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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 309 | Arbeit macht das Leben schwer Rheinisches JournalistInnenbüro/ Recherche International e.V. (Hg.): Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Rheinisches JournalistInnenbüro/ Recherche International e.V. (Hg.): Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Unterrichtsmaterialien zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte. Köln 2008. 224 S. inkl. CD mit allen Materialien sowie Interviews, 15 Euro. www.rjb-koeln.de

Gegen europäische Gründungsmythen

"Wenn wir ein Europa sein oder werden wollen, müssen wir die verschiedenen Perspektiven, Erfahrungen und Erinnerungen unter uns zumindest kennen und in ihren jeweiligen Begründungskontexten nachvollziehen können. Wir brauchen deshalb ein Europäisches Forum der Erinnerung und im Bildungsbereich eine Geschichtswerkstatt Europa, sonst ist Europa nicht verständigungsfähig." Diese Worte des Vorsitzenden der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft stehen hier nur exemplarisch für den verbreiteten Versuch, Holocaust und Zweiten Weltkrieg zum Ursprung Europas zu stilisieren. Solchen exklusiven Identitätskonstruktionen lässt sich mit den Unterrichtsmaterialien begegnen, die das Rheinische JournalistInnenbüro in Anlehnung an ihr Buch "‚Unsere Opfer zählen nicht' - Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" entwickelt haben.

Eine besondere Chance dieser Handreichung liegt darin, dass die Anliegen der Internationalismusbewegung anhand eines Themas vermittelt werden können, das als besonders europäisch gilt, weil man es oft nicht besser weiß. Beispielsweise hat man vielleicht irgendwo im Hinterkopf, dass Japan mit Deutschland verbündet war und dass es China unterwerfen wollte; das gilt aber als ganz eigene Geschichte. Wenn man jedoch erfährt, dass die Nationalsozialisten den Japanern Pläne unterbreiteten, um die nach Shanghai geflüchteten Juden und Jüdinnen im Meer zu ertränken oder in einer in der Region zu errichtenden Gaskammer zu ermorden, erkennt man in diesen Zusammenhängen deutsche Geschichte.

Ein anderes Beispiel: Ein Foto dreier älterer Herren wird in deren Unterrichtsmaterialien mit den Worten erläutert: "Veteranen der Navajo, deren Sprache den US-Truppen als Code diente." Navajo kennt man aus Karl-May-Büchern oder Wild-West-Filmen, als Opfer der Eroberung Amerikas, aber bestimmt nicht als Teil des intelligence service im Dienst gegen den Nationalsozialismus. Tradierte Bilder und Klischees werden so transformiert und in ein neues Verständnis der Welt integriert.

Jede Seite der Unterrichtshandreichung bietet viele Gelegenheiten zu verstehen, warum es sich um einen Weltkrieg handelte und wie eng die Vergangenheiten der Menschen miteinander verknüpft sind. Der Schulunterricht über den NS ist zwar ohnehin schon überfrachtet mit Ansprüchen auf verschiedensten Ebenen. Jedoch gibt es viele Möglichkeiten, einzelne Elemente der Materialien auch im "normalen Unterricht" oder in Projektwochen einzusetzen. Eine "Geschichtswerkstatt Welt" wäre der Wirklichkeit jedenfalls angemessener als eine "Europa-Identität".

Rosa Fava

309 | Arbeit macht das Leben schwer
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