Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 388 | Rassismus und Widerstand »Das westliche Denken annullieren«

»Das westliche Denken annullieren«

Die Kritik am Postkolonialismus hat blinde Flecken: In der iz3w 387 beschäftigt sich Jörg Später kritisch mit postkolonialen Geschichtsbildern. Die postkoloniale Theorie scheitere oftmals an einer treffenden Einordnung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Felix Axster antwortet mit dem Verweis auf die berechtigten Anliegen der postkolonialen Theorie.

von Felix Axster

In der letzten Ausgabe der iz3w kommentierte Jörg Später die aktuelle Debatte über das Verhältnis von Kolonialverbrechen und Holocaust. Dabei nahm er eine eigenwillige Zuordnung vor: Einerseits diagnostizierte er mit Blick auf postkoloniale Positionen eine »Schärfe des Tonfalls« und sprach von einem »regelrechten Aufstand«, der sich »an der These der Singularität von Auschwitz entzündet«. Andererseits lobte er eine Ausgabe der Hallischen Jahrbücher, die kürzlich unter dem Titel »Die Untiefen des Postkolonialismus« erschien, als »sehr umsichtigen und vernünftigen Band«. Eigenwillig ist diese Zuordnung, weil auch der Tonfall der Kritiker*innen postkolonialer Perspektiven bisweilen äußerst scharf ist, und weil sich deren Ausführungen durchaus – um im von Später bemühten Bild zu bleiben – als eine Art Aufstandsbekämpfung verstehen lassen. Dies zeigt sich auch anhand einiger Beiträge in den Hallischen Jahrbüchern.

Kritische Punkte bei der Kritik …

In seinem Einführungstext gibt der Herausgeber Jan Gerber den Tonfall vor: Die postkoloniale Kritik mutiert hier zu einem »der ideologischen Begleitinstrumente des Konkurrenzkampfs auf dem Weltmarkt«, das »westliche Bekenntnis zum Postkolonialismus« zu einem »Anschmiegen an die Macht von morgen«.1

Durch ein solches Framing werden dem sehr weiten Feld des Postkolonialismus emanzipatorische Anliegen weitgehend abgesprochen. Gerber fährt fort: Da der Holocaust zum ultimativen Maßstab für Verbrechen gegen die Menschheit avanciert sei, würden postkoloniale Intellektuelle unweigerlich Neid verspüren und Ressentiments kultivieren. Konsequenterweise tendierten sie dazu, »die eigenen Diskriminierungserfahrungen zu verstärken oder die Dimension des Holocaust kleinzureden«. Die Rede ist von einer »Hingabe«, die sich auch gegen Israel und das Judentum allgemein richten würde. Auch die Psyche der weißen deutschen Postkolonialist*innen steht auf dem Prüfstand: Die Aufmerksamkeit für koloniale Gewaltverbrechen sei im Wesentlichen durch Schuldabwehr motiviert, und zwar mit dem Ziel, sich mit der eigenen Nation zu versöhnen. Hinter dem »Drang, die Tat [gemeint ist der Holocaust] doch noch loszuwerden«, unter anderem durch das »Verharmlosen der postkolonialen Holocaust-Relativierung«, stehe das Bemühen, »nationales Selbstbewusstsein aus der deutschen Vergangenheit zu ziehen«.

Bezeichnenderweise finden sich im gesamten Text kaum Verweise auf konkrete Autor*innen. Es besteht also ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Reichweite der Unterstellungen einerseits und der empirischen Basis andererseits. Das gilt auch für Dan Diners Einschätzung, dass es postkolonialer Theorie vor allem darum gehe, »das westliche Denken als solches zu annullieren, also nicht nur die Herrschaft des Westens, sondern auch die Moderne, ja: die Geltung der Aufklärung«.2 Mit dem postkolonialen Theoretiker Dipesh Chakrabarty ließe sich entgegnen, dass postkoloniale Kritik gerade nicht bedeutet, »dass wir das europäische Denken ablehnen, denn damit würden wir einen Teil unserer selbst zurückweisen«.3 Bei Gerbers und Diners Resümee der postkolonialen Kritik fällt also einiges unter den Tisch. Zum Beispiel, dass sich postkoloniale Interventionen durchaus auch als Kritik an subalternem Nationalismus und subalterner Elitenbildung verstehen (lassen) und sich entsprechend eher als macht- und herrschaftskritisch denn als antiwestlich erweisen.

Zudem ist es schlicht eine haltlose Unterstellung, wenn man den im Rahmen des Colonial Turn unternommenen Versuch, eine postkoloniale Perspektive auf den Nationalsozialismus zu gewinnen, mit Schuldabwehr und dem Wunsch nach nationaler Versöhnung in Verbindung bringt. Hier zeigen sich dann auch die Grenzen der Historikerstreit-Analogie. Dass es den konservativen Protagonisten der 1980er-Jahre (allen voran Ernst Nolte) um ein nationalistisches Projekt der Schuldabwehr ging, liegt auf der Hand. Doch lässt sich die Motivlage von damals nicht auf heute übertragen. Vielmehr geht es bei dem In-Beziehung-Setzen von Kolonialismus und Nationalsozialismus – in den Worten von Michael Rothberg – vor allem darum, die »Frage nach der Verantwortung« zu schärfen und »den Blick für weitere Verstrickungen zu öffnen«.4 Ähnlich wie Rothberg hatte auch Jörg Später in einem früheren Debattenbeitrag in der iz3w über die jahrzehntelang vergessene deutsche Kolonialgeschichte argumentiert: »Gerade wegen Auschwitz wollte man an kolonialen Gewaltexzessen nicht auch noch schuld sein«.5 Umso mehr stellt sich die Frage, wie Später zu der Einschätzung gelangt, in den Hallischen Jahrbüchern würde umsichtig argumentiert.

… des kritischen Postkolonialismus

Das denunziatorische Grundrauschen insbesondere bei Gerber ist auch deshalb so ärgerlich, weil es die eigentlich wichtigen Debattenstränge verstellt. Bemerkenswert ist zum Beispiel, wie Gerber die von Dan Diner während des Historikerstreits der 1980er-Jahre aufgestellte Zivilisationsbruchthese reformuliert: »Denn in dem Maß, in dem die Grenzen der instrumentellen Vernunft der modernen Gesellschaft durch den Holocaust nicht, wie durch andere Massenverbrechen, bis zum Äußersten ausgedehnt, sondern überschritten wurden, traten – horribile dictu – auch die schrecklichsten Gräuel der Kolonialgeschichte epistemisch in seinen Schatten.« Gewiss, die Besonderheiten des Holocaust im Verhältnis zu Kolonialverbrechen lassen sich nicht von der Hand weisen. »Alle und überall« – so fasste sie Dan Diner kürzlich auf einer Veranstaltung zusammen. Es wäre zu ergänzen, dass im Kolonialismus die Ausbeutung der Arbeitskraft von zentraler Bedeutung war, während der Holocaust mit dem Programm ‚Vernichtung durch Arbeit‘ einherging. Zwar war auch kolonialer Arbeit Vernichtungspotenzial inhärent. Ebenso kam es im kolonialen Kontext zu Genoziden. Gleichwohl waren der antisemitische Vernichtungsanspruch und die entsprechende Vernichtungspraxis im Nationalsozialismus in besonderer Weise total.

Und doch ergibt sich ein Dilemma, zumindest aus postkolonialer Perspektive. Chakrabarty weist darauf hin, dass Europa im Rahmen der Geschichtsschreibung immer noch als »das souveräne, theoretische Subjekt aller Geschichten« fungiere und »im historischen Wissen als stillschweigender Maßstab« gelte. Folglich hätten andere Geschichten nicht-westlicher Provenienz »die Tendenz, sich in Variationen einer Meistererzählung zu verwandeln, die man ‚die Geschichte Europas‘ nennen könnte«. Diese anderen Geschichten befänden sich demnach in »einer Position der Subalternität«. Man kann es sich leichtmachen und diesen Hinweis als Ausdruck von Neid und Ressentiment einordnen. Oder man erkennt an, dass sich in der Gerberschen Variante der Zivilisationsbruchthese mitsamt ihrer Licht- und Schattenmetaphorik das von Chakrabarty analysierte Verhältnis zwischen (europäischer) Meistererzählung und (postkolonialer) Subalternität zu reproduzieren droht. Zumindest wäre festzuhalten, dass sich Probleme und Fragen ergeben.

Und eigentlich müsste die Diskussion oder das Denken jetzt beginnen. Was folgt aus der Gerberschen Platzanweisung, gerade auch mit Blick auf die Erinnerungspolitik und -kultur? Wie lässt sich Gerechtigkeit herstellen, nicht zuletzt in der Praxis des Erinnerns, wenn die zu erinnernden und anzuerkennenden Geschichten gemäß der Licht- und Schatten-Metaphorik mit jeweils spezifischer Bedeutung aufgeladen und entsprechend hierarchisch angeordnet werden? Und befeuert diese Metaphorik nicht unweigerlich jene Dynamiken, die vielfach als Opferkonkurrenz adressiert werden? Durch den Rundumschlag Gerbers entsteht der Eindruck, als sei die Diskussion an ein Ende gekommen. Fast scheint es so, als würde er dem postkolonialen Anspruch auf Anerkennung entgegnen: ‚So ist es eben, eure Geschichte verbleibt im Schatten des Holocaust, Pech gehabt.‘ Das ist dann vor allem ignorant und hat mit Umsicht und Vernunft nicht wirklich viel zu tun.

Anmerkungen

1  Jan Gerber: Holocaust, Kolonialismus, Postkolonialismus. Über Opferkonkurrenz und Schuldverschiebung. In: Hallische Jahrbücher 1/2021

2  Dreierlei Krieg. Geschichte und Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs. Jan Gerber im Gespräch mit Dan Diner. In: Hallische Jahrbücher 1/2021

3  Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a.M./New York 2010

4  Michael Rothberg: Vergleiche vergleichen: Vom Historikerstreit zur Causa Mbembe, in: Geschichte der Gegenwart, 23.9.2020, https://bit.ly/3EeHJHg

5  Jörg Später: Gegenläufige Erinnerungen – Historizität und politischer Kontext der Debatten um Kolonialismus und Nationalsozialismus, in iz3w 308, https://bit.ly/3oaqxNm

 

Felix Axster arbeitet am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Diese Replik basiert auf einem Beitrag des Autors im Sammelband »Erinnerung, Politik, Solidarität: Internationale Debatten und Perspektiven«, Hg. Matthias Böckmann, Matthias Gockel, Reinhart Kößler, Henning Melber. Berlin, Metropol (Frühjahr 2022).

Die Debatte wird in der iz3w fortgesetzt.

388 | Rassismus und Widerstand
Cover Vergrößern