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Editorial

Beim Chinesen

Die Westfälischen Nachrichten waren nicht die einzige Tageszeitung, die mitten im Sommerloch Alarm schlug: "Jetzt spitzt sich die Lage für den Verbraucher zu: Mit der enormen Nachfrage nach Trockenmilch in China und Indien werden in den deutschen Kühltheken Käse, Joghurt, Butter und sogar frische Milch teurer, teilweise sogar knapp. Erste Handelsketten beklagen, dass sie nicht mehr alle Waren bekommen - kein Wunder, dass diese Art der Globalisierung den deutschen Konsumenten Angst macht."

Sich fürchten müssen auch die deutschen BiertrinkerInnen. Die WELT meldete: "Der wachsende Durst der Chinesen auf Bier treibt weltweit die Kosten für Hopfen in die Höhe. Die Preise für die Bierzutat hätten sich allein im vergangenen Jahr verdreifacht, erklärte der deutsche Branchenführer im Hopfenhandel, Joh.Barth & Sohn, in München bei der Vorlage seines internationalen Hopfenberichts." Gier auf Bier - jetzt auch beim Chinesen?

Endgültig keinen Spaß mehr verstehen die Deutschen bei ihrem Lieblingsthema. "Gerade erst wurde bekannt, dass in China 2006 erstmals mehr Autos von den Bändern liefen als in Deutschland", schreckte der Münchner Merkur seine LeserInnen in der Sommerfrische auf. Das lässt man sich im Lande von Audi und BMW nicht bieten, und so warnte der Merkur die Deutschen unter der Überschrift "Die gelbe Gefahr" eindringlich vor den Erzeugnissen der chinesischen Automobilindustrie. Natürlich nur wegen deren Sicherheitsmängeln, versteht sich. Ausruhen dürften die deutschen Hersteller sich aber nicht auf ihrem technologischen Vorsprung, weiß ADAC-Experte Volker Sandner: "Die Chinesen sind sehr schnell. Und wer weiß, ob sie nicht plötzlich etwas aus dem Hut zaubern."
Stimmt, für Überraschungen sind "die Chinesen" immer gut. Etwa für die unglaubliche Fülle an Rekorden aller Art, die in jüngster Zeit von der deutschen Presse vermeldet wurden. Ob bei der Zahl der TV-, Handy- und InternetnutzerInnen, beim Handelsüberschuss oder beim Wirtschaftswachstum - der "globale Gigant" (Deutschlandradio) überbietet mühelos alle westlichen Staaten. Da mag selbst die Tierwelt nicht mehr zurückstehen: "China meldet einen Geburtenrekord bei den heimischen Pandabären, die eigentlich als wahre Sex-Muffel gelten", staunte der Focus. Ob da Doping im Spiel war?

Doch ein Jahr, bevor bei den Olympischen Spielen mit oder ohne Doping weitere Rekorde aufgestellt werden, ist in den Medien vor allem von anderen Höchstleistungen die Rede: "China hält Rekord an inhaftierten Journalisten" oder: "Hinrichtungen - China stellt grausamen Rekord auf".

Keine Frage, in China herrscht ein autoritäres System, das die schlechten Seiten von Staatsozialismus und Kapitalismus zu vereinen weiß. Doch das Bild, das in diesem Sommer von "den Chinesen" gemalt wird, hat mit einer radikalen Kritik der Verhältnisse in China auch nicht mehr zu tun als die einstige Begeisterung deutscher Linker für Mao und dessen Bibel. Für eine solche Kritik müssten ja unter anderem die "wirtschaftlichen Beziehungen" zu China hinterfragt werden - sprich das Recht deutscher Unternehmen, in China zu Billiglöhnen produzieren zu lassen.

Wie das rassistische Bild von der "gelben Gefahr" in der Kolonialzeit entstanden ist und wie es in Deutschland besonders nach dem "Boxeraufstand" von 1900 Konjunktur hatte, wird in einer der nächsten iz3w-Ausgaben zum Thema. Verspricht

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