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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 388 | Rassismus und Widerstand Warum vergleicht man Hautfarben?

Warum vergleicht man Hautfarben?

Editorial zum Themenschwerpunkt

»I can’t breathe.« Das ist hier kein Zitat von George Floyd oder vom 2014 in New York polizeilich ermordeten Eric Garner, sondern von David Dungay. Er starb am 29. Dezember 2015 im Long Bay-Gefängnis in Sydney, nachdem Wärter in seine Zelle gestürmt waren, um ihn am Verzehr von Keksen zu hindern. Sie hielten sein Gesicht nach unten und injizierten ihm ein Beruhigungsmittel. Bevor er starb sagte er zwölfmal, dass er nicht atmen könne. Es ist einer der 450 Todesfälle in staatlichem Gewahrsam, die sich in den letzten dreißig Jahren in Australien ereignet haben. 60 Prozent aller verurteilten jugendlichen Straftäter*innen stammen aus Aborigine-Familien, so auch David Dungay. Aber sie wehren sich. Nicht zuletzt erinnerten Demonstrant*innen auf den Black Lives Matter-Demonstrationen in Australien an David Dungay.

Rassismus ist weltweit verbreitet und gefährlich. Das ist erstaunlich, denn er ist geächtet: Die Antirassismus-Konvention der UN ist ziemlich unumstritten; im Alltagsgespräch weisen so gut wie alle jeden Rassismusverdacht zurück. Aber als erfolgreiche Ideologie ist Rassismus tiefsitzend und sehr wandelbar.

Nehmen wir den Rassismus der Neuen Rechten, der sich strategisch rechtspopulistisch und inhaltlich kulturalistisch ausrichtet. Inzwischen ist ihr Konzept international verbreitet. Der ‚neue Rassismus‘ ist vor allem gegen Migration gerichtet und ethnopluralistisch geprägt. Im Heft diskutieren wir das anhand der französischen Gesellschaft.

Dennoch bleibt Hautfarbe in vielen Ländern ein Thema, wie sich auch in diesem Themenschwerpunkt zeigt. Der Einleitungsartikel beginnt mit dem biblischen »Hohelied Salomos« und einem Zitat über das alte Problem des Hautfarbenvergleichens. Aus den USA hören wir, wie und warum die Black Lives Matter-Bewegung gerade jetzt groß wurde. Die BIPoC-Gruppe Freiburg berichtet davon, welche Konsequenzen es hat, mit einer dunklen Hautfarbe in Deutschland zu leben. Die Initiative zum Gedenken an Oury Jalloh zieht Bilanz aus 16 Jahren Kampf um Aufklärung eines rassistischen Mordes in Polizeigewahrsam.

Die rassistische Ideologie zeigt in verschiedenen Ländern unterschiedliche Gesichter. Am Beispiel von Mexiko erzählen wir, wie das Konzept des ‚Mestizentums‘ als rassistische Vorformatierung fortlebt. In Indonesien wird deutlich, wie im offiziell multikulturellen Inselstaat Minderheiten mit dunklerer Hautfarbe diskriminiert werden. Genau der gleiche Sachverhalt, nur wieder anders ausgeprägt, besteht in Brasilien, welches seine bunte ‚Durchmischung‘ feiert, und gleichzeitig viele (Polizei-)Opfer rassistischer Diskriminierung beklagt. Merke: Schon wenn von ‚Mischung‘ die Rede ist, sollten die Alarmglocken schrillen. Denn um zu mischen, muss man die Leute zuvor sortiert haben.

Auch auf dem afrikanischen Kontinent lässt sich die Diskriminierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe konstatieren: etwa in Marokko, wo subsaharische Migrant*innen mit eigenen Schimpfwörtern bedacht werden. Und sogar in der Regenbogennation Südafrika ist die Weiße, die während des Lockdowns entgegen den Verordnungen am Strand joggt, ihres Lebens viel sicherer als ein zugewanderter Mensch aus dem Nachbarland im Township. Unübersehbar ist nicht nur hier die Verknüpfung von Rassismus mit anderen Herrschaftsverhältnissen wie Klassengesellschaft und Patriarchat.

Die Gesellschaft wäre ohne Rassismus viel besser eingerichtet und es gibt den entsprechenden Widerstand: »Wir sind dann frei, wenn wir uns selbst befreien; und nicht, wenn es uns jemand die Freiheit gibt«, ruft eine Rednerin auf der Black Lives Matter-Kundgebung in Freiburg im Juni 2020. Neben dieser wütenden und kämpferischen gibt es auch eine bemerkenswert zarte Komponente bei Black Lives Matter. Das Freiburger E-Werk bringt es kurz darauf auf den Punkt und veranstaltet »An evening dedicated to Black Lives Matter: Asphalt Sessions – Love is the message«. Es gibt etwas Besseres als den Rassismus.

PS: Ein besonderer Dank gilt Sévérine Kpoti: Die Fotografin hat in Freiburg das öffentliche Leben von BIPoCs fotografiert. Sie hat uns ihre tollen Bilder für eine Fotostrecke zur Verfügung gestellt, die sich durch den Themenschwerpunkt zieht und die Titelseite bebildert.

die redaktion


Der Themenschwerpunkt Rassismus wurde gefördert durch die Amadeu-Antonio-Stiftung.

388 | Rassismus und Widerstand
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