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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 387 | Männlichkeit Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Erste, zweite, dritte Heimat

Die Beziehung zwischen Aida aus dem Irak und Daniel aus Appenzell bildet den Rahmen für Usama Al Shahmanis Erzählung Im Fallen lernen Federn fliegen. Das Paar lebt in Basel, ist seit neun Jahren zusammen und steht an einem Wendepunkt: Daniel besteht immer vehementer darauf, mehr über Aidas Vergangenheit und Herkunft zu erfahren – Aida selbst wehrt das ab, für sie ist die Erinnerung schmerzlich. Daniel verreist für einige Wochen, Aida bleibt zu Hause.

Sie lässt sich in die Vergangenheit sinken und schreibt diese auf: Aida wird als Tochter irakischer Geflüchteter im Iran geboren und flieht als kleines Mädchen mit ihren Eltern und der älteren Schwester Nosche weiter in die Schweiz. Nach dem Sturz Saddam Husseins kehrt die Familie in den Irak zurück. Die Töchter fühlen sich dort bald so unwohl, dass sie beschließen, ein zweites Mal zu fliehen und die Eltern zurückzulassen. Die Flucht endet tragisch. Zwar schaffen es die Schwestern in die Schweiz, das Asylsystem droht jedoch sie zu trennen. Nosche sucht fieberhaft nach einem Ausweg und stirbt dabei durch einen Verkehrsunfall.

Aida, nun allein in der Schweiz, erkämpft sich ein neues Leben und bricht dabei radikal mit der Muttersprache, der Familie und den Erinnerungen. »Eine Hoffnung leuchtete auf wie ein Weizenfeld unter der irakischen Sonne«, lässt Usama Al Shahmani die schreibende Aida sich an die erste Begegnung mit Daniel erinnern. Die Beziehung mit ihm bedeutet einen großen Schritt in das neue, das zweite Leben in der Schweiz.

Die Versöhnung zwischen Exil und Heimat ist im Roman zentral. Sowohl die Eltern als auch die Töchter sehnen sich nach dem vertrauten Ort – doch stehen Aida und Nosches Heimatverständnis jenem ihrer Eltern diametral entgegen: Die Eltern verklären den Irak und erziehen ihre Töchter gemäß der Tradition. Sie fühlen sich in der Schweiz zurückgewiesen und geben es auf, sich anzupassen. Aber die Töchter fühlen sich wohl. Spielend finden sie sich in die Sprache und Gesellschaft ein – auch wenn ihnen eine gewisse Distanz anerzogen wird und ihnen durch den Hijab oft Ablehnung entgegenschlägt. Dieses Spannungsverhältnis entlädt sich bei der Rückkehr in den Irak. Für die Töchter ist sie ein Schock: »Vater hatte uns angelogen. Das war nicht die Heimat, von der er uns erzählt hatte. Alles hatte eine männliche Farbe, eine männliche Stimme und einen männlichen Geschmack.«

Al Shahmanis Roman lässt offen, ob die Versöhnung zwischen Vergangenheit und Zukunft, Eltern und Tochter und auch Aida und Daniel gelingt.

Clara Taxis

Usama Al Shahmani: Im Fallen lernt die Feder fliegen. Limmat Verlag, Zürich 2020. 240 Seiten, 24 Euro.

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