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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit Wer vom Patriarchat nicht reden will …

Wer vom Patriarchat nicht reden will …

Editorial zum Themenschwerpunkt

Sich mit Männlichkeit auseinanderzusetzen führt unweigerlich zu Diskussionen, häufig unschönen. Wieso ist das so? Geschlechterverhältnisse sind wirkmächtig und betreffen alle. Ihr Geschlecht tragen alle mit sich herum, ganz gleich wie man sich dazu verhält. So ist das Patriarchat als Herrschaftsverhältnis uns allen im wahren Sinn in den Körper eingeschrieben. Der Mann und seine Männlichkeit stehen in diesem Verhältnis auf der profitierenden Seite – was nicht heißt, dass Männer nicht auch unter dem Patriarchat leiden. Dies macht es nicht unbedingt einfacher, das Herrschaftsverhältnis und die Verteilung von Macht darin anzuerkennen. Gleichzeitig ist der Ausweg schwieriger: Man(n) kann nicht umstandslos aufhören Mann zu sein und sich auf die Seite der Unterdrückten schlagen. Das ist gerade für Linke schwer aushaltbar und auch dort wird die Diskussion dann häufig unschön.

In diesem Themenschwerpunkt wollen wir uns nicht damit beschäftigen, wie es Männern überall auf der Welt geht. Das überlassen wir den Männer-Lifestylemagazinen. Stattdessen interessiert uns der kritische Blick auf und hinter die herrschenden Verhältnisse. In diesem Fall das Patriarchat. Welche Rolle spielt Männlichkeit darin? Und wenn das Patriarchat global (geworden) ist, gilt das dann auch für Männlichkeit? Oder ist diese, wie so vieles, ein westliches Konzept? Wie sieht es mit Männlichkeitsvorstellungen im Globalen Süden aus? Es hat sich auch bei der Diskussion um den Titel des Schwerpunktes gezeigt – geht Männlichkeit im Singular? Müssen wir nicht von Männlichkeiten sprechen?

Wir haben uns für den Singular entschieden. Die Fragen, die hinter der Grammatik stehen, beantworten die Artikel des Themenschwerpunks unterschiedlich. Der südafrikanische Geschlechterforscher Dean Peacock (Seite 26) will lieber Männer von Männlichkeitsvorstellungen befreien als Männlichkeit multiplizieren. Kim Posster sieht das ähnlich, für ihn ist Männlichkeit ein gesellschaftlicher Skandal, gegen den es aufzubegehren gilt (Seite 22). Der Podcaster Soufiane Hennani aus Marokko ist hingegen auf der Suche nach positiven Aspekten von Männlichkeit und macht gleichzeitig deutlich, dass Queerness kein westlicher Import ist (Seite 30). Das betonen auch Kim Anderson und Robert Alexander Innes: Sie schreiben von Indigenen Männlichkeiten im Plural und zeigen auf, dass die westlichen Vorstellungen von Geschlecht in den Kolonien gewaltsam durchgesetzt wurden (Seite 34).

Bei allen Unterschieden lässt sich festhalten, dass heute global von einer hegemonialen Männlichkeit gesprochen werden kann, die mit dem Kolonialismus verbreitet wurde und in Überschneidung mit Rassismus nicht zuletzt der Herrschaftssicherung weißer Siedler*innen diente. Über die Jahrhunderte wurde Männlichkeit zu der unsichtbaren Norm, die nun langsam hinterfragt wird (Seite 21).

Das bedeutet nicht, dass sich Männlichkeit überall exakt gleich ausprägt und dass es keine gegenläufigen Tendenzen gibt. Aber gewisse Grundstrukturen sind ähnlich und sie alle vereint eins: der privilegierte Zugang zu Macht im Patriarchat. Deshalb kann Männlichkeit auch nur eingeschränkt auf der individuellen Ebene angegangen werden. Natürlich soll der konkrete Mann unbedingt mehr Care-Arbeit machen, weniger selbstverständlich Redezeit einfordern und dringend mehr über seine Gefühle sprechen – vor allem auch mit anderen Männern! Forderungen nach einer vermeintlich gesünderen Männlichkeit greifen jedoch zu kurz und laufen Gefahr, dem Patriarchat ein »politisch korrektes Facelift« zu verpassen (Seite 24). Männlichkeit bleibt ein politisches und gesellschaftliches Problem. Es muss entsprechend politisch organisiert bekämpft werden – und dafür ist die Einsicht in das Herrschaftsverhältnis notwendig, auch wenn sie für Männer bitter ist und sein muss.

Apropos Widerständigkeit: Mit Geschlechterrollen und Machtverhältnissen spielen auch die Sapeurs, eine Subkultur aus dem Kongo. Sie hat ihre Ursprünge in den 1920er-Jahren, als Einheimische elegante Mode als eine Form des Widerstands entdeckten: Man kleidet sich besser als die Kolonialherren. Auch heute drückt diese schrille Subkultur Widerstand gegen Armut und Perspektivlosigkeit aus. Sie ist traditionell männlich geprägt, doch gibt es immer mehr Frauen, die zu Sapeusen werden. Indem sie so die kongolesische patriarchale Gesellschaft herausfordern und die Machtdynamik umkehren, kehren sie zum Anfang der Bewegung zurück. So auch Clementine Biniakoulou auf unserem Titelbild – sie ist Hausfrau in Brazzaville und seit 36 Jahren Sapeuse. Ihr Porträt stammt, wie die Mini-Bildstrecke zu Beginn des Themenschwerpunkts, aus dem Buch »Sapeurs: Ladies and Gentlemen of the Congo« von Tariq Saidi. Wir danken ihm für die wunderbaren Fotos.

die redaktion

387 | Männlichkeit
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