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Yanick Lahens: Sanfte Debakel

Leben und Überleben in Haiti

Raymond Belthier könnte noch leben, wenn ihm nicht so viel an der Wahrheit gelegen hätte. Der angesehene Richter aus Port-au-Prince wurde ermordet, weil er »zu viel« wissen wollte. So jedenfalls sieht es Cyprien, der von Machtmenschen und deutschen Automarken geblendete Anwaltspraktikant. Mit diesen beiden Rechtsvertretern verweist Yanick Lahens, 1953 in Port-au-Prince geboren, auf den ersten Seiten von Sanfte Debakel auf die Existenz einer Parallelgesellschaft auf Haiti. Deren ungeschriebene Gesetze werden von korrupten Geschäftsleuten diktiert. Wer überleben will, muss schweigen – oder heult mit den Wölfen.

So dreht sich »Sanfte Debakel« vordergründig um die Aufklärung des Mordes an Belthier. Es ist der Schwager des Richters, der dessen Mord enthüllen will. Pierre, der krank ist und selbst dem Tod nähersteht als dem Leben, weiß, dass Raymond tatsächlich besser geschwiegen hätte. Doch kann er die zu vermutende Gräueltat an ihm nicht auf sich beruhen lassen. Denn das, »was ihn beschämt, ist das Weiterleben als stiller Voyeur, feige, mit eingekniffenem Schwanz.«

Neben Cyprien und Pierre kommen noch sechs weitere Stimmen zu Wort. Sie erzählen uns davon, wie sie sich in der von Gewalt und Korruption geprägten Gesellschaft durchschlagen und dennoch versuchen, ihren Leidenschaften und Träumen eine Chance zu geben. Ihnen gelingen Fluchträume über Musik, Poesie oder improvisiertes Theater, für andere gibt es nur noch die Flucht ins Ausland.

Auch Yanick Lahens ging mit 18 Jahren nach Paris, um zu studieren. Das Thema Auswanderung sieht sie mit gemischten Gefühlen: »Man kann sich nicht in die Lage eines jungen Menschen versetzen, der sich in der Blüte seiner Jahre verwirklichen möchte […] Die Migration ist jedoch ein Aderlass für das Land. Viele haben Universitäten besucht, die in Haiti kostenlos sind. Wir haben das Land unbewohnbar gemacht. Die Verantwortlichen dafür sind national und international zu finden. Die Kolonialisierung in ihren modernen Formen und ihre lokalen Helfershelfer führen zur Auswanderung«, erzählte sie mir im Gespräch.

Streckenweise nimmt »Sanfte Debakel« das Tempo eines Thrillers auf. Der Roman vermittelt Bilder von einem Land, »in dem man so leicht ausrutscht und dann fällt und fällt«, wie es der prekär lebende Poet Ezéchiel beschreibt; von Port-au-Prince, wo »die Statistiken und die Presse dem Tod hinterherhinken«, wie es etwa Brune empfindet, die talentierte Sängerin und in ständiger Angst lebende Tochter des ermordeten Richters; dort, wo die Menschen den täglichen Überfällen auf der Straße als schweigende Zaungäste beiwohnen. »Denn wer noch einige Jahre etwas sehen will, muss behaupten, nichts gesehen zu haben«, so der vom Straßendieb zum Auftragskiller aufgestiegene Joubert. Cyprien, der angehende korrupte Rechtsvertreter wiederum empfindet Port-au-Prince als »kochenden Kessel«, in dem »man zum Schaum streben muss, wenn man nicht beim Bodensatz landen will«.

Francis, ein Journalist aus Frankreich, liefert den Blick von außen. Aus Lahens vorherigen Werken weiß man, dass sie diese Zunft stets mit Misstrauen betrachtet. Nicht nur in »Und plötzlich tut sich der Boden auf«, ihrem Journal über das Erdbeben vom 12. Januar 2010, geht sie mit der Presse hart ins Gericht. Auch in ihrem Roman »Morgenröte« (2008) durchschaut die Protagonistin Angélique einen US-amerikanischen Journalisten. »Und um uns noch mehr lieben zu können, machte uns John in seiner Vorstellungswelt noch ärmer als in Wirklichkeit […] Da lief der schöne Film ab, den John und viele seinesgleichen, unter gnädigen Himmeln und in komfortablen Stadtvierteln geboren, im Kopf hatten.«

Francis hingegen lernt, sich von dem romantisierenden Narrativ über die in Armut lebenden Menschen zu lösen. Der junge Journalist wird Haiti mit einer bitteren Erfahrung verlassen: »Und ich, Francis, kann über die Ereignisse nicht berichten, ohne das Leben derer zu gefährden, die ich auf der Insel zurücklasse.«

Während sich in »Morgenröte« das Schweigen wie ein roter Faden durch den Roman zieht, versuchen die Freunde Brune, Ezéchiel, Waren und Nerline und selbst der viel ältere Pierre, ihre Stimme zu erheben, auch wenn sie im Großen nicht viel verändern können. Wie sich der Kriminalität entziehen, wenn das System kaum andere Optionen bietet, um aus der strukturellen Armut herauszufinden? Legitimiert Armut Gewalt? Wie in einem korrumpierten Rechtssystem mit Selbstjustiz umgehen? Was löst das Gefühl der Macht in einem aus?

Lahens, die in Port-au-Prince lebt und sich aktiv in sozialen (Theater-)Projekten engagiert, fängt diese und viele andere Fragen nicht nur in ihren prosaischen Texten auf. Hier sei erneut auf ihr Journal über das verheerende Erdbeben in Haiti verwiesen, in dem sie die historische Paradoxie eines Landes auf den Punkt bringt, das 1804 zur ersten unabhängigen Schwarzen Republik erklärt wurde und heute zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Vor diesem Hintergrund eröffnet die Lektüre von »Sanfte Debakel« eine weitreichende Dimension. Es ist, als handele der Roman von einer zugleich logischen wie tragischen Fortsetzung der Zeitgeschichte eines Landes, das einmal im Blickfeld der Welthistorie stand – wobei man abschließend die Volksweisheit hinzufügen möchte: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch davon erzählen die Jugendlichen in diesem klugen Roman.

 

Ute Evers


Yanick Lahens: Sanfte Debakel. Litradukt, Trier 2021. 160 Seiten, 14 Euro.

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