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Informeller Kupferabbau in Peru

Wer Energiewende hört, denkt zuerst einmal an Solarpanels, Elektroautos und Hightech – nicht an Menschen, die mit Schaufel und Pickel Erze aus der Erde kratzen. Genau das passiert aber zurzeit in den peruanischen Anden. Dabei kommt es immer wieder zu Konflikten.

von Thomas Niederberger

»Wieso sollen wir dieses Geschäft den Konzernen überlassen, wenn wir das Kupfer selbst ausbeuten können?« Diese Frage treibt immer mehr Menschen in den peruanischen Anden dazu, den Pickel in die eigene Hand zu nehmen. Der hohe Weltmarktpreis macht es lukrativ, Kupfererz in Eigeninitiative abzubauen. Besonders deutlich zeigt sich dieses Phänomen im sogenannten Corredor Minero in den Regionen Apurimac und Cusco.

In der kleinbäuerlich geprägten Bergregion war der Kupferabbau bisher von drei großen Tagebau-Minen dominiert: Tintaya-Antapaccay in Espinar, Constancia in Chumbivilcas und Las Bambas in Cotabambas. Zu den bestehenden Konflikten über Landrechte, Verschmutzung, Wasserknappheit und die Verteilung von Gewinnen kommt jetzt noch die direkte Konkurrenz Einzelner um die Ausbeutung der reichen Erzadern hinzu. Die Region ist zu einem permanenten Konfliktgebiet geworden. Dies wirkt sich wiederum negativ auf die peruanische Wirtschaft aus und droht sogar, zu einem Problem für die weltweite Energiewende zu werden, denn ohne Kupfer fließt kein Strom.

Der Bergbausektor machte 2021 für Peru fast zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes und 64 Prozent der Exporte aus. Kupfer bildet hier mit 33 Prozent den Löwenanteil, gefolgt von Gold mit 16 Prozent. Mit einer Jahresproduktion von über zwei Millionen Tonnen ist Peru der zweitwichtigste Kupferproduzent nach Chile und deckt etwa elf Prozent des weltweiten Verbrauchs. Von dem abgebauten Kupfer stammen zwei Drittel aus dem Bergbaukorridor in den südlichen Anden.

 

Großindustrie und Kleinbergbau

»Am Anfang steht die Enttäuschung, dass sich die Versprechen von Arbeitsplätzen, Wohlstand und Entwicklung nicht erfüllt haben«, erzählt Paula Meza, Bergbauingenieurin, die das Phänomen kürzlich für die peruanische NGO CooperAcción in vier Gemeinschaften von Apurimac und Cusco untersucht hat. Die Versprechen wurden von Behörden und Vertreter*innen der Bergbaukonzerne gegeben, um die Zustimmung der indigenen Gemeinden für den Bau der riesigen Kupferminen auf ihrem Gemeinschaftsland zu bekommen. Doch nur wenige Einheimische finden in der hochmechanisierten Bergbauindustrie tatsächlich eine Stelle. Zwar wurde die Infrastruktur verbessert und es fließen Abgaben an die Regionalregierung, doch die großen Gewinne machen andere.

So steigen immer mehr Einheimische in den artesanalen Bergbau ein, das heißt, sie fördern auf eigene Faust mit handwerklichen Mitteln Kupfererz. Die Etablierung des selbstorganisierten, informellen Bergbaus erfolgt in mehreren Stufen. Zu Beginn legen Einheimische mit technischer Beratung von auswärtigen Expert*innen einen ersten Stollen an und bauen das Erz mit einfachen Methoden ab: Perforierung mit Presslufthammern, Dynamit, Ausräumen mit Schaufel und Pickel. Sobald 20 bis 30 Tonnen beisammen sind, wird ein Lastwagen bestellt, der das Kupfererz zur weiteren Verarbeitung in ein Mühlwerk bringt. Bei einem guten Kupfergehalt von 14 bis 16 Prozent bekommen sie dafür rund einen Dollar pro Kilo. Auch wenn davon noch die beträchtlichen Produktionskosten abgezogen werden, ist das viel Geld für Einheimische, die zuvor mit dem Verkauf von Vieh, Käse oder Kartoffeln auskamen.

In der Nähe der Mine Constancia der kanadischen Firma Hudbay zeigt sich die nächste Stufe der Entwicklung. In der Gemeinde Uchuccarco bauen die Menschen seit über zehn Jahren Kupfer auf eigene Faust ab. Mittlerweile gibt es dutzende Stollen, in denen mehrere Hundert Personen beschäftigt sind. Um an die Erzadern zu kommen, werden auch Bagger eingesetzt. Hotels und Restaurants sind aus dem Boden geschossen, es gibt Nachtclubs und Anzeichen von Prostitution und Alkoholismus. Die Gemeindebehörden scheinen die Kontrolle über das Geschehen verloren zu haben. Gleichzeitig will die Firma Hudbay, welche die Bergbaukonzession für das Gebiet der Gemeinde besitzt, mit Explorationsarbeiten beginnen, um einen neuen Tagebau für die bald erschöpfte Mine Constancia zu erstellen.

Wiederum einige Schritte weiter ist der Prozess in Cotabambas, wo die Mine Las Bambas liegt, die dem chinesischen Konzern MMG gehört. Die Nummer 8 der Weltrangliste der größten Kupferminen vereint rund zwei Prozent der weltweiten Kupferproduktion auf sich. Doch allein in den ersten drei Monaten 2022 war die Produktion während 50 Tagen unterbrochen – wegen Blockaden entlang der Zufahrtsstraße sowie durch die umliegenden Gemeinden. Die Forderungen der Blockierenden sind vielschichtig, doch der Faktor des informellen Abbaus, der hier mit MMG konkurriert, dürfte zunehmend eine Rolle spielen. Die geplante dritte Erweiterung des Tagebaus liegt auf dem Territorium der Gemeinde Pamputa, welche dieses Gebiet bereits vor Jahren an MMG verkauft hat. Unterdessen praktizieren jedoch am Kupferberg auf rund 4.600 Höhenmetern bis zu 2.000 Personen auf eigene Faust Kupferabbau. Der Zugang ist gesperrt und aktuelle Bilder gibt es nur von Satelliten. Wenn der Konzern hier eines Tages seinen Eigentumstitel durchsetzen und das Gebiet für die Erweiterung des Tagebaus räumen lassen will, ist mit massivem Widerstand zu rechnen.

 

Informell und illegal …

Der kurze Abriss dieser Entwicklung zeigt ebenfalls: Was als »Kleinbergbau« beginnt, kann binnen weniger Jahre zu einem Großabbau werden, wenn viele Kleine im selben Gebiet ihre Stollen anlegen. Das läuft nicht ohne interne Konflikte in den Gemeinden ab, zwischen denen, die den Abbau befürworten und jenen, die böse Ahnungen über die Folgen des Abbaus haben. Die Stollen befinden sich typischerweise in den Wasserquellgebieten. In den Stollen ist das Wasser mit Stoffen wie Arsen, Blei und weiteren Schwermetallen in Kontakt. Dieser giftige und saure Ausfluss fließt in lokale Gewässer und gefährdet damit Trinkwasser und Landwirtschaft. Dazu kommt, dass der selbstorganisierte Abbau in einem legalen Graubereich stattfindet, der fließend in die Illegalität übergeht.

Der Bergbau in Eigeninitiative ist in Peru nicht grundsätzlich verboten, sollte jedoch Minimalbedingungen erfüllen. Ohne Abbaulizenz braucht es zumindest eine Registrierung, die den Regularisierungsprozess einleiten soll, woraufhin dann von »informellem Bergbau« gesprochen wird. In den meisten Fällen gehören die Lizenzen jedoch den Konzernen, dadurch ist eine Regularisierung eigentlich von vornherein ausgeschlossen. Einige Kleinabbauende versuchen trotzdem, auf die Regularisierungsliste zu kommen, was ihnen zumindest einen Anschein von Legalität gibt. Doch die große Mehrheit des selbstorganisierten Abbaus in der Region ist nirgends registriert und somit illegal. Die jenseits des Gesetzes operierenden Bergleute dürften eigentlich kein Dynamit erwerben, keine Kredite aufnehmen und ihr Erz nicht auf den Markt bringen. Doch all dies lässt sich durch einen Aufpreis lösen. Um den illegalen Bergbau bildet sich ein Dunstkreis: Schwarzmarkthändler*innen, die Dynamit verkaufen, Kredithaie und Vermieter*innen von schweren Baumaschinen, die Geld aus dem Drogenhandel waschen. Korrupte Polizist*innen und kriminelle Gruppen, die Schutzgelder kassieren. Zuhälter und Menschenhandel. Entsprechend breitet sich eine Sphäre des Misstrauens, der Angst und des Schweigens in den betroffenen Regionen aus.

 

… vom Erz zum schicken E-Auto

Wie funktioniert die Lieferkette vom illegal abgebauten Roherz zum schicken Elektroauto? Zwangsläufig geht der Export über Handelsfirmen, die legal Kupferkonzentrat erwerben und verschiffen. Peru exportiert hauptsächlich Kupferkonzentrat, welches erst in den Bestimmungsländern veredelt wird – allen voran in China, wohin rund 70 Prozent des Konzentrats verschifft werden, gefolgt von Japan und Südkorea mit sechs bis sieben Prozent sowie Deutschland mit drei Prozent.

Der Marktzugang funktioniert über legal operierende Firmen, welche das ohne Lizenz abgebaute Erz zu Pulver mahlen und flotieren, um ein Konzentrat mit rund 30 Prozent Kupfergehalt zu gewinnen. Das Erz kaufen die legalen Firmen offiziell von formalisierten, klein- und mittelgroßen Minen. Doch hier kann auch illegal abgebautes Roherz erworben und in den Büchern als legale Ware registriert werden. Einige dieser Firmen bieten für nicht-formalisierte Minen ab einer bestimmten Liefermenge ein Gesamtpaket an: Abholservice direkt am Stollen inklusive Lieferung von Dynamit, dessen Preis direkt vom Erlös abgezogen wird.

Eine Behörde, die den Sektor kontrollieren sollte, gibt es zwar. Doch ihr lokales Personal beschränkt sich darauf, die eidesstattlichen Erklärungen über die Produktionsmengen der formalen Betriebe entgegenzunehmen. Eine Überprüfung, ob diese mit der effektiven Produktion übereinstimmen, findet nicht statt. Schätzungen darüber, welcher Anteil des Kupferexports aus illegalen und informellen Minen stammt, gibt es keine. Es dürfte bisher nur ein kleiner Prozentsatz sein, der jedoch rasant wächst.

 

Thomas Niederberger ist Sozialanthropologe und arbeitet für die peruanische NGO CooperAcción und Comundo.

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