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Ein System von Schieflagen

Der Gründung von Pakistan lag keine Idee, kein Programm zugrunde. Es entstand, weil eine Partei im indischen Dekolonisierungsprozess mehr Rechte für indische Muslime forderte. Die Eliten- und Herrschaftspositionen waren dennoch schnell besetzt. Und bald existiert Pakistan seit 75 Jahren. Wie und warum ist schwer durchschaubar.

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von
Jakob Rösel

Weitgehend unbemerkt und trotz seiner internen Konfliktträchtigkeit ist Pakistan zum fünftbevölkerungsreichsten Staat angewachsen. Seine Stellung unter den Big Five ist einzigartig. Pakistans Regierungseliten haben es geschafft, die beiden größten Supermächte, USA und China, als Bündnispartner zu halten und gegeneinander auszuspielen. Gegenüber dem Erzrivalen Indien ist dies von größtem Nutzen. Diese Rückendeckung ermöglicht Pakistan und seinem Militär direkte oder indirekte Provokationen und Terrorangriffe. Mit der Bedrohung durch ein übermächtiges Hindu-Indien legitimieren sich der 1947 entstandene Kunststaat und sein Militär.

Mit aktuell 240 Millionen Einwohner*innen und der doppelten Fläche Großbritanniens, ein Viertel Indiens, ist Pakistan das Resultat einer doppelten Abspaltung: Erst 1947 im Rahmen der gewaltsamen Teilung Britisch-Indiens; und zweitens 1971, mit der Abspaltung Ost-Pakistans als Bangladesch. Der zurückgebliebene westpakistanische Rumpfstaat wäre ein armseliges Berg- und Wüstenland, hätte er nicht die Lebensader des Indus und seiner fünf Zusatzströme des Punjab.

Pakistan ist ein doppeltes Kuriosum. Einerseits aufgrund seiner ungebremsten außen- und militärpolitischen Ambitionen. Andererseits aufgrund seines bislang unvollendeten Staatsaufbaus. Das Land ist ein nach außen überambitioniertes, nach innen unfertiges Kunstgebilde, das trotz einer bemerkenswerten Serie von Katastrophen, politischen Morden und ungelöster interner Konflikte nicht nur existiert, sondern wächst und auch funktioniert – zumindest im Interesse seiner militärischen und ökonomischen Eliten. Im Folgenden werden sieben Schritte aufgezeigt, die zur Entstehung der aktuellen Struktur beigetragen haben, zu einem System von Schieflagen und Antagonismen, die sich bislang gegenseitig stützen.

0. Ein Schritt zurück

Ein Kalauer besagt, Großbritannien soll eine gute Kolonialmacht gewesen sein, aber miserabel in der Dekolonialisierung, Frankreich umgekehrt. Der Unabhängigkeitsprozess Britisch-Indiens wäre dafür ein Paradebeispiel. Weil die säkulare indische Kongress-Bewegung unter Nehru und Gandhi Indiens Unabhängigkeit forderte, unterstützt Großbritannien die Muslim-Eliten als neue Partei. Das Resultat ist die 1908 gegründete All-Indische Muslimliga. Sie wird aufgebaut von einem in Karachi geborenen Rechtsanwalt, dem säkularen Ali Jinnah. Die Vorstellung eines separaten Staates für die Muslim*innen gilt noch als Schrulle, als ‚Studentenidee‘. Tatsächlich hatte ein Student P.a.k.i.stan in London entworfen. Dabei steht P für Punjab, A für Afghanistan, K für Kaschmir, I für Sindh/Indus und Stan für Balutschistan. Pakistan bedeutet auch »Land der Reinen«. Bemerkenswert an dieser neuen Utopie: Ost-Bengalen, das heutige Bangladesch, Heimat von so vielen Muslim*innen Britisch-Indiens, wird nicht genannt.

Ein britischer Fachbeamter, Sir Radcliffe, der Indien nicht kennt und noch nie besucht hat, wird 1947 eingeflogen und in einem Bungalow bei Neu-Delhi eingeschlossen. Hier zieht er die neuen Grenzen. Während die Massaker sich weiter ausbreiten, auch weil die britische Armeeführung die Kontrolle über die muslimischen und hindutreuen Truppenteile verliert, wird in aller Eile der 14. August 1947 als Unabhängigkeits- und Teilungstag festgelegt.

Am Tag der Teilung wachen etwa in der nunmehr geteilten Provinz Punjab Millionen von Hindus, Sikhs und Muslim*innen auf der ‚falschen‘ Seite einer bislang inexistenten Grenze auf. Die Spaltung zwischen Hindu- und der muslimischen Bevölkerung dominiert das Geschehen. Es kommt zu bislang unvorstellbaren Massakern und Fluchtbewegungen. Insgesamt werden im Westen zwölf Millionen Menschen vertrieben, vermutlich eine Million Menschen werden erschlagen. Im Osten verläuft die Teilung relativ friedlich. Jinnah und die Elite der Muslimliga ziehen nach Karachi, das zugleich als Hauptstadt dient. Diese Fachbeamt*innen, Intellektuellen, Hochqualifizierten und Magnat*innen nennen sich Muhajir. Da aus dem Indus-Tal und Karachi alle Hindu-Beamt*innen verschwunden sind, versucht diese neue Liga-Intelligenzia inmitten der Vertreibungen und Mordwellen einen neuen Staat aufzubauen.

I. 1950er-Jahre: Die Punjabisierung Pakistans

Schon der erste Schritt für eine staatliche Strukturbildung wird verstolpert: Die Verabschiedung einer Verfassung und die Durchführung allgemeiner Wahlen. Stattdessen blockiert sich die Muslimliga mit Intrigen und ständigen Kabinettsumbildungen selbst. In neun Jahren ohne Wahlen werden sieben Premierminister verbraucht. Der Grund: Pakistan ruht auf einem Ungleichgewicht. Rund sechzig Prozent der Bevölkerung leben im 1.800 Kilometer entfernten, dicht bevölkerten bengalischen Ost-Pakistan, rund vierzig Prozent im Westen. Gemäß »one man, one vote« läge die Macht rasch bei den Bengal*innen im Osten. Diese gelten einem spezifischen Rassismus folgend als unzuverlässig und faul. Wie kann die Machtkontrolle für den Westen, für die Liga und die Muhajir entgegen der realen Mehrheitsverhältnisse gesichert werden? An diesem Problem zerbricht die Erste Republik. Das Problem der Einbindung Ost-Pakistans verschärft sich zusätzlich aufgrund einer weiteren ethno-politischen Verschiebung.

Diese entspringt den innerhalb des Westens existierenden, Matruschka gleichen, weiteren Ungleichgewichten, allen voran denjenigen des Westpunjab. Er umfasst gerade ein Viertel des Territoriums, aber hier lebt rund die Hälfte der Bevölkerung West-Pakistans. Die anderen Provinzen zählen zunächst nicht. Weder das riesige Balutschistan noch die Paschtun*innen der Nordwest-Provinz oder die Sindh-Bewohner*innen fallen ins Gewicht. Es sind die übermächtigen Eliten des Punjab, die den weniger als zehn Prozent Muhajir in den 1950er-Jahren den Rang in der Staatsführung und Verwaltung ablaufen.

Die Punjabisierung des Staates schiebt das ethnopolitische Ost-West Problem auf die lange Bank und macht es zwei Jahrzehnte unsichtbar, am Ende unlösbar. Entscheidend für das Überleben des unfertigen Staates wird eine bis heute fortdauernde Allianz mit den USA. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs. Für einen Südostasienpakt und im Namen der Dekolonialisierung zeigt Indien den USA die kalte Schulter. Damit ist der Weg frei für Pakistan.

Das Bündnis USA-Pakistan wird von Anfang an parallel, zwischen den Regierungen und zwischen den Militärs eingefädelt. Dabei steht General Ayub Khan im Mittelpunkt der außenpolitischen Verhandlungen mit den USA. Das Bündnis bringt für Pakistan zukünftig US-Kredite, Technologien, Finanzspritzen, Diplomatie und Dienstleistungen. Das rettet den prekären Staat wieder und wieder: nach seinen Kriegen, Wirtschaftskrisen, Putschen und Provokationen.

Wenig später überzeugt Ayub Khan innenpolitisch die handlungsunfähige Karachi-Regierung von einer einstweiligen Lösung des bengalischen Subordinationsproblems: ein Zweiterritorien-Wahlrecht à la »One Unit«. »50 Prozent zu 50 Prozent« soll die Teilhabe Ost-Pakistans ab 1956 möglich machen, ohne es dominieren zu lassen. Sollte dabei das Parlament oder die Regierung nicht entscheidungsfähig sein, dann sichern die nationalen Kräfte, die Verwaltung und die Armee den Zusammenhalt. Die Eliten sind als Einheitsgarant*innen gefragt – und sie sind überfordert. Es folgt ein Putsch. Jubelnd begrüßen in Karachi die Honoratior*innen und deren Gefolgsleute Putschgeneral Ayub Khan. Punjabistan als Militärstaat beginnt.

II. Die 1960er-Jahre: Militärherrschaft

Feldmarschall und Staatspräsident Ayub Khan ist der perfekte, anglisierte Modernisierer für die Kennedy- und Johnson-Jahre, für die Zeiten der »Entwicklungsdiktatur«. Unter Ayub werden die Grundlagen dessen gelegt, was inzwischen als »military incorporated«, als militärische Parallel-Ökonomie und »Staat im Staate« beschrieben oder kritisiert wird. Auf britischen Vorgängerprojekten aufbauend, werden entlang des Indus riesige neue Staudämme und Kanalsysteme errichtet.

Das Militär selbst wird zum Hauptgewinner dieser immensen Anbau- und Kanalerschließung. In allen neuen Bewässerungsabschnitten erhalten die mittleren und höheren Militärs Grundstücke und Beteiligungen. Mithilfe intransparenter Finanzquellen betreibt das Militär Bäckereiketten, Fluglinien, Transportgesellschaften, Bau- und Zementindustrien, Wohnungsbaugesellschaften, Hotelketten, Reisebüros, Kreditinstitute und Shopping Malls. Das Militär verfügt zudem über eigene Bankensysteme.

Strategisch folgt 1965 eine Überlebensprobe. Ayubs ehrgeiziger und charismatischer Außenminister, Zulfikar Ali Bhutto, überredet den alternden Feldmarschall gegen Indien einen Angriffskrieg zu führen. Der Plan geht schief, indische Panzerkolonnen stehen kurz vor Lahore. Es folgen demütigende Friedensverhandlungen. Die USA haben Pakistan in dem Debakel im Stich gelassen, glaubt das Militär. Sie suchen sich – zunächst diskret – einen weiteren Bündnisgenossen jenseits des Karakorum-Passes, China. Bhutto gibt Ayub die Schuld für die Niederlage, tritt zurück und gründet die erste große Konkurrenzpartei der Muslimliga, die Pakistan Peoples Party (PPP).

III. Die 1970er-Jahre: Demokratischer Rumpfstaat

Die scheindemokratische »One Unit«-Formel hat über ein Jahrzehnt die Unterordnung der Ost-Bengalen vergessen lassen – in West-Pakistan. Im Wahlkampf kommt das Problem zurück. In Ost-Pakistan hat Sheikh Mujibur Rahman die Awami-Liga in eine allgegenwärtige Autonomiebewegung verwandelt. Wenn Wahlen, so fordert er erfolgreich, dann »one man, one vote«. Das Ergebnis von 1971 ist eindeutig. Im Westen erhält Bhutto die absolute, im Osten Sheikh Mujibur und seine Awami-Liga die fast hundertprozentige Mehrheit. In Ost-Pakistan bricht der Bürgerkrieg aus. Eine riesige Zahl von Menschen flüchtet nach Westbengalen, insbesondere nach Kalkutta, mitten im Monsun. Indira Gandhi folgt ihrem Satz: »Es gibt schlimmeres als Krieg« und lässt die indische Armee einmarschieren. Nach wenigen Tagen kapituliert die pakistanische Armee. Damit steht der Wahlgewinner im Westen, Zulfikar Ali Bhutto, vor einem Scherbenhaufen. Der wird ihm vom Militär gern überlassen.

Bhutto übernimmt einen Rumpfstaat. In einem Jahrzehnt der noch ungebrochenen Sozialliberalität setzt der programmatische Sozialdemokrat auf Verstaatlichungen, (schwache) Gewerkschaften und Wahlgeschenke. Steuern kann der von Großgrundbesitzer*innen, Industriellen und Militärs geführte Staat nicht eintreiben. Schließlich sind die Bhuttos selbst die größten Landbesitzer im Sindh, im Bezirk Larkana. Bhutto muss sich andere Finanzierungsquellen suchen. Bhutto öffnet die Moscheen, Koranschulen, islamischen Banken, aber auch die Privatschulen des Landes gegenüber dem Saudi-Wahhabismus und der islamischen Orthodoxie.

Diese Maßnahmen retten den pakistanischen Rumpfstaat, aber sie retten nicht den Premier. Er macht mit der Ernennung des niedrigkastigen Mohammed Zia-ul-Haq zum Stabschef der Armee einen tödlichen Fehler. Von Bhutto belächelt und im Kabinett gedemütigt, nutzt Zia als oberster Befehlshaber der Streitkräfte innenpolitische Unruhen, um Bhutto abzusetzen und eine zweite Militärherrschaft zu etablieren. In einem viele Monate durchlaufenden Verfahren orchestriert Zia einen Justizmord. 1979 wird Bhutto gehängt.

IV. Die 1980er-Jahre: Der islamistische Frontstaat

Nach dem Justizmord an Bhutto ist Zia ein internationaler Paria. Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, Weihnachten 1979, muss ihm wie ein Gottesgeschenk erschienen sein. Von Pakistan aus wird künftig der antisowjetische Dschihad organisiert. Seit der US-Präsidentschaft Ronald Reagans 1981 stehen dafür milliardenschwere Gelder und Waffen bereit. Auch Saudi-Arabien ist beteiligt. Zia ist Fundamentalist, aber auf der ‚richtigen‘, der sunnitischen Seite. Er hat, was Bhutto aus Not begann, von Anfang an mit Überzeugung fortgesetzt: mit islamischem Banking, mit Sharia-Gesetzgebung, der Förderung islamistischer Gruppen und selbst der Muhajir. Jetzt bietet sich ihm die einzigartige Gelegenheit eines islamistischen Feldzugs gegen die Sowjets. Er erklärt Pakistan zum Frontstaat, sich nach innen zum Verteidiger des Islam und gen Washington als den der Demokratie.

Vor allem aber setzt er ein absolutes Monopol und Kontrollrecht über den Dschihad gegenüber den Finanziers in Washington durch. Nur das pakistanische Militär und sein unheimlicher Geheimdienst, ISI, organisieren die Mudschaheddin. Sie erhalten Geld und Waffen von den USA und verteilen sie an angemessen radikale, überwiegend paschtunische Kriegsführer. 1988/89 endet das goldene Zeitalter des Dschihad. Ebenfalls 1988 kommen bei einem rätselhaften Helikopterabsturz Zia, mehrere Generäle und der amerikanische Botschafter ums Leben. Die Armee ruft die Politiker*innen der zwei großen Parteien zu Hilfe: die Muslimliga und die von Benazir Bhutto geführte PPP. Unter diesen für die Anerkennung und Kreditbeschaffung in Washington alles in allen günstigen Bedingungen enden die 1980er-Jahre besser, als sie begonnen haben.

V. Die 1990er-Jahre: Der Zwei-Parteien-Staat

Das Jahrzehnt ist vom schnellen Wechsel von Premiers, Regierungen, übergangsweisen Caretaker-Kabinette und bald sogar Caretaker-Staatspräsidenten geprägt. Die Wahlbeteiligung geht zurück und es mehren sich Wahlüberraschungen, allerdings selten angenehme. Kandidat*innen werden eingeschüchtert und ermordet, zwischen Sunna- und Shia-Wähler*innen entstehen lokale Bürgerkriege, hinzu kommt massenhafter Wahlbetrug, etwa durch gefälschte Stimmzettel. Auf der Parteienebene dominiert die Muslimliga und die Pakistan Peoples Party; daneben bestehen drei religionspolitische Kleinparteien und Netzwerke: eine fundamentalistische, eine orthodoxe und eine anfänglich eher traditionalistische Partei. Alle werden jetzt zunehmend radikaler und kooperieren mit Terrorgruppen. Daneben gibt es eine Vielzahl auf Provinzen beschränkte regionalistische, kulturnationalistische oder tribale Gruppierungen, die meisten im tribal fragmentierten, politisch bedeutungslosen Balutschistan.

Auf der Eliten-Ebene sind die Akteure mächtige Punjabi-Eliten, Industriellenfamilien, Handelshäuser, die paschtunischen und die Punjabi Militärs, die Muhajir und die Sindhi »Waderos«, mit fast mittelalterlichem Großgrundbesitz. Hinzu kommen im Sindh und im Punjab die »Pirs«: Dynastien von Heiligen, also volksreligiöse Mystiker, die über große Wallfahrtszentren, riesigen Landbesitz und oft hunderttausende von Anhänger*innen verfügen.

Aus Sicht dieser Eliten ist die Regierungsform immer noch zufriedenstellend, nicht nur bis zum nächsten Putsch Ende 1999, sondern im Kern bis heute. Seit 1988 haben sich Benazir Bhutto und Nawaz Sharif von der Muslimliga viermal an der Macht abgewechselt; zumeist vom Präsidenten entlassen und von Caretakern geschäftsführend abgelöst. Daneben droht die Kontrolle des Militärs über die demokratische Scharade verloren zu gehen. Deshalb kommt es kurz vor Ende des Jahrtausends zu einem neuerlichen Putsch.

VI. 2000 bis 2010: Das Caretaker-Management

Verantwortlich für den neuerlichen Putsch ist der gebildete, leicht onkelhafte Parviz Musharraf, ein Muhajir. Er hat einen Teil seines Lebens in der Türkei verbracht, wo er die Selbstermächtigung des türkischen Militärs kennenlernte. Ihm gefällt die Vorstellung, analog zu Atatürk ein »Atapak«, ein »Vater aller Pakistanis« zu werden. Zwei Rahmenbedingungen machen Musharraf bald zur tragischen Figur: Einerseits scheitert er an einer liberalen Öffentlichkeit, die während mehr als zehn Jahren, wenn auch manipulierter, Demokratie entstanden war. Andererseits gerät er durch den Afghanistan-Krieg der USA zwischen den starken Verbündeten und pro-Taliban-Kräften im eigenen Land. Musharraf tritt schließlich zurück.

Die aus dem Exil zurückgeholte Benazir Bhutto kann die erhoffte demokratische Wende nicht begleiten. Das Spiel von Militär und ISI mit den Taliban, mit islamistischen Parteien, mit Terrorgruppen und deren Netzwerken ist außer Kontrolle geraten. Benazirs Triumphzug durch Karachi wird durch einen riesigen Explosionsfeuerball unterbrochen, Dutzende von Anhänger*innen werden zerrissen. Sie selbst stirbt wenig später durch eine weitere Bombe.

VII. 2010 bis heute: Der diskreditierte Staat

Infolge dieser Attentate übernehmen diskreditierte und korrupte Koryphäen der PPP und der Liga die Regierungsführung. Das ist zunächst der zwielichtige, steinreiche Witwer Benazir Bhuttos, Zardari. Das ist auf der anderen Seite der ungekrönte Königsmacher im Punjab und in der Muslimliga, Nawaz Sharif.

Die entscheidende neue Kraft aber ist der islamistische Terror. Militär und ISI, selbst fraktioniert, spielen, je nach Anlass und Notwendigkeit, mit den islamistischen Gruppen. Seit Kriegsende 1988 werden diese Gruppen in Richtung Indien, insbesondere nach Kaschmir, entsandt. Im Inneren sind diese islamistischen Parteien, Fraktionen und Organisationen schon längst unkontrollierbar geworden.

Die Wahl 2018 bringt einen Machtwechsel. Ein wenig orthodoxer, vierfach verheirateter ehemaliger Cricket-Kapitän übernimmt mithilfe einer neugegründeten Fan-Partei die Macht in Islamabad. Lange Zeit scheint Präsident Imran Khan zur Zufriedenheit und mit Unterstützung der Militärs zu agieren. Die Machtübernahme der Taliban hat er begrüßt.

Der Kunststaat funktioniert

Gemessen an der grotesken Grundidee, an den Zufallsbedingungen der Entstehung und der katastrophalen Ausgangssituation Pakistans ist der Staat ein Erfolg. Einfach, weil er trotz seiner Krisen und oft bescheidenen Leistungsbilanz immer noch existiert.

Das Ganze funktioniert allerdings nur solange der Elitenkompromiss hält. An höchster Stelle sind die entscheidenden ethnisch-regionalen, wirtschaftlichen, bürokratischen und militärischen Eliten eng vernetzt. Durch juristisches Spezialwissen, Fachpersonal und durch Standesdünkel sind sie außerdem fest miteinander verbunden. Seit Ayub lautet die Machtkonfiguration: Das Militär ist die unsichtbare Hand Gottes, die Zivilbürokratie setzt den Rahmen, die großen Wirtschaftshäuser gehen hemmungslos ihren Geschäften nach, Landbesitzer*innen wachen über Heerscharen von Leibeigenen und Sektenanhänger*innen; keiner zahlt Steuern und jeder Zweit- oder Drittgeborene der großen Familien wird ins Parlament entsandt. Sie alle wissen, dass man sich gegenüber Indien alles, gegenüber der EU fast alles, gegenüber Washington, mit Rückendeckung Chinas, sehr viel und dem Militär und ISI gegenüber nichts erlauben darf.

Arbeitet die Zeit für oder gegen dieses Arrangement? Schützen und neutralisieren Rückständigkeit und Traditionalismus gegenüber den kommenden Schocks und Krisen? Oder sorgen Fundamentalismus und islamistische Netzwerke einerseits, neue soziale Aspirationen und demokratische Ambitionen andererseits (beide dank Internet), inzwischen für neue, allgemeine und landesweite Konfrontationen? Können diese wie bisher im Rahmen der alten Eliten-Kooperation weiter aufgeschoben, kleingemahlen oder unterdrückt werden?

Die vorläufige Antwort mit Imran Khan war populistisch: ein Cricket-Kapitän.

 

Jakob Rösel ist ehemaliger Lehrstuhlinhaber an der Universität Rostock, Südasienexperte und unter anderem Autor des Buches »Pakistan: Kunststaat, Militärstaat, Krisenstaat« im Lit Verlag, 2011.

 

PS: Nach Redaktionsschluss wird der Kapitän Imran Khan im April 2022 ausgewechselt. Die Opposition hat nach einer langen Kampagne im Parlament ein Misstrauensvotum erfolgreich durchgebracht. Neuer Regierungschef wird der korruptionsverdächtige Shehbaz Sharif. Er ist ein Politiker aus der Sharif-Dynastie und der jüngere Bruder vom dreimaligen-Regierungschef Nawaz Sharif, der 2018 zu einer Haftstrafe wegen Korruption verurteilt wurde. Die Sharifs gehören der Muslimliga an, die, siehe Schritt I, das Misslingen eines demokratischen Pakistans begründet haben. Besiegelt ist dieses trotzdem noch nicht. Pakistan geht zurück auf Los.

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390 | Pakistan
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