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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben iz3w 386 | Informelle Ökonomie Johny Pitts: Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa.

Johny Pitts: Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa.

Auf der Suche nach einer afropäischen Identität bereist Johny Pitts europäische Städte und erschafft mit seinem historischen, literarischen und soziologischen Rundumschlag eine neue Perspektive auf das schwarze Europa.

Johny Pitts schreibt sein Buch Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa über schwarze europäische Geschichte, um »die Lücke zu füllen«, die im hiesigen Geschichtsbewusstsein klafft. Den Titelbegriff Afropäisch übernimmt der Autor aus der Kunst- und Modeszene und erweitert ihn »auf den schwarzen Alltag«. Der Begriff steht für ein Gleichgewicht zwischen afrikanischer und europäischer Identität, »ohne zuzulassen, dass sich Hegemonie ein[schleicht]«.

Das Buch ist eine angenehm zu lesende Mischung aus dem Reisebericht eines »extrem seltenen Vogels: eines schwarzen Backpackers« und kulturhistorischer Analyse. Die Kapitel tragen die Namen der besuchten Städte. Je nachdem, wen der Autor dort trifft oder welches Museum er besucht, entwickelt Pitts historische, kulturwissenschaftliche und soziologische Exkurse. Dadurch schafft er ein multidimensionales Bild der bereisten Städte, das sich aus kolonialer Vergangenheit, postkolonialer Gegenwart und transnationalen Bezügen zusammensetzt. Seine persönliche Schreibweise macht die komplexen Bezugspunkte von Identität und Zugehörigkeit greifbar. Der Fokus auf Anekdoten lässt jedoch strukturelle Vergleiche und Zusammenhänge zwischen den Stationen in den Hintergrund rücken.

Kapitalismuskritisch und immer aus der eigenen Erfahrung heraus argumentierend sucht (und findet) Pitts »das solidarische Potential der Arbeiterklasse«. Im Buch scheint immer wieder der Anspruch des Visionärs auf, die Geschichtsschreibung Europas zu erweitern und eine selbstbewusste, afropäische Identität zu eröffnen.

Die Lesenden lernen viel, auch über sich selbst, aber vor allem über Kunst-und Kulturgeschichte: etwa über die Hip-Hop-Szene & Northern Soul in Großbritannien, afropäische Literaturgeschichte oder Tim & Struppi. Die Entstehungsgeschichte dieses Comics verwebt Pitts mit Kritik an der (fehlenden) Aufarbeitung der belgischen Kolonialzeit. Pitts setzt seine kluge Rassismusanalyse immer in Bezug zur heute aufwachsenden, multikulturellen afropäischen Jugend.

Für das Publikum in Deutschland ist vor allem das Kapitel über Berlin eindrucksvoll, schmerzlich und amüsant. Pitts beantwortet hier die Frage, warum die deutsche Antifa noch immer so weiß ist: Er beschreibt seinen ersten Eindruck einer Antifa-Demo als »aggressiven Karneval«, bei dem »Antirassismus mit Hedonismus verwechselt« wird. Zumindest eines gesteht er der Bewegung zu: »Es gehört viel dazu, sich für eine Sache zu engagieren, die einen nicht direkt betrifft.« In Berlin analysiert Pitts auch das schwarze Selbstverständnis in Deutschland.

Was Pitts mit seinem Buch erreicht, ist das Sichtbarmachen einer Kontinuität – die afropäische Geschichte und Gegenwart. Und diese ist keine Ausnahme oder nur ein modernes Phänomen.

Clara Taxis

 

Johny Pitts: Afropäisch. Eine Reise durch das schwarze Europa. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 461 Seiten, 26 Euro.

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