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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 392 | Dark Tourism Urlaub im Elend

Urlaub im Elend

Editorial zum Themenschwerpunkt

»A cheap holiday in other people’s misery!

I don’t wanna holiday in the sun

I wanna go to new BelsenI wanna see some history

Cause now I got a reasonable economy«

(The Sex Pistols: Holidays in the Sun, 1977)

 

1977 sangen die Sex Pistols von ihrem Wunsch, im Urlaub nach Bergen-Belsen zu reisen. Einem Ort, der wegen des ehemaligen Konzentrationslagers für das Grauen steht. Unter Schichten der Ironie und Provokation liegen in der Songstrophe Bedeutungen verschüttet, die für unseren Themenschwerpunkt über Dark Tourism (1) zentral sind. Dabei ist der Song ein Zeitdokument. Ferienreisen waren in den 1970er-Jahren für viele erschwinglich geworden. Die Hippies suchten ihre Abenteuer und schauten schon einmal auf die dunkle Seite des Lebens – und in die als exotisch markierten und preisgünstigen Länder des Globalen Südens. Dabei wurden die Hippies zu Pionier*innen für manchen Urlaubsort, der anschließend für den Massentourismus erschlossen wurde.

Die Punks führten dieses Pioniertum eher nicht fort (und auch Sylt ist touristisch schon erschlossen). Die Punkband Dead Kennedys legte in Sachen Düsternis (der Darstellung) 1980 gegenüber den Sex Pistols noch eine Schippe drauf: In »Holiday in Cambodia« singen sie »It’s a holiday in Cambodia / Where the slums got so much soul / Pol Pot.« Die Slums haben Seele und im Refrain regiert Massenmörder Pol Pot.

Im iz3w beschäftigen wir uns, nicht ganz so rabenschwarz, schon lange mit Tourismus. Dieser Themenschwerpunkt zu Dark Tourism will kein ‚kritischer Reiseführer‘ sein. Die Wahl des Themas ist eher ein Versuch der Reflexion gegenüber den oftmals historischen Orten von Gewalt und Unglück. Uns geht es um die Fragen, die das Reisen zu diesen Orten aufwirft. Warum sind sie interessant? Wie finden die verschiedenen Besuchsmotive dort je ihren Raum? Schon die Tatsache, dass Erinnerungsorte touristisch erschlossen werden, beeinflusst, welche Schichten der Geschichte freigelegt, welche Erzählungen gehört und wahrgenommen oder verschwiegen werden. Was machen diese Orte mit den Täter*innen und deren Kindern, was mit Betroffenen und deren Nachfahren?

Zurück zum Anfang: Ehemalige KZs gelten als ‚typische‘ Orte des Dark Tourism. Die Herausforderungen, vor denen KZ-Gedenkstätten als Tourismusziele stehen, beschreiben Frank Bajohr und Axel Drecoll (Seite 24). Wie gehen die Menschen, die diese Gedenkstätten gestalten mit Aspekten wie Voyeurismus oder Spektakelsucht um? Mit ähnlichen Fragen beschäftigt sich der Artikel von Barbara Thimm, die sich die ehemaligen Lager und Gefängnisse der Roten Khmer in Kambodscha vornimmt (Seite 28).

Und  welche Rolle spielt die Erinnerung an Kolonisierung und Versklavung im Diskurs um Dark Tourism? Viele Besucher*innen der Stätten und Gedenkorte über Sklaverei in Ghana würden ihre Reise vermutlich nicht unter dem Begriff Dark Tourism verhandeln. Hier suchen Menschen mit afrikanischen Vorfahren aus der Diaspora nach ihrer Geschichte (Seite 33). Rasul Mowatt plädiert dafür, mehr Erinnerungsorte an die Aufstände und Rebellionen versklavter, kolonisierter und indigener Bevölkerungsgruppen einzurichten (Seite 31).

Andere ,typische‘ Dark Tourism-Reiseziele wie ehemalige Gefängnisse, Slumtouren, Katakomben, Serienmördertouren oder Ruin Porn wie in Detroit finden sich nicht in dieser Ausgabe. Wir haben uns auf Orte konzentriert, an denen sich Gedenken, Erinnerung, Geschichtsbildung und Tourismus kreuzen. So schaut Ute Löhning auf die ehemalige Sektenkolonie und das Foltergefängnis Colonia Dignidad in Chile. Sie berichtet von der Absurdität, wie an diesem Ort heute ein Ferienressort betrieben wird, ohne dass sich die Besitzverhältnisse grundlegend geändert haben (Seite 36).

Für die einen mögen das Orte sein, an denen sie Geschichte ‚nah erleben‘ können, oder einfach Orte für die touristische ‚Ich-war-hier‘-Grußbotschaft. Für andere sind es Stätten, an denen traumatischer Ereignisse gedacht wird, ob aus der eigenen Biografie oder der ihrer Vorfahren. Das eröffnet Fragen nach der Besuchskultur. Wie können Betroffene Gehör finden und ungestört gedenken? Wie kann historische Gewalt für ein breites Publikum aufgearbeitet und vermittelt werden? Auch das ist eine Reise wert: die Suche danach, was es braucht, damit der Besuch der Dark Tourism-Orte hilft, ein genaueres Bild von ihrer Geschichte zu zeichnen.

Gute Reise wünscht dabei

die redaktion


Anmerkung
1 Dark ist nicht mit Schwarz zu übersetzen. Es bezieht sich auf die grausame (dunkle) Geschichte der besuchten Orte.

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392 | Dark Tourism
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