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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 309 | Arbeit macht das Leben schwer Harald Welzer: Klimakriege

Harald Welzer: Klimakriege

Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008. 335 Seiten, 19,90 Euro.

Klimawandel ohne gutes Ende

Man weiß jetzt, dass die Erderwärmung kommt. Die Klimaforscher haben ihren Job gemacht. Nur die Sozialwissenschaften stehen außen vor. Der Kulturwissenschaftler Harald Welzer macht sich mit Klimakriege daran, das zu ändern. Aus seiner Sicht können sich die Sozialwissenschaften nicht länger damit herausreden, dass Klimawandelfolgen Naturkatastrophen wären, weil "die zugrunde liegenden Prozesse anthropogen sind, von Menschen gemacht. Ihre Folgen sind in jedem Fall soziale."

Normalerweise belässt es die Literatur zum Klimawandel bei dieser Aussicht und wendet sich ökologischen Lösungsvorschlägen zu. Welzer nimmt sie zum Ausgangspunkt, um an seiner Forschung zu modernen Genoziden anzuknüpfen. Denn der Klimawandel wird Ressourcen- und Verteilungskonflikte, wie es sie schon heute gibt, initiieren und verschärfen. Flüchtlingsbewegungen werden sich vergrößern, Konflikte um Land, Wasser oder Nahrung zunehmen und in Gewalt münden. Die Ereignisse in Somalia, Ruanda und im Sudan haben gezeigt, dass "gewaltsame Lösungen auch für Probleme gefunden werden, die auf sich verändernde Umweltbedingungen zurückgehen".

Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Gesellschaften in Mangelkrisen geraten. Somit stellt sich laut Welzer die Frage, "wie sich die Wahrnehmung von Umwelten verändert", und in der Folge, "wie sich Menschen im Rahmen von Kriegen zum Töten entscheiden". Es hört sich einfach an, aber es ist ein großer Schritt in der Debatte um die Folgen des Klimawandels, der dem Sozialpsychologen der Universität Witten/ Herdecke gelingt: Er reiht die Klimawandelfolgen in bereits existierende Konfliktursachen ein und stellt auf dem Fundament bereits existierender Erkenntnisse Überlegungen über die sozialen Folgen der Erderwärmung an.

Welzer interessiert, welche Einstellungen in Krisen bereits zum Tragen kamen und mit dem Klimawandel zum Tragen kommen werden. Da wäre zum Beispiel die Verdrängung. Für die Wahrnehmung von Klimaproblemen wird untersucht, wie Menschen ihre Wahrnehmung von Problemen ändern und damit Dissonanzen in der eigenen Wahrnehmung glätten, anstatt das Problem selbst anzugehen: "shifting baselines". Eine weitere Möglichkeit der Krisenbewältigung ist, eigene Interessen und Ressentiments gegen andere zu richten. In den armen Gesellschaften des Südens, in denen oft kein funktionierender Sozial- und Rechtstaat zur Lösung von Konflikten bereit steht, führen solche Konflikte beispielsweise rasch zu Bandenökonomie. Aber auch im Norden führt etwa die steigende Zahl von Klimaflüchtlingen zur Abschottung der Grenzen und einem rigiden Sicherheitsregime. Für arme wie reiche Gesellschaften besteht die Option, sich andere (ethnische oder kulturelle) Gemeinschaften als Problemursache vorzustellen.

Dabei kann sich der Referenzrahmen der Einzelnen innerhalb weniger Jahre radikal verändern. Welzer zeigt am Beispiel des Völkermordes in Ruanda, im Sudan oder im nationalsozialistischen Deutschland, wie schnell sich ethische Minimalstandards verschieben können und es im Zusammenhang mit den Klimafolgen wohl erneut werden. Es zeigt sich, dass die Folgen des Klimawandels in Kombination mit anderen gesellschaftlichen Konflikten auftreten werden, diese verschärfen und die Lösungsstrategien außerhalb der Reichweite ökologischer Politik liegen.

Die Sache werde "nicht gut" enden. Dieses pessimistische Szenario wird ebenso gerne zur Seite gedrängt, wie es sich regelmäßig bewahrheitet: Mit Norbert Elias weist Welzer auf das sich wiederholende Phänomen hin, dass die menschlichen Überlebensgemeinschaften sich als Vernichtungsgemeinschaften erweisen können. Das rasante Anwachsen irrationaler und kontraproduktiver Konfliktlösungen, das sich zum Beispiel bei Selbstmordattentätern zeigt, ist ein weiterer Baustein für die destruktive Bearbeitung von Krisen ebenso wie die Wahrnehmung Notleidender als "Überflüssige". Die Moderne werde an der ihr innewohnenden Antiaufklärung scheitern.

Welzer betont zwar in einem Ausblick mit Albert Einstein, Probleme "können nicht mit den Denkmustern gelöst werden, die zu ihnen geführt haben." Aber diesen Punkt denkt er weniger konsequent weiter. Zwar kritisiert er die europäische Repression gegen Flüchtlinge und wirft zum Beispiel die Frage auf, warum Gesellschaften am Ideal des ethnisch homogenen Nationalstaats festhalten sollten. Aber sein Vorschlag, sich nicht weiter abzuschotten, sondern über "Kontingentflüchtlinge" in Europa zu verhandeln, verwendet einen Begriff, der als Unwort des Jahres tauglich wäre.

Die Frage, die bei "Klimakriege" fehlt, ist am ehesten die nach den zugrunde liegenden "Denkmustern". Warum organisieren sich die Menschen in Überlebensgemeinschaften, die die Konkurrenz jedes gegen jeden reproduzieren, indem sie sich gegenüber den Anderen definieren - auf der Ebene der Familien, Sippen und Dörfer bis zu den Nationen und imaginierten Kulturkreisen? Diese Frage steht hinter den Logiken der Gewaltkonflikte, die Welzer scharfsinnig aufzeigt.

Winfried Rust

309 | Arbeit macht das Leben schwer
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