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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben iz3w 386 | Informelle Ökonomie »Das ist ein richtiger Knochenjob«

»Das ist ein richtiger Knochenjob«

Stimmen von Kinderarbeiter*innen in Chile zur Pandemiezeit

Phasen globaler Krisen waren schon immer schlechte Zeiten für Kinderrechte. Ein Indikator dafür ist der aktuelle Anstieg von Kinderarbeit während der Covid-19-Pandemie. Kinderarbeit ist in der Regel informelle Arbeit, auch wenn es Ausnahmen gibt. Weltweit müssen nun 160 Millionen Kinder arbeiten – 8,4 Millionen mehr als noch vor vier Jahren. Fast die Hälfte von ihnen ist ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen ausgesetzt. Das besagt der aktuelle Report »Kinderarbeit: Globale Schätzungen 2020«, den UNICEF und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erstellt haben. Dieser Bericht erfasst nur die Anfangsphase der Covid-19-Pandemie und warnt davor, dass bis Ende 2022 weitere neun Millionen Mädchen und Jungen in Kinderarbeit gedrängt werden könnten.

Für den bitteren Rückschlag gibt es mehrere Erklärungen: Da sind neben der Armut nunmehr auch die Corona-bedingten Schulschließungen. Für diese iz3w-Ausgabe zum Thema »Informelle Ökonomie« haben wir acht Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren aus zwei chilenischen Partnerorganisationen der Kindernothilfe – Protagoniza in Coronel, einer Hafenstadt in der Nähe von Concepción im Süden des Landes, und Niñas y Niños sin Fronteras im Stadtteil Independencia der Hauptstadt Santiago – eingeladen, in kurzen Zoom-Beiträgen zu schildern, wie sie ihren Alltag erleben.

Antonio (13) aus Coronel: „Ich arbeite als Fischer im Golfo de Arauco, vor der Küste von Coronel. Und zwar immer spätabends, dann ist Flut. Dafür muss ich mich an den Marine-Soldaten, die den Strand kontrollieren, vorbeischleichen, um zu meinem kleinen Boot zu kommen und unbemerkt hinausrudern zu können. Wegen Corona gibt es Ausgangssperren. Deshalb darf ich mich auch nicht von den Pacos (Polizisten) auf dem Weg zum Strand erwischen lassen.

Ich arbeite, seit ich acht Jahr alt bin. Manchmal, wenn starker Wind weht und die See rau ist, muss ich abbrechen und unverrichteter Dinge zurückkehren. An guten Tagen kann ich die Fische, die ich gefangen habe, direkt am Strand verkaufen. Was ich nicht loswerde, bringe ich nach Hause mit. Dann haben wir wenigstens etwas zu essen. Mit dem Schulunterricht online klappt es nicht immer. Wegen der Arbeit am späten Abend bin ich oft am anderen Morgen noch sehr müde.“

Mario (14) aus Coronel: „Seit vielen Jahren helfe ich, Obst an einem Stand auf dem Markt zu verkaufen. Das geht immer um sechs Uhr in der Früh los: Aufbauen, Obstkisten schleppen, den Stand herrichten. Abends sind wir so gegen 17 Uhr fertig.

Wir versuchen uns, so gut es geht, mit Masken und Handschuhen zu schützen und haben vor dem Marktstand ein Seil gespannt, damit die Kunden nicht zu nahekommen. Was mir Angst macht, ist, dass viele Leute immer noch nicht verstanden haben, wie gefährlich Corona ist, obwohl hier in Coronel die Krankenhäuser voll mit Schwerkranken sind und in unserer Stadt auch schon viele Menschen starben. Trotzdem kommen ständig Leute ohne Masken auf den Markt, halten keinen Abstand. Wenn die Regierung Lockdowns anordnet, müssen wir trotzdem raus, wie sollen die Menschen sonst an Obst und Gemüse kommen?

An guten Tagen kann ich mit meiner Arbeit um die 10.000 Pesos verdienen (rund 11 Euro). Und die brauchen wir zu Hause wirklich dringend. Ich versuche, mir abends nach der Arbeit den Schulunterricht des Tages auf dem Handy anzuschauen. Das schaffe ich aber nicht immer, weil ich einfach zu ausgepowert bin. So geht es ganz vielen aus meiner Klasse.“

Martina (10) aus Coronel: „Ich arbeite auf dem Markt. Zusammen mit meiner Mama. Wir verkaufen gebrauchte Kleidungstücke und manchmal auch etwas Obst. Seit Corona ausgebrochen ist, streiten die Erwachsenen viel mehr, oft wegen jeder Kleinigkeit. Da wird gebrüllt, die Leute gehen aufeinander los. Das macht mir, wenn wir auf dem Markt sind, richtig Angst. Ich vermisse meine Freunde aus der Schule sehr. So lange haben wir uns jetzt nicht mehr sehen können!“

Bernadita (15) aus Coronel: „Bei den allermeisten von uns haben die Eltern durch Corona ihre Arbeit verloren. Wir mussten deshalb anfangen, zu Hause Brot zu backen. Das ist jetzt meine Arbeit. Wir bieten das Brot vor allem den Nachbarn an. Zum Teil kommen die Leute auch zu uns nach Hause, um Brot zu kaufen. Außerdem arbeite ich – wenn das Internet funktioniert - in den sozialen Netzwerken, um irgendwelche Dinge, vor allem Kleidung, aber auch Haushaltsgegenstände, die wir zuvor beschafft haben, zu verkaufen. Da geht ganz schön viel Zeit drauf, und der Verdienst ist oft sehr gering. Trotzdem kenne ich viele andere Kinder, die ebenfalls angefangen haben, ständig irgendetwas zu verkaufen.

Mit dem Online-Unterricht und der Schule tue ich mich schwer. Das funktioniert oft nicht. Der Strom fällt aus oder das Internet ist zu schwach. Seit fast anderthalb Jahren gibt es jetzt keinen Unterricht im Klassenzimmer mehr. Ganz viele meiner Schulkameradinnen und -kameraden haben keine guten Handys oder Laptops, um dem Unterricht folgen zu können. Wir alle sehnen uns nach dem Tag, an dem wir in unser altes Leben zurückkehren können. Ich wünsche mir so, mal wieder mit Freunden einfach draußen essen zu können.“

Carlos (13) aus Coronel: „Mir ist es ganz wichtig, dass ich über den Online-Unterricht den Anschluss in der Schule halten kann. Trotzdem muss ich weiter an einem Stand auf dem Markt mithelfen, weil wir das Geld dringend brauchen. Wir erleben jeden Tag, wie sich die Leute, die auf den Markt kommen, einschränken müssen. Um jedes Kilo Kartoffeln wird gefeilscht. Oft werden nur ganz kleine Mengen eingekauft, für mehr reicht es einfach nicht. Das war vor Corona anders.

Aber hier in Coronel haben so viele Erwachsene die Arbeit verloren, vor allem auch, weil unten am Hafen nichts mehr los ist. Als die Regierung wochenlange Quarantänen verhängte, wurden den Arbeitern einfach gekündigt. Jetzt versuchen die Leute, irgendetwas anderes zu tun um ein bisschen Geld zu verdienen. Aber wenn kaum jemand etwas zum Ausgeben hat, ist das schwierig. Meine Eltern haben sich mit Corona angesteckt. Wir mussten einen ganzen Monat mit allen im Haus bleiben, niemand durfte raus. Am Ende haben wir die Nachbarn um Hilfe gebeten, weil wir überhaupt nichts mehr zu essen hatten. Das war eine ganz schlimme Zeit. Zum Glück sind jetzt alle wieder gesund.“

Jorge (14) aus Coronel: „Wir sind zu Hause sechs Kinder. Alle arbeiten wir, indem wir Brennholz machen und verkaufen. Das ist ein richtiger Knochenjob. Ich habe damit angefangen, als ich elf Jahre alt wurde. Wir fahren mit einem kleinen Transporter, den sich einer meiner Brüder leiht, nach Concepción und holen dort in einem Sägewerk Holzabfälle. Die müssen dann mit Beil und Axt weiter verkleinert werden, bis wir sie als Brennholz verkaufen können. Jetzt während der Pandemie ist das sehr viel komplizierter geworden, weil die Polizei für jede Fahrt einen Passierschein verlangt. Aber wenn wir nichts verkaufen können, haben wir auch nichts zu essen. So viele Leute sind jetzt arbeitslos. Jetzt im chilenischen Winter sind die Menschen einfach auf günstiges Brennholz angewiesen, weil mit Gasflaschen zu kochen und zu heizen zu teuer ist. Wovor ich Angst habe, ist, mich bei meiner Arbeit mit Corona anzustecken. In so vielen Familien, die ich kenne, ist bereits jemand schwer krank geworden oder gestorben. Was wir hier erleben, ist gerade auch für uns Kinder eine sehr schwere Zeit.“

Juan Carlos (15) aus Vivaceta, Santiago: „Für uns begann im März 2020 ein Albtraum. Wir kommen aus Peru. Meine Mutter, die uns Kinder großzieht, arbeitete viele Jahre als Hausangestellte puerta adentro (also ohne abends nach Hause zurückkehren zu dürfen) ohne Vertrag für eine chilenische Familie. Als Corona ausbrach, wurde sie sofort entlassen. Wir hatten ganz schnell nichts mehr zu essen. Nur durch die ollas comunes (Suppenküchen) kamen wir irgendwie über die Runden. Und auch vom Team des Projektes wurden wir mit Lebensmittelpaketen, Seife, Waschpulver und anderen Hygieneartikeln unterstützt.

Dann fingen meine Mutter, mein Bruder und ich an, Kunsthandwerk herzustellen, Dinge aus Kunstleder, die wir auf der Straße verkaufen. Ich ziehe mit einem kleinen Wägelchen los und biete den Leuten das, was wir zu Hause angefertigt haben, an. Manchmal ergatterte ich auch einen Job auf einer Baustelle. Mir hilft es, zu arbeiten und so meine Mutter unterstützen zu können. Was die Schule anbelangt, habe ich das Glück, dass wir, als meine Mutter noch Geld verdiente, einen gebrauchten Computer kaufen konnten. So schaffe ich es an einigen Tagen, beim Online-Unterricht dabei zu sein. Ich schätze mal, dass es nur noch der Hälfte der Kinder aus unserer Klasse sind gelingt. Aber ich würde mir so wünschen, einen etwas besseren Computer zu haben.“

Sahory (15) aus Vivaceta, Santiago: „Ich arbeitete jahrelang an einem Fischstand auf dem Zentralmarkt von Santiago. Das ging immer morgens um sieben Uhr los. Gegen 18 Uhr waren wir fertig. Ich nahm die Fische aus, arbeitete aber auch manchmal an der Kasse und bediente die Kunden. Der Markt war auch während der ganzen Lockdown-Zeit geöffnet, weil die Regierung sagte, dass wir für die Versorgung der Menschen wichtig seien. Trotzdem kamen in den schlimmsten Phasen von Corona deutlich weniger Leute auf den Markt und sie hatten auch viel weniger Geld zum Einkaufen. Weil man Fische und Meeresfrüchte ja nicht aufbewahren kann, waren die wirtschaftlichen Verluste bei uns am Stand enorm. Und die Standmiete wurde nicht gesenkt. Meine Mutter arbeitet seit vielen Jahren an diesem Fischstand. Ich unterstützte sie, seit ich acht bin. Gepachtet wird der Stand von einem Onkel. Einen Lohn bekam ich für meine Arbeit nicht, weil wir ja zur Familie gehören.

Ganz schlimm wurde es, als sich meine Mutter mit Corona und danach mit einer schweren Lungenentzündung ansteckte. Da konnten wir nicht mehr auf den Markt. Jetzt beginnen wir um sechs Uhr früh zu Hause zu kochen, peruanisches Essen zuzubereiten. Ich ziehe dann los und versuche, das Essen auf der Straße zu verkaufen. Sowohl bei der Arbeit auf dem Zentralmarkt als auch beim Essenverkaufen auf der Straße habe ich immer eine Maske auf. Im Hochsommer ist das schrecklich anstrengend. Ich spüre, dass sich die Stimmung im Land massiv verändert hat: Schon am Fischstand fiel mir auf, wie schlecht es vor allem älteren Menschen geht. Sie haben nur noch ganz wenig im Geldbeutel und die größte Angst, sich mit Corona anzustecken. Und als die Regierung dann für kurze Zeit Lebensmittelkartons verteilte, war das das pure Chaos, superschlecht organisiert, die Produkte – Reis, Speiseöl – von richtig schlechter Qualität. Leute, die wussten, dass wir so viele Jahre an einem Fischstand gearbeitet hatten, klopften immer wieder bei uns an und bettelten um etwas zu essen, auch als wir selbst schon nichts mehr hatten. Das hat uns sehr traurig gemacht.

Was die Schule anbelangt, konnte ich dem Online-Unterricht nicht folgen. Ich hatte große Schwierigkeiten und weil die Situation bei uns zu Hause so kompliziert war, fühlte ich mich die ganz Zeit extrem gestresst. Dazu kam, dass es die Schule monatelang mit dem Online-Unterricht überhaupt nicht auf die Kette brachte. Ich hatte zunächst gar keinen Computer, erst sehr viel später lieh mir die Schule dann doch ein Tablet. Trotzdem haben wir uns jeden Peso vom Mund abgespart, um das Internet bezahlen zu können. Dank des Teams hier im Projekt schafften wir es mit anderen Kindern zusammen, zumindest bei einem Teil des Unterrichtsstoffs aufzuholen und Lücken zu schließen.

Was mir insgesamt auffällt, ist, wie der Rassismus in Chile durch Corona noch brutaler geworden ist. Die chilenische Gesellschaft war immer schon sehr rassistisch, feindlich und aggressiv gegenüber denjenigen, die aus ärmeren Ländern hierherkommen. Die Angst unter uns Immigranten hat zugenommen. Aber ich habe das schon vor der Pandemie in der Schule gespürt. Da gab es Mobbing und sehr viel Diskriminierung für diejenigen, die wie ich eine dunklere Hautfarbe haben. Am brutalsten wird mit den Menschen aus Haiti umgegangen. Sie sprechen oft nur Kreole. Unter allen, die hierher geflohen sind, sind sie die Verletzlichsten, weil sie nirgendwo eingeschrieben sind, keine Dokumente haben. Was mich anbelangt, musste ich lernen wie ich mich verteidigen kann. Ich suche immer nach klugen Strategien, um mich vor Rassismus zu schützen, mich durch aggressive Sprüche und Gesten nicht verletzten zu lassen. Das wichtigste ist, keine Angst zu zeigen – auch nicht gegenüber der Polizei bei Kontrollen auf der Straße. Deshalb interessiere ich mich sehr für meine Rechte. Mein großer Traum wäre, entweder Sozialarbeiterin oder Anwältin zu werden.“

 

Danksagung: Ganz herzlichen Dank an Antonio, Mario, Martina, Bernadita, Carlos und Jorge aus Coronel – sowie Juan Carlos und Sahory aus Santiago für ihre Beiträge – sowie den beiden Sozialarbeiter*innen Alejandro Gutiérrez und Amanda Bélen aus dem Protagoniza-Team – genauso wie der Pädagogin und Anwältin María Elena Vásquez Rodríguez vom Projekt Niñas y Niños sin Fronteras für die Kindesschutz-Begleitung der hier dokumentierten Gespräche und Claudia Vera vom Kindernothilfe-Partner Fundación ANIDE für die logistische Vorbereitung der Online-Interviews.


Jürgen Schübelin von der Kindernothilfe Duisburg hat diesen Report zusammengestellt und eingeleitet.

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