion und dem Holocaust geht Rothberg im Haupttext des Buchs nicht ein. Im vorangestellten Interview vergleicht er allerdings die Antisemitismus-Debatte um den kamerunischen Theoretiker Achille Mbembe von 2019 mit dem deutschen Historikerstreik. Nolte wollte durch seinen Vergleich die deutsche Verantwortung für den Genozid relativieren, so Rothberg. Mbembe wurde dagegen » – zu Unrecht – zweier Todsünden im heutigen Deutschland beschuldigt: Außer Holocaustrelativierung wurde ihm auch die ‚Dämonisierung‘ Israels vorgeworfen«.

Steffen Klävers Studie Decolonizing Auschwitz? analysiert »komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaust-Forschung«. Dabei setzt sich Klävers detailliert mit der Argumentation von Rothberg, Zimmerer und A. Dirk Moses auseinander. Seine zentrale Fragestellung ist, ob und welche Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Kolonialismus existieren und welche Erkenntnisse durch die Anwendung der Postkolonialen Theorie auf die Geschichte des Holocaust gewonnen werden können. Dabei zeigt Klävers, dass die Singularität des Holocausts »[s]eine qualitative Beispiellosigkeit« ist. Rothberg und Zimmerer gehen seiner Meinung nach hingegen von einer moralischen Singularitätsthese aus, die »Singularität im Sinne einer absoluten Unbegreiflichkeit« versteht und so kaum mehr vertreten wird. Klävers betont, dass Arbeiten wie Zimmerers Studien in Deutschland das Verdienst zukommt, die überfällige Auseinandersetzung mit den deutschen Kolonialverbrechen angestoßen zu haben. Er weist aber auf eine eklatante Schwachstelle hin: Sie verkennen die Rolle des Antisemitismus, indem sie ihn als Form von Rassismus begreifen.

Klävers zeigt, dass »sich der moderne Antisemitismus vom Rassismus unterscheidet, und dass der Hauptgrund hierfür in der wahnhaften-weltverschwörerischen Komponente des Antisemitismus liegt, der dem Judentum eine übermächtige, bösartige und kontrollierende Funktion falsch zuschreibt.« Antisemitismus könne gerade nicht in »koloniale[n] Binärismen wie denen von Selbst und Anderem, zivilisiert und unzivilisiert, westlich und nicht-westlich« gefasst werden. Er weist ferner auf Israel als »Schutzraum für Jüdinnen und Juden« hin. Und er verdeutlicht, dass die »Normalisierung der Spezifika des Holocausts […] auch eine Normalisierung dieser besonderen Funktion des Staates Israel und damit eine Delegitimierung seiner Gründung« beinhalten.

Es geht in der gegenwärtigen Debatte und den Büchern also nicht nur um »Provinzialismus«. Die Spezifika des Antisemitismus im Nationalsozialismus und der Shoah anzuerkennen, würde eine Auseinandersetzung mit antiisraelischem Antisemitismus bedeuten, die allzu oft vermieden wird.

Patrick Helber

Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung. Metropol Verlag, Berlin 2021. 404 Seiten, 26 Euro.

Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komperativ-Postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. De Gruyter, Berlin 2019. 257 Seiten, 82,95 Euro.

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