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»... wie ein Gefängnis für Kinder«

Mit dem Fund von hunderten Kindergräbern auf dem Gelände ehemaliger Internate rückt das brutale Zwangssystem der Residential Schools in Kanada in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Schweizer Historiker Manuel Menrath hat zu Kolonialismus und der Geschichte der Indianischen Nationen Kanadas geforscht.

iz3w: Was waren die Residential Schools und was war ihr Zweck?

Manuel Menrath: Die Residential Schools waren Internate zur Zwangsassimilierung, die es in ganz Nordamerika gab. In Kanada sind sie im Indian Act von 1876 gesetzlich verankert. Es wurde eine sogenannte Heranführung an die westliche Gesellschaft durch Reservate und Zwangserziehung in Internaten angestrebt.

Die Kolonisator*innen brauchten das Land der Indigenen. Der Zugriff darauf wurde legitimiert, indem man sie als ‚unzivilisiert‘ abstempelte. In der Vorstellung der Kolonisator*innen würden die Indigenen irgendwann merken, wie gut die westliche Lebensweise ist, sich assimilieren und verschwinden. Man ging deshalb davon aus, dass die Reservate etwa für zwei Generationen aufgebaut würden.

Das größte ‚Problem‘ auf dem Weg zur Assimilation sah man in der Indigenen Großfamilie. Durch die Residential Schools wollte man den Zusammenhalt brechen und auch den Bezug zum Land, der für Indigene Kulturen wichtig ist, beschneiden. Die Kinder wurden den Eltern zwangsweise entrissen und sollten in den Residential Schools westlich erzogen werden. Häufig waren die Internate weit entfernt von den Wohnorten ihrer Familien. Nach etwa 20 bis 40 Jahren sollten die Indigenen in die Städte gehen. Die Residential Schools waren daher auch dazu konzipiert, billige Arbeitskräfte für die Städte zu schaffen.

Es gab 139 Residential Schools. Sie waren staatliche Einrichtungen, die aber von Kirchen geführt wurden – dabei waren alle Konfessionen vertreten. Sie betrieben die Internate aus missionarischem Eifer und wollten ihrem Verständnis nach Seelen retten. Der kanadische Staat profitierte davon, da die Schulen so kostengünstig waren.

 

Wie lange gab es das System der Residential Schools und wie viele Kinder waren davon betroffen?

Die erste Schule wurde 1831 eröffnet. Ab der Einführung des Indian Acts 1876 wurden sie als System etabliert. Die Idee war, alle Kinder in Residential Schools zu stecken, da die Eltern als nicht erziehungsfähig galten. Die meisten Schulen existierten bis in die 1970er-Jahre, die letzte schloss allerdings erst 1996.

Man geht von mindesten 150.000 betroffenen Kindern aus. Heute gibt es noch etwa 80.000 Überlebende, viele davon sind mittlerweile recht alt.

 

Ab welchem Alter mussten die Kinder in die Residential Schools und was bedeutete das für sie?

Meistens wurden sie im Alter von fünf bis sechs Jahren in die Schulen gebracht, manchmal auch früher. Dort blieben sie bis zum Highschool-Abschluss mit etwa 16 oder 17 Jahren. Danach sollten sie Colleges besuchen, wobei damit nicht ein Studium, sondern eher eine Lehre gemeint war. Sie sollten so lange wie möglich von ihren Eltern getrennt sein. Die Idee war, dass auch der Beruf sie später von den Reservaten fernhalten sollte. Viele Kinder waren um die zehn Jahre auf den Internaten und sahen ihre Eltern nur in den Sommerferien.

Das Ziel der Residential Schools war Indoktrination. Den Kindern wurde vermittelt: Deine Kultur, deine Sprache ist primitiv, deine Spiritualität ist des Teufels. Das hatte massive Konsequenzen: Selbst wenn die Kinder schließlich zurück zu ihren Eltern konnten, verkörperten diese all das, was angeblich schlecht war. Es ist nicht abwegig, dann die eigenen Eltern zu hassen – nicht nur, weil sie dich weggegeben haben, sondern weil sie Indigene sind.

Das System führte zu einer großen inneren Zerrissenheit. Trotz der westlichen Erziehung waren die Betroffenen in der weißen Gesellschaft nicht akzeptiert, sie machten die Erfahrung, dass ihre Haut eben nicht ‚weiß geworden‘ ist. In den Reservaten konnten sie aber auch nicht mehr arbeiten, weil sie beispielsweise nicht gelernt hatten zu jagen. Ihnen fehlte die Indigene Erfahrung und Bildung.

Diese Zerrissenheit hat in vielen Fällen Traumata verursacht. Und diese Traumata setzen sich in die nächste Generation fort. Viele Kinder wurden in den Residential Schools von Nonnen und Priestern misshandelt und haben nie gelernt, dass man auch in den Arm genommen werden kann. Das wirkte sich auf ihre Beziehung zu den eigenen Kindern aus. Es geht um tausende Kinder, die sich nicht wehren konnten und denen ihre Identität gestohlen wurde.

 

Waren die Misshandlungen in den Internaten Programm oder Entgleisung?

Das war durchaus Zeitgeist. Damals waren Schläge auch in Schulen für weiße Kinder normal. Es gab kein Programm zur Misshandlung, aber die Residential Schools waren Orte, die darauf ausgelegt waren, dass sich Kinder nicht wehren konnten. Es waren Soziotope, die von einer Spirale der Gewalt geprägt waren. In sämtlichen Residential Schools gab es sexuelle Übergriffe. Besonders die katholische Kirche vertuschte das. Die Kirchen haben ein Vertuschungs- und Verdrängungssystem aufgebaut.

In der katholischen Kirche gab es zudem das Konzept der schwarzen Pädagogik. Die Idee war, dass man die Kinder bereits vorauseilend zu ihrem Wohl bestraft, sodass sie im Jenseits, im Fegefeuer, weniger Qualen erleiden. Natürlich gab es auch barmherzige Missionar*innen, aber das war die Minderheit.

Die Residential Schools waren wie ein Militärcamp, wie ein Gefängnis für Kinder. Viele Überlebende bezeichnen das auch so: Wir waren im Gefängnis. Wir durften nichts machen. Hunde haben die Schulen bewacht, wenn die Kinder versuchten zu fliehen, wurden diese losgelassen. Wenn sie wieder eingefangen wurden, sperrte man die Kinder in Kerker oder setzte sie auf einen elektrischen Stuhl.

Die Kinder starben allerdings meist nicht an den Strafen. Vielmehr waren sie chronisch unterernährt, man sparte an Nahrung. Zudem vertrugen die Kinder westliche Nahrung oft nicht. Sie waren frischen Fisch, Fleisch, Beeren gewöhnt und erhielten in den Residential Schools konservierte Lebensmittel mit viel Zucker und Salz. Oft mussten sich die Kinder übergeben und es gibt Schilderungen, wie sie dann von den Nonnen gezwungen wurden, ihr Erbrochenes zu essen. Aufgrund der körperlichen Schwächung waren die Kinder außerdem anfälliger für Viruserkrankungen. Diese konnten sich in den großen Schlafsälen auch leicht verbreiten. So starben viele Kinder etwa an der Spanischen Grippe oder an Tuberkulose. Das war alles nicht gezielt, aber hätte dennoch verhindert werden können. Schließlich gibt es noch Fälle von Kindern, die auf der Flucht bei Minustemperaturen ums Leben kamen.

 

Was hat man den Eltern dieser Kinder erzählt?

Wenn Kinder zu Tode kamen, weil Strafen eskalierten, wurde das vertuscht. Häufig wurden Todesfälle als Unfälle deklariert und den Eltern nicht einmal mitgeteilt. Viele verstorbene Kinder wurden, wieder auch aus Kostengründen, nicht zu ihren Eltern überführt. Die Zwangsassimilation endete auch nach dem Tod nicht: Sie sollten christlich bestattet werden und nicht nach den Riten in den Reservaten. Die Eltern saßen dann weit weg und wussten nicht, wo ihre Kinder begraben waren. In manchen Fällen nicht einmal, dass sie gestorben waren. Jetzt werden an allen Schulen Gräber tatsächlich auch gesucht und gefunden und es starten Rückführungen.

 

Gab es Widerstand?

Es gab Einzelpersonen innerhalb des Systems, die auf die Misshandlungen hingewiesen haben, aber die wurden mundtot gemacht. Aber auch diese sogenannten ‚Friends of the Indians‘ stellten das Narrativ der ‚Zivilisierung‘ nicht grundsätzlich in Frage.

Auf Indigener Seite haben Eltern versucht, ihre Kinder zu verstecken. Gerade in den abgelegenen Reservaten war das auch oft möglich. Auch die Fluchtversuche der Kinder waren Widerstand. Ebenso, dass die Kinder trotz der drakonischen Strafen versuchten, sich weiter in ihren Sprachen zu unterhalten. Zudem gab es auch immer wieder Brandstiftungen in Residential Schools. Später wurden einige Residential Schools von Indigenen Gruppen übernommen, etwa das Mohawk Institute, die erste Residential School überhaupt. Heute wird dort von Ältesten Indigene Kultur vermittelt. Man kann ein ganzes Buch über Indigenen Widerstand schreiben. Indigene haben es geschafft, dass das Thema heute überhaupt wieder verhandelt wird.

Nun werden gerade überall Gräber von Kindern, die in den Internaten starben, gefunden und das Thema gewinnt an Bedeutung. Auch das ist Indigenem Aktivismus zu verdanken. Die kanadische Regierung hatte kein Interesse an der Entdeckung der Gräber. Man wusste seit Jahrzehnten, dass es sie gibt. Die jüngste Entdeckung kam aber nur auf Druck und Eigeninitiative von Indigenen zustande.

 

Was sind nach den Funden nun die Forderungen?

Die Hauptforderung ist, möglichst viele Kinder zu identifizieren und nach Hause zu bringen. Wir haben es hier wie gesagt nicht mit einem historischen Thema zu tun. Es ist Zeitgeschichte. Die Eltern, Geschwister, Cousins dieser Kinder leben in vielen Fällen noch. Die Forderungen sind klar, aber die Umsetzung wird sehr schwierig. So viele Akten sind vernichtet worden. Hinzu kommt, dass die Schulen ja einen festen Geldbetrag pro Kind vom kanadischen Staat erhalten haben. Deshalb wurden vermutlich Todesfälle auch nicht direkt vermerkt, damit die Zahlungen weitergingen. Es ist also schwierig, alle nachzuvollziehen.

Neben der Überführung der sterblichen Überreste steht die Forderung nach einer wirklichen Aufklärung. Außerdem sollen die Stätten respektvoll behandelt werden. Besonders wichtig ist die Aufklärung in der kanadischen Gesellschaft darüber, dass hier ein kultureller Genozid verübt wurde. Kanada hat das ja schon anerkannt und sich 2008 auf Drängen der Indigenen entschuldigt. 2015 legte die Truth and Reconciliation Commission (TRC) ihren Bericht vor. Darin wurden unter anderem 94 Handlungsaufforderungen an die kanadischen Behörden formuliert. Premier Justin Trudeau sagt, dass schon viel davon erfüllt wurde, aber das stimmt nicht. In Punkt 53 wird etwa eine Entschuldigung des Papstes gefordert: Diese gibt es bis heute nicht. Die katholische Bischofskonferenz in Kanada hat hingegen im September 2021, nachdem in den vorherigen Monaten einige Kirchen niedergebrannt waren, die Indigenen erstmals offiziell um Verzeihung gebeten.

 

Wie schätzt du die Möglichkeit ein, dass es jetzt zu einer nachhaltigen Veränderung in der kanadischen Gesellschaft kommt? Was ist in der Auseinandersetzung dieses Mal anders?

Die 6.000 Toten, von denen man immer gesprochen hat, existieren nicht mehr nur in der Theorie. Nun gibt es konkrete Gräber und Kinderleichen, das kann man nicht einfach ignorieren. Es löst eine enorme Betroffenheit aus. Deshalb ist nun eher der Wille da, die Aufarbeitung zu unterstützen. Ich sehe schon, dass ein Ruck durch die kanadische Gesellschaft geht. Natürlich wird es dennoch weiterhin einen beachtlichen Teil der Bevölkerung geben, den das alles nicht interessiert. Es gibt noch immer viel zu tun. Kanadische Geschichtsschreibung beginnt beispielsweise immer noch mit der europäischen Besiedelung. Nun geht es darum, das von vorne aufzurollen. Indigene Gruppen fordern, dass man ihre Geschichte genauso ausführlich erzählt, wie die europäische Besiedelung.

 

Indigene Kinder haben heute ein 13 Mal höheres Risiko, aus ihren Familien genommen zu werden als weiße. Sie werden nicht mehr in Residential Schools, sondern in Pflegefamilien gegeben. Wie kommt es dazu?

In den 1960er-Jahren hat man gemerkt, dass Indigenen Eltern, die selbst Residential Schools besucht hatten, teilweise nicht erziehungsfähig waren, etwa aufgrund von Alkoholismus. Statt das System aufzuarbeiten, unter dem die Eltern gelitten hatten, hat man ihnen ihre Kinder weggenommen. Im sogenannten Sixties Scoop wurden über 20.000 Kinder aus Indigenen Familien herausgenommen.

Heute befinden sich mehr Indigene Kinder in Obhut als auf dem Höhepunkt des Residential School-Systems. Das ist ein riesiges Problem und hat verschiedene Ursachen. Es gibt sogenannte Birth Alerts, das heißt, dass die Jugendämter automatisch benachrichtigt werden, wenn Menschen, die selbst in Obhut waren, Eltern werden. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder wieder in Obhut kommen. Zudem wurden die Indigenen Gesellschaften über die Jahre systematisch zerstört und kämpfen bis heute mit den Folgen. Die Reservate haben wenig Geld und kämpfen mit Problemen wie Korruption, Alkoholismus und häuslicher Gewalt. Das grundlegendste Problem ist aber die Wohnungsnot. Der kanadische Staat kommt seinen Versprechen nicht nach und verbessert die Lebensbedingungen in den Reservaten nicht ausreichend. Teilweise leben 16 Personen in einem dieser Vier-Zimmer-Reservatshäuschen. Wie sollen Kinder da lernen? Kinder brauchen eine sichere Wohnung, Rückzugsmöglichkeiten und Vorbilder. Wenn ihnen das in den Reservaten ermöglicht wird und sie dort weiter mit Land und Tradition verbunden bleiben können, dann könnte man das Problem in den Griff bekommen. Dafür darf der kanadische Staat den Communities aber nicht reinreden.

 

Kanada scheint weit weg zu sein. Du zeigst in deiner Forschung aber explizit die Verbindung zwischen den Residential Schools und der Schweiz beziehungsweise Deutschland auf. Wie sehen sie aus?

Es gibt wenige Deutsche oder Schweizer*innen, die keine Verwandten haben, die nicht irgendwann nach Nordamerika ausgewandert ist. Teilweise sind ganze Dörfer aus Armut umgesiedelt. Mit den Siedler*innen kamen auch die Missionar*innen. Während der Kulturkämpfe gingen viele in die USA und missionierten dort in den Reservaten. Zu Kanada kann ich in diesem Zusammenhang nicht viel sagen, vermute aber, dass die Situation ähnlich gewesen sein wird. Und hier ist der Zusammenhang, denn die Residential Schools wurden von Missionar*innen betrieben. Heute leben etwa eine Million Menschen mit Schweizer Vorfahren in Nordamerika. Und diese Ausgewanderten leben auf Indigenem Land. Das heißt auch: Der Siedlerimperialismus, das sind wir alle.

Heute ist Kanada das Lieblingsauswanderungsland der Schweizer*innen. Es ist zudem ein beliebtes Reiseland in Deutschland und der Schweiz. Wenn wir als Tourist*innen in die schönen Nationalparks gehen, muss klar sein, dass das nur möglich war durch die Zwangsaussiedlung der Indigenen. Da schließt sich der Kreis.

 

Das Interview führten Larissa Schober und Clara Taxis (iz3w). Auf Manuel Menraths Webseite findet sich eine Liste mit Webseiten indigener Organisationen in Kanada: unterdemnordlicht.de/links. Der Call for Action der TRC ist online abrufbar unter bit.ly/2YlcElg.

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