Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 385 | Monarchie Royal »Es gab keine absolutistische Herrschaft«

»Es gab keine absolutistische Herrschaft«

In Westafrika gab es lange vor der Islamisierung Königreiche, die in Europa teilweise schon im 14. Jahrhundert für ihren sagenhaften Reichtum bekannt waren. Der Goldhandel – bis in europäische Königshäuser hinein – ermöglichte ihre Blüte. Die iz3w sprach mit der Afrikahistorikerin Stephanie Zehnle über vergessene vorkoloniale Königreiche in Westafrika.

iz3w: Wie sahen die mythenumwobenen vorislamischen Königreiche in Westafrika in Wirklichkeit aus?

Stephanie Zehnle: Westafrikanische Königreiche gehen auf die Zentralisierung von Herrschaft und Urbanisierung ab dem 9. Jahrhundert zurück. Die wirtschaftliche Basis dieser neuen Stadtstaaten bildete die Landwirtschaft im Umland. Handwerk und (Fern-)Handel sorgten für Prosperität. Im urbanen Kontext entwickelte sich die Herrschaft hin zu personalisierter Zentralmacht. Im Umland war politische Macht eher auf Kollektive wie Altersklassen oder Geheimgesellschaften verteilt. Letztere waren Männer- und teilweise auch Frauenbünde unter der Leitung der lokalen Elite. Alle Mitglieder waren zu strengster Geheimhaltung über Interna verpflichtet. Anders als in Europa gab es in den Stadtstaaten keine Familiendynastien. In westafrikanischen Höfen kam eine größere Elite für die Machtübernahme in Frage. Dazu zählten auch Frauen.

Die afrikanischen Reiche Ghana, Mali und Songhai lagen am Rand von islamischen Handelsimperien. Besonders legendär war das Mali-Reich unter Mansa Mussa, der zwischen 1312 und 1337 regierte. Zeitgenössische islamische Handelsreisende und Gelehrte berichteten darüber. Sie erfuhren jedoch keine Details, etwa über Goldhandel und -minen. Die Herkunft des Goldstaubs, dem Zahlungsmittel in der Zeit, blieb ihnen verborgen. Auch erste europäische Besucher*innen erhielten kaum Einblicke. Trotz der lückenhaften Kenntnisse wurden vorislamische Reiche in Europa als sakrale Königtümer kategorisiert. Das war falsch, denn erst mit der Islamisierung ab dem 13. Jahrhundert und zumeist später war Herrschaft an ein religiöses System gebunden.

 

Wie funktionierte Herrschaft in diesen Reichen?

Die Herrschenden mussten vor allem Organisieren und Probleme lösen. Während ihrer Amtshandlungen blieben sie im Palast abgeschirmt. Kostbare Tücher verhüllten ihre Gesichter und Körper. Sie waren für Gäste am Hof nicht sichtbar und kaum hörbar. Gelegentlich wirkten Frauen am Hof eines männlichen Herrschers als deren Sprecherinnen und traten im Palast öffentlich in Erscheinung.

In vorislamischer Zeit war die körperliche Gesundheit der höchsten Amtsträger*innen entscheidend. Wenn diese nicht zu hundert Prozent gegeben war, entstanden politisch destabilisierende Konflikte. Deshalb wurden Krankheiten, Tod und Bestattungen von Herrschenden geheim gehalten.

Gute Herrscher*innen zeichneten sich dadurch aus, dass sie Streit schlichteten oder interne Kriege, Hunger und Not vermieden. Für rituelle Handlungen, etwa bei ausbleibenden Regenfällen, engagierten sie religiöse Dienstleister*innen. Allerdings konnten solche Vermittler*innen zur Geister- oder Ahnenwelt für Herrschende gefährlich werden, wenn sie eine eigene Anhängerschaft aufbauten. Es gab keine absolutistische Herrschaft, zumal auch politisch beratende Gremien Kontrollfunktionen am Hof hatten.

 

Wie und wann kam es zur Islamisierung?

Ein Beispiel für die Gründung islamischer Reiche sind die Hausa-Stadtstaaten im heutigen Nordnigeria, wo die Islamisierung im 16. Jahrhundert begann. In lokalen Erzählungen ist davon die Rede, dass ein unbekannter Fremder die Herrscherin unterdrückte und heiratete. Durch eine Heldentat wurde er zum neuen Machthaber. Die Nachfolge erfolgte fortan nur über die männliche Linie.

 

Wie transformierte die Islamisierung die Struktur der Königtümer?

Westafrikanische Narrative in alten Schriften bewerten die Islamisierung als gravierenden Bruch, der tiefer greifende Veränderungen mit sich brachte als der spätere Kolonialismus. Die Islamisierung veränderte die Herrschaftsstruktur: Zugehörigkeit zur Herrscherelite ging nun mit Genealogien und biologischer Abstammung einher. Die Machtübergabe war ab da nur noch in einem bestimmten Kreis von islamischen Gelehrten möglich. Andere lokale Eliten und Frauen wurden nicht mehr daran beteiligt. Machtpositionen gingen faktisch nur noch an Männer.

 

Welche Quellen gibt es, die solche Schlüsse zulassen?

Erzählungen über islamische Reichsgründungen sind bis heute in mündlichen Hausa-Überlieferungen und Ajami-Manuskripten erhalten. Das waren Hausa-Texte in arabischer Schrift. Sie wurden oft von Händlern verfasst, die in Koranschulen ausgebildet worden waren. Hausa-Gelehrte und Händler, die in der Handelsdiaspora in Nord-Ghana und Burkina Faso wohnten, konnten schriftliche Kritik an den islamischen Theokratien festhalten, ohne sich damit zu gefährden. Während die neue Elite die Herrschenden mit islamischen Titeln ansprach, also mit Emir oder Sultan, bezeichneten die Untertanen sie weiterhin mit dem nicht transzendenten Begriff Sarki (Herrscher) aus der Hausa-Sprache.

 

Wie veränderte die Islamisierung die Herrschaftssymbole?

Vor der Einbindung in transkontinentale Handelssysteme galten vor allem Tiere wie Leoparden als Herrschaftssymbole. Hintergrund war eine Analogie: Herrschende entsprachen mächtigen Tieren in der Natur und die dortige Hierarchie korrespondierte mit der Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Damit war aber keine Gleichsetzung gemeint. Diese Tiere waren geschlechtslos. Auch das höchste Amt in den Königreichen war geschlechtsunabhängig. Die Trennung zwischen Amt und Person ermöglichte es Herrscherinnen, Liebesbeziehungen einzugehen und Kinder zu gebären. Das war ihre Privatsache. Im Unterschied zu Monarchien in Europa mußten sie keine Nachkommen für die Erbfolge gebären.

All das änderte sich mit der Islamisierung. Weibliche Mitglieder der Königsfamilie wurden in private Gemächer verbannt. Islamische Herrscher zogen fortan öffentlich zum Freitagsgebet zu neu gebauten Moscheen. Während Herrschaft also durch Religion legitimiert wurde, waren religiöse und politische Räume nun getrennt.

Herrschaftssymbole islamischer Machthaber waren Bücher. Sie empfingen ihre Gäste in Bibliotheken. Es ging den Theokraten um die Zurschaustellung ihres intellektuellen Reichtums. Gleichzeitig gaben sie sich asketisch. An die zuvor bunte Kleidung erinnerten nur noch aufwendige Turbane, die als islamische Symbole galten. Der Geheimhaltungsnimbus bezüglich Bestattungen und Gräber von vorislamischen Herrschenden wurde ab dem 19. Jahrhundert durch öffentliche Bestattungen und Grabstätten islamischer Machthaber ersetzt.

 

Welche weiteren Trennlinien wurden zu vorislamischen Reichen gezogen?

Die Abgrenzung der neuen Herrschaftsform war zum einen in den Titeln zu erkennen: In schriftlichen Dokumenten bezeichnen die höchsten islamischen Amtsträger ihre Reiche als »Gemeinschaft aller Gläubigen« und sich selbst als »Herrscher über Gläubige« in einer bestimmten Region. Gelegentlich nutzten sie Begriffe aus dem islamischen Staatsrecht wie Emir oder Sultan, die später von den Kolonialverwaltungen übernommen wurden. Der Begriff Kalif ist eine Zuschreibung durch die Wissenschaft, er wurde im zeitgenössischen Schriftverkehr islamischer Herrscher nicht verwendet. Etwa das so genannte Sokoto-Reich (heute im nördlichen Nigeria) benannte sich vorkolonial weder als Kalifat noch als Sokoto.

Ein Unterschied in der Lebenswelt war, dass Gebete nun überall ausgeführt wurden. Man brauchte dafür nicht mehr bestimmte heilige Orte in der Natur. Unter anderem deshalb waren neue islamische Religions- und Herrschaftsformen für Viehzüchtergesellschaften im Sahel besonders attraktiv und mit der mobilen Lebensweise als Nomaden gut vereinbar.

 

Wie wirkte sich der Kolonialismus auf westafrikanische Reiche aus?

Ob ein Begriff wie Sklaverei für vorkoloniale Formen unfreier Arbeit lokalspezifisch zutrifft, ist häufig schwer zu sagen. Wir wissen aber, dass koloniale Eingriffe die Gesellschaftsstruktur veränderten: Unfreiheit und Sklaverei wurden vererbbar. Sklav*innen konnten nicht mehr zu Freien aufsteigen. In Folge des transatlantischen Sklavenhandels gab es Machtverschiebungen zwischen verschiedenen westafrikanischen Königreichen und beispielsweise Dahomey (im heutigen Benin) profitierte durch seine Küstenlage von diesem Handel.

Die islamischen Theokratien in Westafrika wurden von europäischen Kolonialmächten als gut funktionierende – wenn auch den europäischen unterlegene – Verwaltungsform bewertet und mit Verwaltungsaufgaben betraut. Etliche Herrscher ließen sich korrumpieren. Heute kritisieren Gruppierungen wie die islamistische Boko Haram diese Nähe zu den Kolonialmächten.

Aber schon anti-koloniale Unabhängigkeitsbewegungen kritisierten die Reduzierung lokaler Amtstitel auf Häuptlinge (Chiefs). Vorkoloniale hohe Ämter wurden ignoriert, damit nur noch die Queen oder der King in London über das Empire herrschte. Nach der politischen Unabhängigkeit erblühten mancherorts neue lokale Herrschertitel, zu denen dann auch dort Queen oder King zählten.

 

Stephanie Zehnle ist Juniorprofessorin für Außereuropäische Geschichte am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Das Interview führte Rita Schäfer (iz3w).

385 | Monarchie Royal
Cover Vergrößern