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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit Nichts ohne ‚das Andere‘

Nichts ohne ‚das Andere‘

Was ist eigentlich Männlichkeit?

von Larissa Schober

Männlichkeit war lange vor allem eines – unsichtbar. Das Männliche ist der Standard, die normale menschliche Natur. Zumindest stellt es sich so dar. Deshalb ist »It’s a man’s world« nicht nur ein Song von James Brown und ein daher gesagter Satz, sondern noch immer zu viel Zustandsbeschreibung.

Das hat Konsequenzen für den Alltag all jener, die nicht dieser Männlichkeit entsprechen. Dabei geht es nicht nur um gesellschaftliche Teilhabe und um die elendige Sprachdiskussion, in der sich Frauen und alle anderen Geschlechter beim generischen Maskulinum bitteschön mitgemeint fühlen sollen. Die Welt ist auf Männer ausgerichtet – und das kann gefährlich sein: Etwa, weil Crash Test Dummies für Autounfälle männlichen Körpern nachempfunden sind. Dadurch sind die Schutzsysteme weniger effektiv für Körper, die dieser Norm nicht entsprechen und es sterben mehr Frauen als Männer bei Unfällen. Die Journalistin Rebekka Endler sammelt in ihrem Buch ‚Das Patriarchat der Dinge‘ dieses und viele weitere Beispiele. Sie zeigt auf, wie die Ausrichtung der Dinge auf Männer einerseits gefährlich ist und andererseits wieder auf Geschlechterklischees zurückwirkt. So orientiert sich die als ideal geltende Temperatur in Großraumbüros an männlichen Körpern. Diese ist aber oft zu niedrig für den weiblichen Körper, der einen höheren Fettanteil besitzt. Im sozialen Konstrukt um Geschlecht wird dann daraus, dass Frauen ‚Frostbeulen‘ seien.

Man sieht sie nicht …

Und was genau ist Männlichkeit jenseits des ‚Unsichtbaren‘ und ‚Normalen‘? Männlichkeit ist keine Eigenschaft, sondern, mit dem Sozialpsychologen Rolf Pohl gesprochen, ein kulturelles und psychosoziales Konstrukt. Zudem ist sie die privilegierte Position im globalen Herrschaftsverhältnis Patriachat. Dabei gilt noch immer das von Simone de Beauvoir aufgestellte Diktum, dass die Frau (und alle anderen Geschlechter, die eben nicht der Mann sind) ‚das andere Geschlecht‘ ist. Dabei sind zwei Aspekte für Männlichkeit zentral: Sie stellt das autonome, unabhängige Subjekt dar, das (im Gegensatz zu dem ‚Anderen‘) sich selbst gehört. Dieses Subjekt muss gleichzeitig das überlegene Geschlecht sein. Daher konstituiert sich Männlichkeit stets durch die Abwertung des Weiblichen und anderer Geschlechter. Diese Abwertung ist also eine Grundbedingung von Männlichkeit und genau der Grund, warum es keine ‚gute‘ Männlichkeit geben kann.

Sowohl Überlegenheit als auch Autonomie sind aber nicht einfach vorhanden, sie (und damit die Männlichkeit) müssen immer wieder neu hergestellt werden. Diese Herstellung kann auch misslingen, weshalb Männlichkeit ein stets fragiler und bedrohter Zustand ist. Und das bedrohlichste für diesen Zustand ist wiederum ‚das Andere‘. Ein ‚Mädchen‘, ‚schwul‘, eine ‚Transe‘ zu sein ist die tief sitzende Angst eines jeden ‚richtigen Mannes‘.

Die Konzeption von Männlichkeit als autonomes Subjekt geht aber nicht auf. Menschen sind soziale Wesen und niemals komplett autonom. Männer stecken in einem grundsätzlichen Autonomie-Abhängigkeitskonflikt. Sie müssen autonom sein, gleichzeitig bestehen aber Abhängigkeiten, die sich nicht auflösen können. Die grundsätzlichste ist vielleicht diese: Männer schulden ihr Dasein der Frau, sie wurden geboren. Initiationsriten, die es weltweit für den Übergang von der Kindheit zum ‚Mann sein‘ gibt, versuchen, durch eine rituelle zweite Geburt diesen Makel zu beseitigen. Darin drückt sich laut Pohl der Wunsch nach einer Welt ohne Frauen aus. Seine offenste Verkörperung findet dieser im Männerbund.

… frau fühlt sie schon

Für heterosexuelle cis-Männer spitzt sich dieser Konflikt noch zu – sie sind zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse von Frauen abhängig. Frauen ‚zu nehmen‘ ist zudem wichtiger Teil der Konstruktion vom ‚Mann sein‘. Dadurch wird aber die Autonomie, die zentral für das männliche Subjekt ist, untergraben. Männlichkeit ist deshalb von einer mehr oder weniger paranoiden, im Notfall gewaltbereiten Abwehrhaltung geprägt. Ihr unbewusster Kern ist eine von Angst, Lust und Hass gekennzeichnete Einstellung zu allem für die Männlichkeit Bedrohlichen, das mit Weiblichkeit assoziiert wird. Kurz: Männer hassen Frauen dafür, dass sie sie begehren. Dieser Autonomie-Abhängigkeitskonflikt ist die wichtigste Quelle von sexueller und nichtsexueller Gewalt gegen Frauen. Gewalt ist ein Versuch, eine durch die Abhängigkeit aus den Fugen geratene Männlichkeit wiederherzustellen (Seite 22). So sind extreme Bewegungen wie etwa jene der Incels oder die Taliban nicht nur eine irgendwie entgleiste Männlichkeit, sondern deren logische Folge. Und ihre Gewalt ist ein Mittel, um die Männerherrschaft aufrechtzuerhalten.

Männlichkeit bedeutet Leid in alle Richtungen – für Frauen und andere Geschlechter, die im besten Fall für männliche Projektionen herhalten müssen, im schlimmsten Fall Gewalt bis zum Mord erfahren, damit eine verletzte Männlichkeit wiederhergestellt werden kann. Und für Männer, die an der unerfüllbaren Erwartung, die den Kern von Männlichkeit ausmacht, scheitern müssen.

Deshalb kann es nicht darum gehen, ‚toxische‘ Anteile von Männlichkeit zu verlernen (Seite 24) oder eine angeblich gute und ‚kritische‘ Männlichkeit herauszuarbeiten. Eine emanzipierte Menschlichkeit macht die Männlichkeit nicht ‚unsichtbar‘. Sie schafft sie ab.

 

Larissa Schober ist Redakteurin im iz3w.

387 | Männlichkeit
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