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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 393 | Rohstoffe Anna Laiß: Universalistisches Ideal und koloniale Kontinuitäten

Anna Laiß: Universalistisches Ideal und koloniale Kontinuitäten

Verräter, Staatsbürger oder Flüchtlinge?

Mit der Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 verließen nicht nur europäische Siedler*innen das Land in Richtung Frankreich, sondern auch etwa 85.000 sogenannte Harkis: Muslime, die während des Algerien-Krieges insbesondere als Hilfssoldaten die französische Armee unterstützt hatten. In ihrer Doktorarbeit Universalistisches Ideal und koloniale Kontinuitäten. Die »harkis« in der Fünften Französischen Republik analysiert Anna Laiß die von unterschiedlichen Fremdbildern geprägten Kontroversen um diese Menschen sowie die damit verbundene schwierige Suche der Harkis und deren Nachkommen nach ihrem Platz in der Französischen Republik.

Eine Recherche zu dem Begriff »harki« in französischen Onlinebibliographien verrät, dass diese Gruppe bereits vermehrt wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren hat, besonders in den französischsprachigen Geisteswissenschaften. Die Autorin verspricht dabei einen besonderen Fokus auf die Akteure des gesellschaftlichen Diskurses sowie einen langen Betrachtungszeitraum von 50 Jahren.

Laiß untersucht dabei, wie die um die Hilfssoldaten geführten Diskurse einerseits universalistische Ideale bemühten, doch andererseits koloniale Kontinuitäten aufwiesen. An den Diskursen beteiligten sich verschiedene Gruppenakteure, darunter auch die Harkis selbst. Laiß betrachtet die Fünfte Republik von 1958 bis zum Ende der Präsidentschaft Jacques Chiracs im Jahre 2007. Sie geht chronologisch vor und unterteilt die Untersuchung in drei Phasen mit übergeordneten Themen: das Ende des französischen Imperiums (1958-1962), die Integration der Harkis in Frankreich (1962-1995) und – sich mit der zweiten Phase überschneidend – die Aufarbeitung des Algerienkrieges (1980-2007). Die einzelnen Abschnitte betrachtet sie dann jeweils mit Blick auf die sieben größeren Gruppenakteure: Vertreter der Regierung, des Militärs, die europäischen Repatriierten und damit prokoloniale, meist rechte Akteure; der Front de Libération Nationale (FLN) in Algerien und Frankreich sowie die kolonialkritische Linke Frankreichs und die muslimischen Eliten, die nach dem Ende der Kolonisation zusammen mit den Hilfssoldaten als muslimische Repatriierte nach Frankreich kamen. Jeweils am Ende der Abschnitte wird auf die Hilfssoldaten selbst, beziehungsweise deren Nachkommen, eingegangen.

Die Zeitspanne von knapp 50 Jahren umfasst dabei verschiedene Ereignisse der Geschichte der Hilfssoldaten. Angefangen von der langwierigen Entscheidung, wie nach der algerischen Unabhängigkeit mit ihnen verfahren werden sollte und den Massakern, die in Algerien an ihnen verübt wurden, über die fragwürdigen Integrationsmaßnahmen in Frankreich, bis hin zu den Unruhen und Protestaktionen, bei denen vor allen Dingen die zweite Generation der Harkis versuchte, sich Gehör zu verschaffen.

Das Werk bleibt dabei durchweg seinem akteurs- und diskursbezogenen Ansatz treu, der Fokus liegt nie auf den ereignisgeschichtlichen Hintergründen. Für jede Phase wird überprüft, wie sich die Gruppenakteure zu den Harkis positionierten und wie sie in deren Argumentation instrumentalisiert wurden. Dabei greift Laiß meist die bestehenden Forschungserkenntnisse auf und wägt zwischen den unterschiedlichen Positionen und Meinungen ab. Sie weist auf Lücken hin und versucht, diese durch die Untersuchung von schriftlichen Veröffentlichungen der jeweiligen Akteure zu schließen. Besonders hervorzuheben ist, wie gut es der Autorin gelingt, die Beweggründe hinter den auf den ersten Blick häufig unscheinbaren Allianzen herauszustellen. So wird beispielsweise deutlich, weshalb es lange Zeit vor allem politisch rechtsstehende Akteure waren, die in ihrer Argumentation nahe bei den muslimischen Eliten lagen und sich für die Harkis einsetzten. Sie attestierten diesen durch ihren militärischen Dienst eine Entscheidung für ein französisches Algerien und instrumentalisierten ihre schlechte Situation bis in die Gegenwart, um Kritik an der Regierung zu üben oder ihre positive Deutung des Kolonialismus zu untermauern. Kolonialkritische linke Akteure betrachteten die Harkis dagegen lange entlang der Linie des FLN als Verräter oder Kollaborateure. Die Untersuchung der Einstellung verschiedener Gruppen zu den Harkis ist somit gut geeignet, die Komplexität von Migrationsgeschichte und die Beständigkeit von kolonialen Abhängigkeiten aufzuzeigen.

Fraglich bleibt indessen, inwiefern die Zielsetzung, auch die Positionierung der Harkis selbst deutlich zu machen, in der Studie erfüllt wurde. Laiß betont an verschiedenen Stellen, dass die Hilfssoldaten lange nicht an dem untersuchten Diskurs teilhaben konnten. Dementsprechend müssten ihre Einstellungen im Unterschied zu den anderen Akteuren aus ihren Handlungen rekonstruiert werden. Gegen Ende der Untersuchung gelingt ihr deren Analyse entsprechend besser, bedingt durch das öffentliche Auftreten der Nachkommen der Hilfssoldaten. Dennoch besteht ein gewisses Ungleichgewicht, wodurch die Harkis selbst häufig passiv wirken. Ihre Perspektiven hätten beispielsweise durch Oral History Interviews stärker berücksichtigt werden können, was allerdings den Rahmen der Arbeit gesprengt hätte.

Insgesamt stellt das Buch eine umfangreiche und nachvollziehbare Darstellung der Diskurse dar und berührt auch über die sehr besondere Geschichte der Harkis hinaus Fragen zu hybriden Identitäten, Migration und Integration viele gesellschaftlich relevanten Themen mit großem Gegenwartsbezug. Somit kann es auch jenen empfohlen werden, die sich nicht nur speziell für die Geschichte der Harkis interessieren.

Niklas Kniebühler

 

Anna Laiß: Universalistisches Ideal und koloniale Kontinuitäten. Die »harkis« in der Fünften Französischen Republik. Heidelberg University Publishing, Heidelberg 2021. 528 Seiten, 54,90 Euro.

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