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Nach Mitternacht

Editorial zum Themenschwerpunkt

Um Mitternacht am 14. August 1947 wurde Pakistan, wie Indien, zum unabhängigen Staat. Die Ablösung von Britisch-Indien geriet zur Tragödie: Die gleichzeitig stattfindende Abspaltung Pakistans, oder ‚der‘ Muslime von Indien (siehe Seite 18) dominierte die beginnende Landesgeschichte. Sofort begannen flächendeckende Massaker gegen ‚die Anderen‘ und Hunderttausende ließen ihr Leben. Millionen Minderheitenangehörige flohen ins jeweils andere Land. Es war kein vielversprechender Anfang. Der teilweise in Pakistan aufgewachsene Schriftsteller Salman Rushdie schrieb in seinem Roman »Mitternachtskinder«: »Die Mitternacht hat viele Kinder; nicht alle Nachkommen der Unabhängigkeit waren menschlich. Gewalt, Korruption, Armut, Generäle, Chaos, Gier und Peperoni …«

 

Seither ist viel geschehen. Mit 216 Millionen Einwohner*innen ist Pakistan das fünftgrößte Land der Welt. Aus dem ‚Land für die Muslime‘ säkularer Prägung in der Anfangszeit wurde der ‚Militärstaat‘ Islamische Republik Pakistan. Dieser brachte unter anderem zahlreiche islamistische Militante hervor und ist eine Geburtsstätte der afghanischen Taliban (Seite 22). Aber auf der anderen Seite gelten die verbrieften Menschenrechte und die Verfassung für alle; es finden regelmäßig freie Wahlen statt; und die Zivilgesellschaft bringt ihre Anliegen wie Arbeitsschutzgesetze, Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit (Seite 35) oder Gendergerechtigkeit (Seite 30) ein.

Innenpolitisch ist Pakistan am ehesten eine (vom Militär) gelenkte Demokratie mit signifikanten Menschenrechtsmängeln (Seite 24). Das Blasphemie-Gesetz etwa führt zu willkürlichen Anzeigen bis hin zu Lynchjustiz. Trotzdem existieren verbriefte Verfassungsrechte und es gibt immer wieder Erfolge zivilgesellschaftlichen Engagements. Als 2018 der Transgender Persons Act in die Verfassung aufgenommen wurde, galt dies als Meilenstein. An der erlebten Ausgrenzung queerer Menschen ändert es wenig (Seite 30). Der Oberste Gerichtshof in Pakistan hat nun eine erste Richterin – immerhin.

Es gibt also Spielräume, um gesellschaftlichen Wandel zu erwirken. Wie überall auf der Welt, ist für junge Menschen in Pakistan der Klimawandel wichtiges Aktionsfeld und es gibt die Gruppierung Fridays for Future Pakistan (Seite 27). Während zum Klimaschutz eine weitgehend offene gesellschaftliche Debatte möglich ist, ist Religionsfreiheit ein schwierigeres Thema. Ein wichtiges Medium für solche Aushandlungen auf der diskursiven Ebene ist, nicht nur in Pakistan, der Film. Das pakistanische Bollywood heißt Lollywood und der Hauptsitz des pakistanischen Films ist die Megacity Lahore im Punjab. In den Nischen erlebt dort auch der sozialkritische Dokumentarfilm Pakistans eine Blütezeit (Seite 35).

Nicht nur durch seine schreckliche Umsiedlungsgeschichte von 1947 ist Pakistan ein Land der Migration. Es gibt auch eine umfangreiche Arbeitsmigration innerhalb Pakistans, zumeist in die Städte (Seite 32). Gleichzeitig verlassen viele Menschen Pakistan in alle Welt. Über drei Prozent der pakistanischen Bevölkerung leben und arbeiten im Ausland. Eine gegenläufige Migrationsbewegung ist derzeit die Flüchtlingswelle aus Afghanistan, die mit der Machtergreifung der Taliban begann.

 

Außenpolitisch gibt es ein dominierendes Thema: So wie Pakistan das Trauma Indiens ist, so ist Indien das Trauma Pakistans. Die Länder beharken sich bei jeder Gelegenheit, etwa im umstrittenen Kaschmir (iz3w 361). Auf der Weltbühne bewegt sich Pakistan bündnispolitisch erfolgreich: Man pflegt gute Beziehungen mit den USA, China, Russland oder der EU. Im Fall des Ukrainekrieges befinden sich Pakistan und Indien in einer Bredouille: Mit ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem russischen Angriffskrieg liegen beide Länder auf derselben Linie! Hier spielt eine partielle Abkehr Pakistans von den (mit ihrem Menschenrechtediskurs nervigen) USA eine Rolle. China und Russland ködern Pakistan, um zu dritt den Einfluss der USA in Südasien zu minimieren. China lockt mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit; beim pakistanischen Militär türmen sich neben US-amerikanischen zunehmend auch russische Waffen.

Salman Rushdie bezeichnet in seiner Autobiographie »Joseph Anton« Pakistan als »historischen Fauxpas« »und »ein ungenügend imaginiertes Land«. Trotzdem feiert Pakistan dieses Jahr 75 Jahre Unabhängigkeit. Es mag ungenügend imaginiert, autoritär und konservativ sein … Aber es ist da. Es ist äußerst wirkungsmächtig und eine extrem junge Bevölkerung treibt das Land in eine schwer imaginierbare Zukunft, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnen wird. Das bezeugt

die redaktion

 

 

Dank an die Fotograf*innen: Für die Fotos aus Pakistan bedanken wir uns besonders bei Zahra Asghari, Habib Qasimi und Khumais Hashmi. Alle drei sind junge Fotograf*innen aus Pakistan und haben uns ihre Fotos zur Verfügung gestellt. Die Bilder machen den Themenschwerpunkt um einige Facetten reicher und wir danken dafür herzlichst!

390 | Pakistan
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