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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit Gegenläufig statt multidirektional

Gegenläufig statt multidirektional

Zur Debatte um postkoloniale Geschichtsbilder und die Shoa

von Jörg Später

Ursprünglich wollte ich Michael Rothbergs Buch Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung (siehe iz3w 385) und den Sammelband Die Untiefen des Postkolonialismus rezensieren. Beide Bücher seien empfohlen, im letzteren besonders die Beiträge von Jan Gerber, Philipp Lenhard und Steffen Klävers. Doch meine Erinnerung an ähnliche Debatten vor zehn Jahren und meine Verärgerung über A. Dirk Moses Schmähschrift über den angeblichen deutschen Holocaust-Katechismus (auf geschichtedergegenwart.ch) ließen mich abschweifen – und so ist aus Undiszipliniertheit ein Debattenbeitrag entstanden. Menschen regen sich über Meinungen meistens mehr auf als über die Dinge, die geschehen.

Singularität und Kolonialismus

Aktivisten und Forscherinnen, die sich mit dem Kolonialismus und der Erinnerung an ihn beschäftigen, befinden sich oft im Widerstreit mit einem Geschichtsbild, das die Shoa als die historische Zäsur des 20. Jahrhunderts versteht. Nimmt man die Schärfe des Tonfalls als Symptom, scheint es sich gegenwärtig um einen regelrechten Aufstand zu handeln, der sich vor allem an der These der Singularität von Auschwitz entzündet. Von einem zweiten Historikerstreit ist gar die Rede. Der erste war 1986, als der rechte Philosoph und Historiker Ernst Nolte behauptete, Auschwitz sei eine bloße Reaktion auf die Massenverbrechen im sowjetischen GULAG gewesen. Die These von der Einzigartigkeit ist in diesem Kontext aufgestellt worden, um einer drohenden »Entsorgung der Vergangenheit« (Jürgen Habermas in der Zeit) durch die Relativierung der Vernichtungspolitik vorzubeugen.

Der Singularitätsbefund hatte gleichzeitig auch eine epistemische Funktion und zielte auf die Erschütterung von vertrauten Weltbildern. Das betraf auch linke Grundannahmen über Geschichte und Gesellschaft: Die Anerkennung der paranoiden Logik, nach der die Vernichtung ‚der Juden‘ als Drahtzieher hinter Kapitalismus, Kommunismus und der modernen Welt eine Erlösungstat und ein Selbstzweck gewesen war, bedeutet gleichzeitig ein Eingeständnis. Man gibt zu, dass Gesellschaftstheorien, die auf einer Kritik der politischen Ökonomie oder einer Analyse von materiellen Interessen aufbauen, an Grenzen stoßen. Sie kommen an den Kern des »Zivilisationsbruch« (Dan Diner) von Auschwitz ebenso wenig heran wie Ansätze, die allein über Herrschafts- und Machtkritik das soziale Leben zu erfassen meinen. Dazu gehören zweifelsohne die Postkolonialen Theorien. Diese können mit dem Befund eines Zivilisationsbruchs schon deshalb nichts anfangen, weil sie die westliche Zivilisation selbst als mörderische Barbarei ansehen – warum sollte dann Auschwitz ein Bruch gewesen sein? Aimé Césaire beispielsweise hatte die Idee, dass mit der Shoa die im Kolonialismus ‚erworbenen‘ Erfahrungen bloß nach Europa zurückgekehrt seien.

Die These vom Zivilisationsbruch bedeutet aber etwas Anderes: Dan Diner drückte damit Ende der 1980er-Jahre aus, dass die Shoa einer Logik gefolgt sei, die den Herrschaftsinteressen der Täterseite (anders als beispielsweise in Kolonialregimen) direkt entgegenstand. Wer organisiert schon Deportationen von Kreta nach Ostmitteleuropa, während alle Kapazitäten für den Weltkrieg gebraucht werden, es sei denn, man fantasiert sich ‚die Juden‘ zum eigentlichen Gegner? Der Begriff ist also nicht moralisch gemeint, im Sinne von ‚besonders schlimm‘. Er besagt vielmehr, dass etwas für die Opfer völlig Unvorhersehbares verwirklicht wurde.

Solche Einsichten in die Dialektik der Zivilisation, die in Deutschland wesentlich von jüdischen Linken aus der Frankfurter »Jüdischen Gruppe« in den 1980er-Jahren angeregt wurden, waren für traditionelle Linke schwer zu verdauen. Sie setzten sich zunächst eher im linksliberalen Mainstream durch. Aber auch in der radikalen Linken veränderte sich in den 1990er-Jahren die Haltung zum Nationalsozialismus, der vorher bloß Faschismus hieß. Antisemitismus wurde als gefährliche Weltanschauung ernstgenommen und nicht einfach unter die Kategorie »antijüdischer Rassismus« oder »Antikapitalismus der dummen Kerle« (August Bebel) subsumiert.

Auschwitz als Staatsräson

In den 1990ern entstanden in diesem Prozess als eine übertriebene Reaktion auf die ‚Auschwitz-Lektion‘ die ‚Antideutschen‘, die neben jenem Zivilisationsbruch die Wertformanalyse als Grundlage ihrer Kritik der kapitalistischen und strukturell antisemitischen Gesellschaft heranziehen. Dieser Ableitungsdogmatismus hatte geschichtspolitische Konsequenzen: Wer damals etwa die Shoa einem Vergleich mit anderen Genoziden unterzog, geriet, selbst wenn es explizit darum ging, die Unterschiede herauszuarbeiten, unter Apologieverdacht. Wer vergleiche, so hieß es, habe schon relativiert, denn der Vergleich sei die ideologische Denkform des Warentausches. Das sieht die gegenwärtige Generation, die aus dieser Strömung entstanden ist, offenbar nicht mehr so eng, wie man dem sehr umsichtigen und vernünftigen Band Untiefen des Postkolonialismus entnehmen kann, wo sogar zu lesen ist: »Ohne die kognitive Operation des Vergleichens würde die Orientierung in der Welt deutlich schwerer fallen, wenn nicht sogar unmöglich sein.«

Die These vom Zivilisationsbruch, so umstritten ihre Genese war, bekam großes Gewicht. In den 1990er-Jahren wurde das Gedenken an den Holocaust nach Ende des Kalten Kriegs zunächst amerikanisiert: 1993 entstand das United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. als nationale Gedenkstätte mit weltweitem Symbolcharakter. Gegen Ende des Jahrzehnts setzte nach der Stockholmer Erklärung, die den Holocaust zum Zivilisationsbruch und die »Kritik am Antisemitismus« zum Element des europäischen Erbes erklärte, ein regelrechter Memory-Boom ein. In Deutschland entwickelte sich dieses Geschichtsbild in der Zeit der rot-grünen Koalition und während der Ära Merkel zur bundesdeutschen Staatsräson. Bundespräsident Gauck resümierte: »Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz«. Das gegenwärtige Staatsoberhaupt Steinmeier ist das Gesicht solcher Zeremonien, in denen pastorale Pathosformeln der Betroffenheit gesprochen werden. Die Bundeskanzlerin wurde zur Personifizierung der fast bedingungslosen Israel-Loyalität und das Amt des Antisemitismusbeauftragten die Institutionalisierung des Geschichtsbildes, dass sich »Auschwitz nie wiederholen dürfe«.

Da aber auch schon Kriege mit dieser Losung geführt wurden – man erinnere sich an die Begründungen des Jugoslawien-Krieges von Joschka Fischer – ist sie manchen Linken fragwürdig geworden. Mit der Zeit stoßen sich auch immer mehr nicht-jüdische Betroffene aktueller Diskriminierungsarten und historischer Gewaltexzesse an der Exponierung jüdischer Leiderfahrungen. Das Erinnerungsnarrativ des »Nie wieder Auschwitz« wird herausgefordert durch viele andere Narrative. Gerade in einer diversen Einwanderungsgesellschaft artikulieren sich mit Recht und guten Gründen Erinnerungen an andere kollektive Gewalterfahrungen, vor allem jene des in Deutschland lange unterbelichteten Kolonialismus. Und Linke, die das offizielle »Gedächtnistheater« (Michal Bodemann) oder den Gedächtniskitsch der politischen Klasse dieses Staates verdächtig finden, begrüßen die Herausforderung des etablierten Erinnerungsregimes.

Gegenläufige Erinnerung

Die Aufarbeitung des (deutschen) Kolonialismus und das Interesse an »multidirektionaler Erinnerung« (Michael Rothberg) ist für die Selbstartikulation und -ermächtigung von Gruppen und Communities, für die der Rassismus die zentrale gesellschaftliche Erfahrung ist, eine geschichtspolitische Angelegenheit von höchster Bedeutung und mit identitätspolitischer Dimension. Eine Konkurrenzsituation zwischen Opfergruppen müsste dabei nicht zwangsläufig entstehen. Diese zu überwinden, ist gerade die Idee von Rothbergs Begriff. Dass sie aber doch regelmäßig eintritt, hat nicht nur mit misslungener Kommunikation zu tun, sondern einen handfesten Grund: Irgendwann geht es in geschichtspolitischen Debatten immer um Israel. Nicht zufällig begründet A. Dirk Moses seinen Angriff auf den »Katechismus der Deutschen« damit, dass das staatliche Gedenken an die Shoa dazu diene, die Unterdrückung der Palästinenser*innen zu legitimieren.

Dan Diners Begriff der »gegenläufigen Erinnerung« trifft die Konfliktgemengelage daher besser als die »multidirektionale Erinnerung«, denn gegenläufige Existenzerfahrungen ziehen gegenläufige Gedächtnisse nach sich. Für die Kolonisierten war der Weltkrieg eben sehr anders als für die Alliierten – »Unsere Opfer zählen nicht« heißt treffend ein Buch über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Diners Begriff ist freilich älter als der von Rothberg – und das ist durchaus bezeichnend. Denn die Diskussion um das Verhältnis von kolonialer Gewalt und Shoa ist keineswegs neu. Schon Hannah Arendt hat es thematisiert, und natürlich die Postkoloniale Theorie, beginnend mit Aimé Césaire. Die historische Forschung hat die Frage in der Genozid-Forschung oder im Fall des Völkermords an den Herero und Nama aufgegriffen. Das Niveau und die Differenziertheit der Debatte waren vor zehn Jahren wesentlich höher, vor allem in der Frage, wie viel Kolonialismus im Nationalsozialismus steckt.

Geschichte ist hochgradig politisiert, denn die Narrative von Opfergemeinschaften wie von Nationen insgesamt dienen der sogenannten Identitätsbildung. Es war vor allem der Streit um die Ein- und Ausladung des postkolonialen, antirassistischen und israelunfreundlichen Theoretikers Achille Mbembe zur Ruhrtriennale 2020, der gezeigt hat, wie die »gegenläufigen Erinnerungen« von Kolonialismus und Shoa aufeinanderprallen können. Schnell wurde Mbembe vom »Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus«, Felix Klein, bezichtigt, sich antisemitischer Denkmuster zu bedienen. Klein wurde anschließend unter Rassismusverdacht gestellt. Seitdem ist die Büchse der Pandora geöffnet. Erinnerung ist zu einer Kampfarena zwischen der negativ-symbiotischen deutsch-jüdischen Geschichtsperspektive einerseits und postkolonialen Anerkennungsforderungen andererseits geworden.

Immer wieder Israel

An der Schnittstelle der konkurrierenden Gedächtnisse steht der Israel-Palästina-Konflikt. Wenn die Singularitätsthese angegriffen wird, wenn die Befangenheit der Deutschen angesichts des Judenmords als »Judenknax« (so 1969/70 Dieter Kunzelmann von den Tupamaros West-Berlin) oder als »Katechismus« (A. Dirk Moses) der Deutschen verhöhnt wird, geht es in der Regel darum, die Legitimität des Staates Israel anzugreifen, der sich als jüdische Antwort auf die Vernichtungserfahrung versteht (aber natürlich auch anderes verkörpert). Für große Teile der arabischen Bevölkerung Palästinas wiederum hatte der Krieg von 1948 und die Staatsgründung Flucht und Vertreibung zur Folge. Bis heute kämpfen die Palästinenser*innen für nationale Selbstbestimmung. Das Narrativ der Nakba ist negativ symbiotisch mit dem der Shoa verbunden. Israel wird aus postkolonialer Perspektive als koloniales weißes europäisches Projekt betrachtet. Der Holocaust stört darin und ist gleichzeitig doch das Vorbild, um das eigene Leiden in der Geschichte hervorzuheben.

Dazu kommt: Es geht bei Erinnerung immer auch um einen Kampf um Anerkennung kollektiven Leids; mithin um Respekt (iz3w 373). Und immer birgt dieser Kampf Gefahren und Nebenwirkungen: Opferkonkurrenz auf dem Weg zur Anerkennung; das beschriebene »Gedächtnistheater« samt politischer Instrumentalisierungen und, wenn richtig erfolgreich, die staatliche Einverleibung der Erinnerungskultur, was die Wut der Noch-nicht-Anerkannten reizt. Es entsteht oft ein Diskurs des »moralischen Maximalismus« (Ijoma Mangold in der taz).

Wer jetzt das Holocaust-Gedenken angreift, um anderen Opfernarrativen Raum zu schaffen, sollte bedenken: In zehn Jahren wird es in Deutschland vermutlich eine Beauftragte für den Kampf gegen Rassismus geben, und irgendein scheinmutiger Ketzer wird dann den »Katechismus um das N-Wort« angreifen und von einem neuen »Memory Regime« reden, wenn nicht von der »Erinnerungsdiktatur«. Andere Opfer von Krieg und Gewalt werden fragen, warum Genozidopfer überhaupt privilegiert werden – es sei doch egal, aus welchen Gründen gemordet worden sei. Und dieses Unbehagen über die offizielle und ‚korrekte‘ Erinnerung wird auch mit einigen nachvollziehbaren Punkten begründet werden.

Zurück zur Sache

Aber welche Alternative gibt es zum Pochen auf politische und soziale Anerkennung, die auch immer die Basis für materielle Entschädigungen sind? Die Aufarbeitung historischen Unrechts kann ein Ritual werden oder sogar Aufarbeitungsstolz hervorbringen. Aber keine Aufarbeitung geht erst recht nicht. Es gibt keine Wiedergutmachung, denn ein Verbrechen wie der Judenmord kann nicht »wiedergutgemacht« werden – aber keine Wiedergutmachung (Anerkennung, Restitution, Entschädigung) ist noch schlechter. Und worin soll die historische und sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Verbrechen bestehen, wenn nicht in der genauen Betrachtung der Ursachen von Taten, den Motiven der Täter*innen, und den Folgen für die Opfer? Sie hindert niemanden daran, über die zufälligen und ‚versehentlichen‘ Opfer etwa des »Krieges gegen den Terror« zu forschen oder die Politik Israels zu kritisieren.

Das Problem ist nicht, dass Massenmorde, Gewaltexzesse, Diskriminierungen mit der Shoa historisch in Bezug gesetzt und verglichen werden. Wer vergleicht, gewinnt Orientierung und sieht manche Dinge klarer, als wenn nur das einzelne Geschehen betrachtet wird. Es ist völlig legitim, zu fragen, was der Holocaust mit einem genozidalen Massaker im Kontext des Kolonialismus zu tun hat, wenn nah an der Sache diskutiert wird. Das Problem der gegenwärtigen Debatten ist doch, dass sie sich von der jeweiligen Sache losgelöst und verselbstständigt haben. Die Meinungen über die Dinge erregen die Menschen eben mehr als die Dinge selbst, auch wenn es um Verbrechen wie Massenmord geht. Vor zehn Jahren hat man noch über Geschichte debattiert, heute geht es bloß noch um Erinnerung. In seinem Katechismus-Text stellt Moses die vorgeblichen Erinnerungsgebote vor, ohne zu begründen, warum diese falsch sein sollen. Es reicht ihm aus zu behaupten, das »Narrativ« von der Singularität und vom Zivilisationsbruch sei autoritär und im Weltmaßstab provinziell. Der Diskurs über die Sprechweisen und Gedenkformen hat sich von dem ihm zugrundeliegenden Problem und Inhalt verselbstständigt und ist schon daher ideologisch.

 

Literatur

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M. 1955

Y. Michal Bodemann: Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996

Aimé Césaire: Über den Kolonialismus, Berlin 2017

Dan Diner: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a. M. 1988

Jan Gerber (Hg.): Die Untiefen des Postkolonialismus, Berlin 2021

Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2021

 

Jörg Später war von 1990 bis 2005 Mitarbeiter im iz3w und hat 2008 einen Artikel zum selben Problem geschrieben (iz3w 308).

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