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Alles muss raus

Die iz3w begleitet die aktuelle Restitution, also die Rückgabe von Kulturgütern aber auch Gebeinen, in die postkolonialen Herkunftsländer mit einer Artikelreihe. Dabei stellt sich auch die Frage, welche Auswirkungen die ethnologischen Sammlungen auf die deutsche Gesellschaft hatten. Welchen Erkenntniswert haben sie? Kann man mit einigen Rückgaben und mit neuen Sammlungskonzepten weitermachen?

von Winfried Rust

Restitution ist ein Fortschritt. Mit dem französischen »Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter« von Felwine Sarr und Bénédicte Savoye beginnt eine neue postkoloniale kulturelle Epoche: Frankreich verpflichtet sich, die geraubten Kulturgüter an die ehemaligen afrikanischen Kolonien zurückzugeben. Das Unrecht wird eingestanden. Die anderen alten Kolonialmächte ziehen langsam nach, weil die alte Blockadehaltung gegenüber dieser Restitution kaum mehr haltbar ist. Der Grund für den beginnenden Wandel sind die beharrlichen Forderungen aus den postkolonialen Staaten seit den 1960er-Jahren und es waren zuletzt die wachsenden Proteste in den westlichen Zivilgesellschaften. Mit den Black Lives Matter-Protesten seit 2013 oder Denkmalstürzen und Umbenennungsinitiativen gegen koloniale Straßennamen erschien es immer anachronistischer, dass sich ein Publikum in europäischen Ethnologischen Museen an kolonialem Raubgut erbaut.

Der »Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter« von 2018 benennt das Ausmaß des französischen Kulturraubs und er formuliert konkrete Maßnahmen für eine Rückgabe. Der Bericht ist damit handlungsleitend für die französische Politik. Auch in Deutschland sieht sich jedes Ethnologische Museum heute zumindest normativ der Anforderung gegenüber, die eigenen Bestände umfassend zu rechtfertigen – oder sie zurückzugeben. Die Herausforderung wird gerne angenommen, wenn die Mittel fließen. Die Provenienzforschung über die Herkunft und den Hintergrund der Exponate verleiht den vor sich hindümpelnden Sammlungen Schwung. Den Unrechtskontext der Sammlungen will man nicht haben und gerade die Kontaktaufnahme mit den Herkunftsgesellschaften kann Leben in die Bude bringen. Beispielsweise in Hannover, Bremen oder im Linden-Museum Stuttgart werden die Exponate auf ihre Herkunft und die ganzen Museen auf ihr »Schwieriges Erbe« untersucht – so der Titel der Stuttgarter Sonderausstellung.

Allerdings macht sich Ernüchterung breit, denn die Umsetzung der Rückgaben lässt auf sich warten. Und man kann nicht sagen, dass es seitens der afrikanischen Staaten einen stürmischen Andrang auf die ethnologischen Sammlungen gäbe. Vielmehr spricht einiges dafür, dass die Restitution zu spät kommt. Und sie lindert die kulturellen Verwüstungen der Raubtaten nicht. Sie gleicht kein Unrecht aus. Sie kittet keinen Riss in der kolonial zerklüfteten Welt. Sie schmälert die Verächtlichmachung des Globalen Südens durch die westliche ‚Völkerkunde‘ nicht. Zudem erweist sich die Aussagekraft der Exponate oft als gering. Die Restitution ist ein Fortschritt mit einigen Haken.

Zurückgeben ist der neue Raub

Ein Ethnologisches Museum, das etwas auf sich hält, hat heute eine kostenlos digital zugängliche Sammlung mit den Fotografien seiner Exponate. Dazu kommen Sammlungsinformationen über die Provenienz, also die Herkunft der Objekte. So ist es von überall möglich, Bestände, die zu Unrecht erworben wurden, zu erkennen und zurückzufordern. Die Städtischen Museen Freiburg stellen dabei in Aussicht, bei einem Unrechtsverdacht proaktiv auf mögliche Institutionen oder Nachfahren im Globalen Süden zuzugehen.

Das ist gut. Aber es ist auch relativ bequem. Jahrelang hatten die Ethnologischen Museen in Europa an Lebenslügen festgehalten: Unsere Exponate haben mit dem verbrecherischen Kolonialismus nichts zu tun. Wir stehen auf der Seite der ehemaligen Kolonisierten. Die Forderungen nach Rückgaben wurden seit den 1960er-Jahren mit juristischen oder logistischen Spitzfindigkeiten zurückgewiesen: Leider sei der Besitztitel (beim deutschen Staat) unumstößlich, leider hätten die afrikanischen Staaten nicht das Knowhow und Equipment für die Erhaltung der Exponate. Zuletzt strapazierte man mit der Provenienzforschung die Geduld der Rückgaben-Befürworter*innen. Denn so sinnvoll Provenienzforschung ist – sie wirkt auch als Hinhaltetaktik. Etwas stimmte wieder nicht: In Europa lagert das Raubgut und in Europa maßt man sich an, dieses weiter zu beforschen, anstatt es zurückzugeben. Als jetzt die Gegenkräfte übermächtig wurden, ließ man endlich los.

Nun feiern sich alle beim Lob der Restitution. Und es zeigt sich, dass die kulturpolitische Misere schlimmer ist als befürchtet. Zurückgeben: Geben bedeutet, dass es einen aktiven und einen passiven Part gibt. Wie üblich liegt auch bei der Restitution der aktive Part beim Globalen Norden, Beispiel: ‚Entwicklungshilfe‘. Der passive Part liegt beim Globalen Süden, Beispiel: ausgeraubt werden. Zweitens impliziert der Begriff Zurückgeben einen Tausch. Nach dem Zurückgeben ist man quitt. Das verdeckt die Asymmetrie und das Unrecht beim Kulturraub. Drittens feiert man, dass die Menschen im Globalen Süden wieder an ihr kulturelles Erbe herankommen würden. Dem ist nicht so, denn die koloniale Gewalt hat es verschüttet. Ein kulturelles Erbe existiert im ständigen Austausch mit seiner Gesellschaft. Es kann nicht hundert Jahre weg und dann wieder da sein. Man kann den jungen Menschen in Nigeria nicht alte ‚Fetische‘ in die Vitrinen legen und glauben, dass sie da ihre ‚kulturelle Identität‘ oder etwas Spannendes entdecken.

Vielmehr hat der Kolonialismus tiefgreifende, auch kulturelle, Verheerungen angerichtet. Der Transfer von Kulturgütern nach Europa war nicht zuletzt eine Demütigung der Menschen im Globalen Süden, und genauso war er gemeint. Es waren gerade Strafexpeditionen, bei denen beispielsweise die tausenden Benin-Bronzen 1897 von Großbritannien geraubt wurden. Es war eine Zielsetzung des Kulturraubes, den Gegner zu demütigen. Sarr/Savoy schreiben über die koloniale Sammelwut: »Zerstörung und Sammlung sind zwei Seiten derselben Medaille.«

Neues aus der Rumpelkammer

In Europa wurden afrikanische Kulturgüter dann wie Trophäen ausgestellt. Die Völkerkunde oder Ethnologie wurde als Legitimationswissenschaft des Kolonialismus groß. Sie war eine Spezialwissenschaft, die die Menschen im Globalen Süden aus der ‚Zivilisation‘ heraus definierte. Gesellschaften werden in Volksstämme, Ethnien, eingeteilt, sonst verfehlt die Ethnologie ihr Thema. So schreibt Ernst Grosse, ein ‚Urvater‘ der Freiburger Sammlungen für Völkerkunde 1901 in seinem »Plan für die Einrichtung der städtischen Sammlungen für Völkerkunde« über drei Stufen der »Hauptculturformen der Menschheit«, es sei »zu bemerken, dass die Formen der letzten und höchsten Stufe bereits über die Grenze des ethnographischen Sammelgebietes hinausragen; unsere eigene westeuropäische Culturform ist das Privilegium besonderer Wissenschaften und Museen«.

Das ist die Grundlage der ethnologischen Sammlungen und sie ist das Gegenteil seriöser sozialwissenschaftlicher Forschung, die grundsätzlich von einer Menschheit ausgehen. Die Völkerkundemuseen waren die zentrale Bildungsstätten für die koloniale Ideologie: Kulturgüter wurden eng im Regal gedrängt, die Menschen im Globalen Süden wurden dort als primitiv gezeichnet und gerne wurden vorgebliche Kuriositäten zur Schau gestellt. Ihre Devotionalien wurden als Fetische bezeichnet und ihre Kunst vorwiegend als Kunsthandwerk und Stammeskunst qualifiziert. Die Menschen wurden meist als naturnahe Stämme gezeichnet und im musealen Arrangement betrachtete das Publikum die ‚Wilden‘ gern beim Jagen oder Fischen. Ausgestellt wurden Lanzen und Speere. Apropos Restitution: Soll man Lanzen und Speere nach Tansania zurückschicken? Oder sollte man sich nicht besser fragen, was man da selbst die ganze Zeit kuratiert und angeschaut hat?

In Freiburg werden die ‚Wilden‘ schon im Museumsnamen nahe der Natur verortet: Das alte »Museum für Natur- und Völkerkunde« heißt nach einer verunglückten Umbenennung 2014 »Museum Natur und Mensch«. Seriös wäre gewesen, Naturkunde und Ethnologie endlich zu trennen. Im Gegensatz dazu existiert in anderen Museumssparten, jenen über die Geschichte im Globalen Norden, keine vergleichbare Naturnähe. Selbst in der Volkskunde und in Heimatmuseen wird die moderne technische Entwicklung rezipiert und der Sozialität (anstatt nur Sitten und Bräuchen) Raum gegeben.

Eine qualitativ bedeutsame Frage für Rückgaben ist nicht zuletzt, was mit den verschleppten Kulturgütern oder Gebrauchsgegenständen arrangiert worden ist. Das Ethnologische Museum war eine Art von Völkerzoo; und es wurde so ein diskriminierendes Narrativ geformt, weil der Globale Süden im Lendenschurz erzählt wird – während sich der Globale Norden mit moderner Kunst, Architektur und Technik präsentiert. Die Völkerkundemuseen des 20. Jahrhunderts waren Rumpelkammern mit Exponaten, die wenig kompetente Kaufleute und Offiziere vor über hundert Jahren zusammensammelten. In ihnen vergewisserte sich das westliche Publikum seiner Überlegenheit. Das eröffnet die Frage: Wer sollte das zurückhaben wollen?

Eine andere Seite

Der jüngere turn der Völkerkunde zur Ethnologie und später zur Sozial- und Kulturanthropologie ist fortschrittlich gemeint. Viele Ethnolog*innen begreifen sich als Verbündete der Menschen im Globalen Süden. Die einseitig kritische Betrachtung der Ethnologie macht nur begrenzt Sinn. Schon immer waren in ihr humanistische und aufklärerische, humangeografische, sozialwissenschaftliche, historische und selbstkritische Elemente wirksam. Heute wird im Fach von einer Menschheit in kultureller Diversität ausgegangen. Sie untersucht anstatt Stämmen oftmals lieber Subkulturen, Stadtteilkulturen oder sozialen Wandel. Sie ist eher antirassistisch und hält die gegenseitige Toleranz hoch. Das manifestiert sich in den Ethnologischen Museen in den Sonderausstellungen, die deutlich höhere soziale Ambitionen haben, als die Dauerausstellungen.

Aber mit diesem turn schuf sich das Ethnomuseum sein grundlegendes Problem nicht vom Hals: die Manie von Gruppenmerkmalen. Und ob die Ethnologie mit ihrem éthnos brechen kann, ist fraglich. Im Feld bleibt die irrationale Politik des éthnos eine prominente Kriegsursache. Im Museum sind die Zeiten vorbei, in denen man Artefakte zeigt, um Menschen in homogene Gruppen einzuteilen. Die Ethnologie – welch Überraschung – ethnisiert im Museum Kunst und Alltagsleben seit jeher. Die Exponate sind sortiert nach, ähm, Gruppen. In einem Museum für Moderne Kunst ist so etwas undenkbar. Das sind die feinen Unterschiede. Eine kritische Aufarbeitung der Kolonialismus-legitimierenden Sammlungen sollte ebenso weit reichen wie bei Gedenkstätten. Es ginge darum, die Ethnologie zu musealisieren und das Ethnologische Museum in ein Museum über die Ethnologie umzuwandeln. Demgegenüber setzen die meisten Ethnolog*innen und Sammlungsmitarbeiter*innen lieber auf die Erneuerung ihres Fachs.

Es gibt noch eine andere Seite. Hierzulande gehören die ethnologischen Sammlungen zum kulturellen Kapital, welches der Autor dieser Zeilen und im Grunde die westliche Gesellschaft in sich trägt. Sarr/Savoy schreiben, dass heute die Jugend Afrikas nun ihre »Rechte in Bezug auf das Kulturerbe« geltend mache. Es geht um die Kunsterfahrung: »Dem Reiz eines Objekts erliegen, berührt, beeindruckt, bewegt, überrascht werden von einem Gegenstand, den man im Museum erblickt, seine Formen oder seine Raffinesse bewundern, seine Farben lieben, auf einem Foto festhalten, sich von ihm verändern lassen«. Sarr/Savoy deuten ferner ein schöpferisches Potential der Restitutionen an, bei welcher »das Modell des zentralen Museums (…) nur eine Option unter vielen darstellt«.

Das Zurückgeben könnte die Aneignung von Kultur neu denken, nicht-imperial, indem diese zirkuliert und Räume schöpferischer Selbstermächtigung eröffnet. Kurz: Die Restitution soll den Kulturbetrieb aufmischen. Dabei befinden sich eher die außergewöhnlichen Kunstobjekte der großen Museen wie dem Musée du quai Branly – Jacques Chirac im Blickfeld. Bezüglich der Potentiale der Restitution bilanzieren Sarr/Savoy: »Die Restitutionen stellen die alten Relationsgefälle infrage. Dadurch deuten sie eine neue Ordnung an, in der die Aneignung von Kulturerbe, diese Sitte einer anderen Zeit, einer neuen Art des Weltbezugs Platz macht, die sich auf die Anerkennung unserer gegenseitigen Abhängigkeiten und den fundamental relationalen Charakter unserer Identitäten gründet.« Dieses Anliegen wird auch von einem möglichen Scheitern des Restitutionsprojekts nicht dementiert.

Alte Meister, neue Fragen

Mit den geraubten Kulturgütern wurde der Jugend Afrikas ein kulturelles Kapital vorenthalten, welches dafür in Europa in ganz anderer Weise vermittelt wurde. Der Jugend Afrikas wurde auch vorenthalten, möglicherweise zu entdecken, dass die alten Schinken der herrschenden Klasse, wie sie hierzulande im Heidelberger Schloss hängen, langweilig sind. Dass sie vielleicht herrschaftslegitimierender Prunk sind und es eine neue Kunst braucht. In der iz3w 385 über die Welt des Adels erörtern wir, dass die Rückgabe der Benin-Bronzen notwendig ist, aber dass die Vergötterung dieser Bronzen im bürgerlichen Feuilleton befremdet. Im alten Benin dienten sie der Symbolisierung der Macht des Oberhaupts, seiner dynastischen Herleitung und der Herrschaftslegitimation. Das Königreich Benin war zu Beginn der Neuzeit die stärkste Macht westlich des Niger. Benin war ein innerer Akteur bei der Versklavung afrikanischer Menschen für die Sklavenmärkte Europas, Asiens und Amerikas. Damit betrieb Benin einen lukrativen Handel. Daraus kommt nicht zuletzt das Messing, aus dem beispielsweise der ‚Gedenkkopf eines Königs‘ in der Freiburger Sammlung hergestellt wurde. Der Gedenkkopf ist ausdrucksstarke Kunst, es lohnt sich, bei ihm in der Onlinesammlung zu verweilen (bit.ly/39hPh1i).

Beraubte Räuber? Bei der britischen Strafexpedition 1897 in Benin wurde die Bevölkerung massakriert und die Stadt angezündet. Ihren Nachkommen, auch wenn das weniger dramatisch ist, wurde etwa der formvollendete Bruch mit der Herrschaftskunst, beziehungsweise die Fortentwicklung der eigenen kulturellen Tradition geraubt. Im Einzelnen wurde ihnen die innere Revolte im Museum entwendet, wie sie Thomas Bernhard im Roman »Alte Meister« beschrieb: »Jeder wenn auch noch so geniale Pinselstrich dieser sogenannten alten Meister ist eine Lüge«. Das Beispiel soll lediglich andeuten, wie vielschichtig und unwiederbringlich der koloniale Raub nachwirkt. Effektiv war er bei der Zerstörung; viel unergiebiger ist sein Reservoir für die Rückgabe. Es ist schwer, sich eine Vorstellung des Umfangs der durch Raub und Zerstörung vorenthaltenen Kultur zu machen – von den sozialen Kosten des Kolonialismus ganz zu schweigen.

So tauchen bei der erfreulichen Tendenz, koloniales Raubgut in die Herkunftsländer zu restituieren, auch Probleme auf. Eine Restitution geraubter Kulturgüter reicht nicht weit genug, um den kolonialen Raub oder die kulturelle und materielle Enteignung des Globalen Südens zu beheben. Und Restitutionen sind nicht geeignet dafür, die Defizite der Ethnologischen Museen in Wohlgefallen aufzulösen.

 

Winfried Rust ist Mitarbeiter im iz3w.

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