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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben iz3w 386 | Informelle Ökonomie Plurale Marktregulierung

Plurale Marktregulierung

Unabhängige Händler*innen und ihre Verbände in Bolivien: Bolivien hat einen hohen Anteil an staatlich kaum kontrollierten oder steuerlich erfassten Wirtschaftsaktivitäten. Dahinter verbirgt sich eine komplexere Realität, als es gängige Narrative von Informalisierung und Prekarisierung nahelegen. Es gibt eine durchaus emanzipatorische plurale Marktordnung, wie das Beispiel einer Elektrohändlerin in La Paz zeigt.

von Juliane Müller

Mit ihren nahezu achtzig Jahren kam Doña Pascuala immer noch täglich in das Elektronikgeschäft ihres ältesten Sohnes in La Paz, empfing Kundschaft und kontrollierte Aufträge. Bis zu ihrem Tod Anfang Januar 2020 war sie unternehmerisch aktiv. In einer Aymara-Gemeinde – der zweitgrößten indigenen Gruppe und Nation in Bolivien – auf dem Altiplano nahe des Titicacasees geboren, betrieb ihr Vater bereits Grenzhandel mit Peru, noch bevor die indigene Familie infolge der Nationalen Revolution in Bolivien 1952 politische Bürgerrechte erlangte. Nach ihrer Migration in die Metropole La Paz in den 1960er-Jahren wurde Doña Pascuala Straßenhändlerin. Gleichzeitig reiste sie wie ihr Vater nach Peru, aber auch in nordchilenische Hafenstädte, wo sie bei dort ansässigen Familienbetrieben libanesischer, indischer und chinesischer Zwischenhändler einkaufte.

Heute besitzt ihre Familie ein mehrstöckiges Handels- und Wohngebäude in einem der Haupthandelsgebiete für elektronische Geräte in La Paz. Pascuala war merklich stolz auf ihre Errungenschaften. Über ihrem Schreibtisch türmte sich eine beeindruckende Galerie von Fotos, die sie im Kreis ihrer Familie, mit anderen Händlerinnen und den südkoreanischen Managern von Daewoo und Samsung Electronics zeigten. Mehrere Urkunden ehrten ihre Verdienste als Organisatorin von Patronatsfesten und als Gründerin und Vorsitzende der lokalen Händler*innenvereinigung. Nach herkömmlicher Sicht war sie trotzdem Teil der informellen Ökonomie, weil ihre Familie in Schmuggelhandel involviert ist und sich und andere weder arbeits- noch sozialrechtlich absichert.

Wer sind die Händler*innen?

Bei aller Dringlichkeit, die informelle Beschäftigung weltweit zu reduzieren, verdeckt die Fokussierung auf Arbeitsverträge und staatliche Absicherung andere Dimensionen und Potentiale informeller Ökonomien. Deshalb richtet die Kultur- und Sozialanthropologie seit Jahren ihren Blick auf die handelnden Subjekte, deren Einfallsreichtum und soziales Beziehungsgeflecht. Sie entwickelte alternative Konzepte, die eine soziale und kulturelle Einbettung informeller Tätigkeit und subalterne Handlungsmacht betonen. Eine lückenhafte staatliche Regulierung bestimmter Bereiche der Wirtschaft, des Handels und urbaner Märkte kann Spielräume eröffnen, diese kollektiv zu gestalten und lokal zu ordnen. So ergeben sich Aufstiegsmöglichkeiten für Angehörige unterprivilegierter Schichten. Ohne den irregulären Grenzhandel und die informellen Kontakte mit den migrantischen Unternehmern aus Asien hätten es hochlandindigene Händler*innen in Bolivien nicht geschafft, den Markt für elektronische Geräte neu zu ordnen und die etablierten Handelshäuser abzulösen.

So öffnen informelle Ökonomien Räume, in denen eine Pluralisierung wirtschaftsregulativer Normen und Kompetenzen stattfindet. Nicht der Staat allein prägt Märkte, indem er rechtliche Rahmenbedingungen setzt und überwacht. Es sind auch die gesellschaftlichen Akteur*innen zu nennen. Dies können benachteiligte und diskriminierte Bevölkerungsgruppen sein, wie beispielsweise Straßenhändler*innen und indigene handwerkliche Produzent*innen.

Wer verkauft die Elektrogeräte?

Bolivien ist als Fallbeispiel besonders interessant, da es auf eine lange Geschichte indigener Mobilität und trans-andinen Handels zurückschauen kann und die heutigen Händler*innen einen hohen Organisationsgrad aufweisen. Rund 75 Prozent aller Straßenhändler*innen sind kollektiv organisiert. Diese auch in anderen lateinamerikanischen Ländern als gremiales bekannten Zusammenschlüsse lassen sich bis zu den Handwerksgilden des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben sie sich grundlegend gewandelt. In Bolivien sind sie sowohl lokal als auch subnational und national organisiert.

Durch Proteste und Lobbyarbeit haben die gremiales in La Paz eine teilweise Legalisierung des Straßenhandels erreicht. Die allermeisten Akteur*innen verfügen über einen festen Verkaufsort. Sowohl der Handel am Straßenrand und auf Gehsteigen als auch die permanenten Märkte (ferias) in verkehrsberuhigten Straßen und auf öffentlichen Plätzen werden von lokalen Vereinigungen kontrolliert. Ihre periodisch gewählten Amtsträger*innen sind für die Streitschlichtung zwischen Mitgliedern zuständig sowie für die räumliche und zeitliche Eingrenzung des Marktes und den Zugang neuer Akteur*innen. Zudem verwalten sie oftmals die Marktinfrastruktur (insbesondere das Stromnetz). Für personell unterbesetzte Stadtverwaltungen wie diejenige in La Paz ist die Delegation der alltäglichen Marktkontrolle an solche Organisationen durchaus vorteilhaft, da kosten- und personalsparend.

Wichtig für das Verständnis pluraler Marktregulierung ist die Tatsache, dass sich in bestimmten Stadtvierteln um diesen tolerierten und teillegalisierten Handel im urbanen Raum ganze Einkaufsviertel entwickelt haben, die Kundschaft aus der Mittel- und Oberschicht anziehen. Es wurden viele kleine Geschäfte eröffnet und Einkaufsgalerien gebaut –größtenteils von ehemaligen Straßenhändler*innen wie Doña Pascuala. Während dieses Prozesses der materiellen und symbolischen Aufwertung einstiger indigener Migrant*innenviertel haben insbesondere die Elektronikhändler*innen ihre regulatorische Autorität eigenmächtig ausgeweitet und beeinflussen ganze Marktsegmente.

Hier kommt Samsung Electronics ins Spiel. Ostasiatische multinationale Elektronikkonzerne hatten versucht, den Markt abrupt in neue Bahnen zu lenken. Einmal wollte die nationale Niederlassung von Samsung einen eigenen Lieferservice in La Paz installieren; ein anderes Mal hatte der Rivale LG Electronics vor, nur noch mit einem einzigen Großhändler zusammenzuarbeiten, einem Unternehmen aus Santa Cruz, der europäisch-westlich geprägten Regionalhauptstadt im Tiefland. Als Reaktion darauf haben die Elektronikhändler*innen vor den Büros der Konzerne protestiert und LG-Produkte über einen längeren Zeitraum hinweg boykottiert. Sie wehrten sich mit sozialen Protestformen gegen die monopolisierenden Initiativen von Großkonzernen.

Flexible Regulierung

Manager von LG Electronics mussten lernen, dass ihre Top-Down-Initiativen zu Umsatzeinbußen führen konnten. Die Vertretung der nationalen Samsung-Niederlassung hielt fortan rechtliche Schritte zur Durchsetzung ihrer Ziele und zur »Formalisierung« des Marktes für einen »Ressourcenverlust«. Doch anstatt das Land zu verlassen, wie es Sony und andere Musiklabels in den wirtschaftlich volatilen und politisch instabilen späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren getan hatten, änderten die ostasiatischen Elektronik-Multis ihre Strategie. Der bolivianische Konsummarkt war attraktiv, weil er sich in einer Expansionsphase befand. Angetrieben wurde sie durch das kontinuierliche Wirtschaftswachstum unter der Regierung der Partei Movimiento al Socialismo (MAS) von Evo Morales und seiner Umverteilungspolitik, welche die Kaufkraft der Bevölkerung erhöhte. Die MAS-Partei regierte von 2006 bis 2019 unter Präsident Evo Morales und erneut seit Ende 2020, nun unter dem ehemaligen Wirtschaftsminister Luis Arce.

Die Elektronikgroßkonzerne schreckten zunächst nicht davor zurück, Händler*innen als informelle Akteur*innen zu diskreditieren. Als diese Strategie nicht aufging, was neben den genannten Protesten der Händler*innen auch mit der Wirtschafts- und Industriepolitik der Regierung Morales zu tun hatte, begannen sie, die Händler*innen als Kooperationspartner*innen ernst zu nehmen. Sie vermittelten ihnen professionelles Marketing, bezahlten ihre Werbebanner, sponserten ihre Jubiläums- und Patronatsfeste und luden sie zu Geschäftsessen, Fortbildungen und Handelsmessen ein. Damit stärkten sie die Position der Händler*innen.

Diese besaßen durch ihre jahrzehntelange Interaktion mit der Stadtverwaltung und die Übernahme straßenmarktregulierender Kompetenzen Erfahrungen im Umgang mit offiziellen Institutionen. Zudem ist es ihnen gelungen, die Elektronikkonzerne auf ihre Seite zu ziehen. Diese müssen sich nun an die gegebenen Transaktionsmuster und institutionellen Arrangements der Händler*innen anpassen. Deren interaktive Formen wirtschaftlicher Regulierung unterscheiden sich von offiziellen Marktmodellen und staatszentrierter Ordnungspolitik. Sie können illegal(isiert) sein, jedoch sind sie keineswegs rückwärtsgewandt oder einseitig marktfeindlich. Sie stützen sich auf kollektive Interessen und schaffen nicht selten – wie bei Doña Pascuala – Arbeitsplätze und Einkommen.

 

Literatur

Müller, Juliane: The Limits of Corporate Chains and Brand Management: «Loyalty« and the Efficacy of Vernacular Markets in the Andes. In: Cultural Anthropology 36 (2), 2021, S. 252-281

Evelyn Dürr und Juliane Müller (Hrsg.): The Popular Economy in Urban Latin America: Informality, Materiality, and Gender in Commerce, Lanham 2019

 

Juliane Müller ist Assistenzprofessorin für Sozialanthropologie an der Universität Barcelona und Privatdozentin am Institut für Ethnologie der LMU München.

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