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C.L.R James: Die Schwarzen Jakobiner

Eine vergessene Revolution

Geschichte ist ein politisches Werkzeug. Mit ihrer Deutung können Ansprüche formuliert, Loyalität eingefordert, aber auch Entwicklungen umgedeutet werden. Insbesondere Rassismus, Kolonialismus und das nachfolgende Ungleichgewicht zwischen Weltregionen und Staaten wurden mit einer Geschichte von Entwicklung und Unterentwicklung begründet und gerechtfertigt.

Eine dem entgegengesetzte Geschichtsschreibung über die Entwicklung des Kapitalismus und die Rolle der verschiedenen Weltregionen in dieser, legte C.L.R. James im Jahr 1938 mit seinem Buch Die Schwarzen Jakobiner vor. Eine Neuauflage des Buchs erschien letztes Jahr in deutscher Übersetzung. Der in Trinidad geborene Marxist James zeichnet darin die Haitianische Revolution nach. Im Zuge der Revolution von 1789 brach in der französischen Kolonie ein Aufstand aus, bei dem arme Weiße, People of Color, aber vor allem versklavte Schwarze gegen die Regierung aufbegehrten. Treibende Kraft werden im Verlauf die Sklav*innen, die die Sklaverei abschaffen und den unabhängigen Staat Haiti ausrufen.

Das Buch ließ C.L.R James im englischsprachigen Raum zum Vordenker der Strömung des Black Marxism werden. James wurde 1901 in der Karibik unter britischer Kolonialherrschaft geboren. 1933 ging er als Sportjournalist nach London, um über Cricket zu berichten. Er bewegte sich im Umfeld trotzkistischer Gruppen. In seiner Londoner Wohnung gründete er einen Diskussionskreis mit Schwarzen Aktivist*innen, die in den späteren Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika zu wichtigen Figuren wurden. Später ging James in die USA, wo er Organisierungsversuche von Schwarzen Arbeiter*innen unterstützte und die Johnson-Forrest Tendency begründete. Diese eigenständige marxistische Strömung löste sich vom Trotzkismus und hatte eine eigene Analyse des Kolonialismus und eine scharfe Kritik am sowjetischen Modell.

Sein Buch ist bis heute ein Grundlagenwerk über den Sklav*innenaufstand von Haiti. James holte das fast vergessene Ereignis aus der Versenkung. Die Kolonialmächte hatten ein großes Interesse daran, dass die Haitianische Revolution aus den Geschichtsbüchern verschwindet, gab es doch eine große Angst vor einer Wiederholung an anderen Orten. Deshalb mischten sich auch neben Frankreich weitere Großmächte wie Großbritannien und Spanien militärisch in den Aufstand ein. Der Sieg über die Invasionsarmee Napoleons sollte Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich das Ende des französischen Kolonialismus auf Haiti besiegeln. Die ehemaligen Sklav*innen konnten die Armee zurückschlagen, deren Motivation vor allem die Wiedereinführung der Sklaverei war. Stetig zerfallende Bündnisse zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und den Staaten prägten den langen Krieg um die Kolonie. Haiti wurde auch zum Zankapfel, weil es vor der Revolution die wertvollste Kolonie im transatlantischen Handel war. Hier wurde Zucker angebaut und nach Europa exportiert. Die arbeitsintensive Produktion des Süßmachers machte viele Französinnen und Franzosen in dieser Zeit zu reichen Leuten.

Die analytische Leistung des Autors gegenüber vielen anderen Historiker*nnen besteht darin, die Sklaverei als Teil einer weitreichenden Proletarisierung der Schwarzen Bevölkerung in den Kolonien zu fassen. Neben ihrer rechtlichen Unfreiheit waren es für ihn Menschen, die unter einem gewinnbringenden kapitalistischen Regime arbeiteten. Das hat nicht nur mit seiner antirassistischen und marxistischen Perspektive auf den Kolonialismus und die Entwicklung des Kapitalismus zu tun. James blickte auch auf die Art und Weise der Produktion in Haiti: In der Kolonie schufteten viele Arbeiter*innen auf engem Raum, um das Zuckerrohr zu ernten. Da das raffinierte Produkt erst durch Auskochen der Pflanze entsteht, gab es auf den karibischen Plantagen auch kleine Manufakturen.

Diese scheinbar rückständige Landwirtschaft war Ende des 18. Jahrhunderts ein Entwicklungsmotor des Weltkapitalismus, so James Analyse. Zu dieser Feststellung kommt auch die US-amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss. In ihrem Essay »Hegel und Haiti« betont sie, dass die für die Entstehung des Kapitalismus so wichtige Stadt Manchester zu dieser Zeit vor allem ein Ort der Lagerhäuser war, von wo aus die Kolonialprodukte über Europa verteilt wurden. Die neue kapitalistische Produktionsweise entfaltete sich demnach nicht in Industriezentren wie Manchester, sondern in den Kolonien.

Mit seiner Perspektive bricht James mit den gängigen Vorstellungen von (Unter-)Entwicklung im Kapitalismus und identifiziert die Kolonien zudem als Raum des Widerstands der Arbeiter*innen. Dieser analytische Blick findet sich später auch bei anderen Autor*innen: So beim Ethnologen Sidney W. Mintz, der 1985 mit »Die süße Macht« eine Kulturgeschichte des Zuckers schrieb. Neben einer reichhaltigen Analyse dazu, wie der Zucker den europäischen Konsum veränderte, betont Mintz, wie ähnlich die Plantagenökonomie in ihrer Arbeitsweise den Fabriken Englands und Frankreichs im 18. und 19. Jahrhunderts war.

Mit James könnte man sagen: Europa war nicht der erste Ort der Industrialisierung, die Geschichte von Unterentwicklung entstand erst durch die Politik der Kolonialmächte.

Johannes Tesfai

 

C.L.R. James: Die Schwarzen Jakobiner. Toussaint Louverture und die Haitianische Revolution. Dietz Verlag, Berlin 2021. 363 Seiten, 20 Euro.

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