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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 393 | Rohstoffe Das Nickelproletariat und die Umweltfrage in Indonesien

Das Nickelproletariat und die Umweltfrage in Indonesien

Am Nickelabbau in Indonesien lässt sich zeigen, wie eng die soziale mit der ökologischen Frage verknüpft ist. Zur Lösung dieser Probleme den Fokus nur auf Konsumkritik und die Lieferketten zu legen, greift jedoch zu kurz. Zudem braucht es eine internationale Organisierung.

von Oliver Pye

Dass es sich im elektronischen PKW nicht einfach bequem in eine grüne und sozial gerechte Zukunft fährt, kann mittlerweile als Konsens in der kritischen Diskussion um grüne Modernisierung gelten. Im Süden baut man die Ressourcen ab und trägt die sozialen und ökologischen Folgen, im Norden konsumiert man. Als »Imperiale Lebensweise« wird dieses Verhältnis im gleichnamigen Buch von Ulrich Brand und Markus Wissen kritisiert. Als Praxisvorschläge werden dann etwa Konsumverzicht, Fahrradfahren oder Degrowth angeregt.

Entsprechend könnte man auch mit dem Nickelabbau, der für die Batterien der Elektroautos gebraucht wird, argumentieren. Indonesien und die Philippinen sind mit jeweils 800.000 und 420.000 Tonnen weltweit die größten Produzenten von Nickelerz. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Tagebau des dort vorkommenden Laterits trotz schlimmer Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung drakonisch durchgesetzt wird. Würden in Deutschland, wie von der Autoindustrie und der Ampelkoalition anvisiert, Elektroautos die vorhandenen 50 Millionen Fahrzeuge ersetzen, wären die ökologischen Auswirkungen am anderen Ende der Wertschöpfungskette katastrophal.

Doch so wichtig die Einsicht dieser Nord-Süd-Beziehung ist, so ungenügend ist die Einengung der Perspektive auf die Konsumption im Norden. Zum einen verkennt sie wichtige Verschiebungen in der globalen politischen Ökonomie. Europa ist nicht (mehr) der Nabel der Welt. Die Nickel-Wertschöpfungsketten umspannen die ganze Erde und werden durch Kapital aus dem Globalen Süden maßgeblich mitgeformt. Der überwiegende Teil nickelhaltiger Laterit-Erze aus Südostasien geht nach China und Japan. Um die Hälfte des globalen Nickels wird in China weiterverarbeitet, welches auch die Produktion und den Markt von Batterien und Elektroautos dominiert. Im indonesischen Nickelabbau spielt der Bergbauriese Vale aus Brasilien eine wesentliche Rolle, während der koreanische Konzern LG Chem in der Batterieproduktion führend ist.

 

Das Kapital wirkt überall

Die indonesische Strategie ist weniger ein Neo-Extraktivismus, bei dem Einnahmen und Steuern aus Rohstoffabbau vom Staat umverteilt werden, als eine gezielte Industriepolitik. Der Abbau von Nickel ist Teil eines großangelegten und staatlich organisierten Ausbaus der Infrastruktur, die Abbaugebiete mit Weiterverarbeitungszentren verknüpfen soll. Für die indonesische Regierung ist der Nickelabbau der Einstieg in eine Industrialisierungsstrategie, die mit der Weiterverarbeitung des Erzes beginnt und die mit Batterieproduktion und Elektroautoherstellung weitergeführt werden soll. Zu diesem Zweck hat sie 2014, auch gegen die Interessen kleinerer Bergbaufirmen, ein Exportverbot auf unverarbeitetes Nickelerz verhängt. Bergbaufirmen mussten Hüttenbetriebe einrichten, zunächst um Ferronickel-Legierung herzustellen, was die Produktion von Edelstahl ermöglicht.

Für die Batterien der Elektroautos braucht man hochgradiges Nickel, das etwa bei Laterit-Erz mit einem komplizierten und toxischen Verfahren (high-pressure acid leaching, HPAL) hergestellt werden muss und höhere Investitionen erfordert. Zu diesem Zweck werden in den Nickelabbaugebieten Industrieparks angelegt, die Bergbau und Hüttenbetriebe mit Batterie- und Edelstahlfabriken kombinieren und mittels Flughäfen und Seehäfen mit dem Rest des Landes und den Exportmärkten verbunden werden. Der erste, der Morowali Industrial Park in Zentralsulawesi, wurde 2013 vom damaligen indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono und vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping feierlich eröffnet. Das Milliardenprojekt ist eine Kooperation zwischen indonesischen Bergbaukonzernen und dem größten Nickelproduzenten der Welt, der Tsingshan Holding Group. Ein weiterer Industriepark, die Indonesia Weda Bay Industrial Park, wurde 2018 in den Nord-Molukken eingerichtet. Auch hier stiftet chinesisches Kapital (die Konzerngruppen Tsingshan, Huayou und Zhenshi) das Gros der etwa zehn Milliarden US-Dollar Investitionskosten.

 

Es ist die Arbeit …

Zum anderen bleibt eine Fokussierung auf den ökologischen Fußabdruck des Nordens weitgehend wirkungslos angesichts einer großen Koalition aus Staat, Kapital und Arbeit, die Elektroautos als Wachstumsstrategie vorantreiben. Während in Deutschland die Autokonzerne, die GRÜNEN und die IG Metall sich hier weitgehend einig sind, besteht in Indonesien ein ähnlich hegemoniales Bündnis. Die staatlich geförderten Industriekonglomerate sind eng mit der Regierung verflochten; ihre nationalistisch formulierte Entwicklungsstrategie wird auch von weiten Teilen der Gewerkschaften mitgetragen. Angesichts dieser Kräfteverhältnisse verpufft die Kritik von Umweltaktivist*innen in Indonesien, weil die ökologischen Probleme nur als lokale Probleme wahrgenommen werden. Dabei wird keine gesamtgesellschaftliche Alternative sichtbar, die ökologisch und sozial überzeugt.

Diese Koalition des grünen Wachstums aufzubrechen, und mit einer radikalen, sozial-ökologischen Transformation zu überwinden, ist die größte Herausforderung dieser Zeit. Hierfür braucht es erstens einen Labour Turn in der Umweltbewegung, zweitens einen Climate Turn in den Gewerkschaften, und drittens eine Transnationalisierung von Organisierungsstrategien, die (nicht nur) in der Produktion verankert ist.

Durch die politische Ausrichtung auf Konsumkritik werden hingegen die globalen Wertschöpfungsketten wesentlich als Verknüpfung von problematischen Ressourcen und von problematischen Unternehmenspolitiken gesehen. Diese gelte es zu beeinflussen oder zu regulieren, etwa über das Lieferkettengesetz. Aus einer hier vorgeschlagenen Labour-Perspektive sind sie jedoch vor allem eine Verkettung von sehr vielen und verschiedenen Gruppen von arbeitenden Menschen. An jedem Punkt in dieser von Menschen bewohnten Kette gibt es Auseinandersetzungen, etwa um Lohn, Arbeitsbedingungen oder Arbeitsrechte. Es ist dieser latente oder offene Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, den es zu verschärfen und zu verallgemeinern gilt.

Die neuen Wertschöpfungsketten sind nicht nur ein Problem, sondern auch ein Potential. Dies sieht man sehr gut an der Herausbildung eines neuen Industrieproletariats im Morawali Industriepark, das heute auf etwa 50.000 Arbeiter*innen angewachsen ist. Diese sind ethnisch gemischt aus der lokalen Bevölkerung aus Lombok, Bali und Java – und aus China. Es ist ein Potential für eine Gegenmacht. Immer wieder kommt es wegen der niedrigen Löhne und miserablen Arbeitsbedingungen zu Protesten und Streiks. 2012 gab es mehrere Streiks, die sich um prekäre Arbeitsbedingungen, Bezahlung von Überstunden, überlange Arbeitszeiten und um das Organisationsrecht der Arbeiter*innen drehten. 2013 gingen viele Bergarbeiter*innen auf die Straße, weil sie durch Betriebsschließungen im Kontext des Erz-Exportstopps ihre Jobs zu verlieren drohten. 2015 streikten mehrere Tausend Arbeiter*innen und legten ein Hüttenwerk lahm. Anfang 2016 fand wieder ein großer Streik statt, diesmal für eine Lohnerhöhung.

 

… aber Arbeit ist nicht alles

Ein Labour Turn macht für die Umweltbewegung deshalb Sinn, weil eine Bezugnahme und Solidarisierung mit solchen sozialen Kämpfen die Identifizierung der Arbeiter*innen mit ,ihren’ Arbeitgeber*innen untergräbt. Hier gibt es Brüche, die Umweltaktivist*innen nutzen können, um ihren Diskurs über die ökologischen Auswirkungen der Industrie verbreiten zu können. Anknüpfungspunkte gibt es viele. Man könnte die Gesundheitsprobleme thematisieren, die durch die Arbeit verursacht werden. Es kommt nicht nur zu schrecklichen Unfällen, etwa bei der Verarbeitung mit Hochdrucksäure. Die Arbeit mit schweren Maschinen ist von Ganzkörpervibration begleitet, die auf die Dauer krankmacht. Hinzu kommt, dass der permanente Zeitdruck mittels brutaler Zielvorgaben der Akkordarbeit und die langen Arbeitsschichten einen permanenten Zustand von Übermüdung und Erschöpfung erzeugen.

Umweltaktivist*innen können aber auch eine zu enge Orientierung der gewerkschaftlichen Arbeit auf den einzelnen Betrieb korrigieren. Die Idee vom Climate Turn der Gewerkschaften bezweckt eine gesamtgesellschaftliche Perspektive auf eine sozial-ökologische Transformation. Eine zeitgemäße Organisierungsstrategie sollte zudem die feministische Perspektive auf die soziale Reproduktion mitberücksichtigen. Jane McAlevey nennt das in ihrem Buch »Raising Expectations (and Raising Hell)« whole-worker organizing: Arbeiter*innen seien als »ganze Menschen« zu sehen (und zu organisieren), die Teil der Gesellschaft sind und für die die Fabrikarbeit nur ein Mittel zum Zweck ihrer Reproduktion ist.

Genau hier – an diesen »ganzen Arbeiter*innen« – kommen Produktion und Umweltzerstörung zusammen, denn die Arbeiter*innen sind selbst über Familie, Freund*innen und Nachbar*innen mit den betroffenen Gemeinden verknüpft und selbst betroffen. Eines der größten Probleme des Bergbaus überhaupt sind die zum Teil hochgiftigen Schlacken, die nach der Erzverarbeitung gelagert werden müssen. Pläne für den Industriepark in Morawali sehen vor, dass 25 Millionen Tonnen Schlacke jährlich (!) direkt ins Meer gekippt werden sollen. Schlacke und Abholzung hat jetzt schon die umliegenden Flüsse so stark verschmutzt, dass sie für Trinkwasser, aber auch für Waschen, Fischerei und Landwirtschaft ungeeignet sind. Dies stellt soziale Reproduktionsziele der Arbeiter*innen und ihrer Gemeinden in Frage.

Genauso gravierend ist, dass die energieintensive Verarbeitung des Erzes in Kohlekraftwerken stattfindet. Im Industriepark Weda sollen dafür 248.000 Tonnen Braunkohle täglich verbrannt werden. Die Folge ist die massive Verschmutzung der Umwelt und der Dörfer. Es wird in Kauf genommen, dass Tausende dem krankmachenden Kohlestaub ausgesetzt werden. Arbeiter*innen haben demnach ein unmittelbares Interesse an einer starken umweltpolitischen Regulierung der Industrie – ein Interesse, das bislang nicht artikuliert wird.

Eine Verallgemeinerung der sozialen Frage ist also entlang der Umweltfrage möglich. Diese muss aber mit einer Transnationalisierung von (gewerkschaftlichen) Organisierungsstrategien verknüpft werden, um enge, nationale Orientierungen zu überwinden aber auch, um ein größeres Machtpotential zu entwickeln. In Morawali zum Beispiel entlädt sich die Ohnmacht gegenüber ausländischen Investoren teils in rassistischen Ressentiments gegen chinesische Arbeiter*innen, die oft für den Bau und die technische Anleitung der neuen Fabriken kommen. Wieviel besser wäre es, wie einige Gewerkschaftsaktivist*innen auch argumentieren, wenn diese Kolleg*innen bewusst für die Herstellung von Austauschkanälen mit Arbeiter*innen in der Weiterverarbeitung in China gewonnen werden könnten. Der intensive soziale Austausch entlang der Wertschöpfungskette bis nach Sulawesi würde auch bei der IG Metall klären, dass die Rettung der Autoindustrie über das Elektroauto durch eine andere, gesamtgesellschaftliche Transformationsperspektive ersetzt werden muss.

 

Oliver Pye ist Südostasienwissenschaftler an der Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Ökologie, Labour Geography, die Palmölindustrie und sozial-ökologische Transformation.

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