Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 314 | Zentralasien postsowjetisch A nos morts – die vergessenen Befreier

A nos morts – die vergessenen Befreier

Mit Hiphop-Songs und poetischen Texten, Break-Dance und einer hinreißenden Choreograhie vor historischen Fotos und Filmausschnitten erinnert die zeitgenössische Performance »A nos morts« an die Millionen Soldaten aus den französischen Kolonien, die 1914-18 an vorderster Front für Frankreich gekämpft haben und die im Zweiten Weltkrieg mithalfen, Europa vom Faschismus zu befreien. Heute weitgehend vergessen, erweist ihnen das Projekt »Mémoires Vives« aus den Straßburger Banlieues seinen Respekt, indem es ein bedeutendes, aber verdrängtes Kapitel der Geschichte in moderner Form auf die Bühne bringt.

»Die vergessenen Befreier« (A nos morts). Hiphop-Tanztheater in Erinnerung an die französischen Kolonialsoldaten von Compagnie Mémoires Vives (Straßburg) in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
Mit Yan Gilg, Farba Mbaye, Maeva Heitz, Sovannak Nam, Ibrahima M’Bodji, Christophe Roser, Yassine Allouache, Mickaël Stoll.
Die Deutschlandpremiere ist am 20.9. um 20.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele,Schaperstraße 24, 10719 Berlin, www.berlinerfestspiele.de

»Die Geschichte hat mich eingeholt« - Interview mit dem Hiphop-Musiker Yan Gilg über sein Stück »A nos morts«

Karl Rössel: Die Geschichte der Kolonialsoldaten, der »Tirailleurs«, ist in Frankreich wie in Deutschland nahezu vergessen. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, das Thema als Hiphop-Tanztheater auf die Bühne zu bringen?
Yan Gilg: Man kann sagen, dass mich die Geschichte eingeholt hat. Ich war 35 Jahre alt, als ich in Straßburg dem bekannten marokkanischen Sänger Reda Bouchenak begegnete. Er stammt wie der Hauptdarsteller des Films »Indigènes«, Jamel Debbouze, aus Oujda und erzählte mir damals von den Dreharbeiten des algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb zu diesem Film. Wir haben daraufhin einen Song über die »Tirailleurs« geschrieben mit dem Titel »Unbekannte Soldaten«. Er ist auch auf unserer CD zu finden. Bei der Arbeit daran wurde mir aber klar, dass ich von diesem Thema eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte. Ich habe dann im Internet unter dem Stichwort »Tirailleurs« gesucht und eine Nacht damit verbracht, alles, was ich fand, auszudrucken. Als mir der enorme Beitrag bewusst wurde, den Kolonialsoldaten für die Befreiung Frankreichs geleistet haben, empfand ich es als unglaublich, dass ich bis dahin nichts davon gehört hatte.

Hast Du bei den Recherchen mit HistorikerInnen zusammen gearbeitet?
Da ich eher Hiphop-Künstler bin als Theatermensch, hatte ich zunächst nur vor, ein Album zum Thema zu produzieren. Aber dann stieß ich auf Informationen über afrikanische Soldaten im Ersten Weltkrieg und ihre Beteiligung an der Schlacht um den Chemin des Dames 1917, auf Résistance-Kämpfer wie Hady Bah aus Guinea, auf de Gaulles afrikanische Armee im Zweiten Weltkrieg und deren Landung in der Provence. So entstand die Idee zu einem Theaterstück. Dafür brauchte ich allerdings einen breiteren historischen Background. Also habe ich mir zunächst Dokumentarfilme besorgt wie »C’est nous les Africains... Eux aussi ont liberé l’Alsace« von Jean Marie Fawer, »Baroud d’Honneur« von Grégoire Georges-Picot, »La Couleur du Sacrifice« von Mourad Boucif und »Les Oubliers de l’Histoire« von Daniel Kupferstein.
Dann habe ich in den Archiven des Verteidigungsministeriums nach historischen Fotos gesucht. Ich war mir sicher, dass sie für sich selbst sprechen, wenn man sie nur öffentlich zeigt. Schließlich habe ich Historiker um Hilfe gebeten wie Pascal Blanchard, Eric Deroo, Nicolas Bancel und Recham Belkacem. So entstand eine künstlerische Arbeit, die wesentlich auf historischen Arbeiten und Dokumenten beruht.

Hast Du die Form einer Hiphop-Performance eher aufgrund Deines persönlichen künstlerischen Backgrounds gewählt oder weil sie den musikalischen Vorlieben der dritten Generation von MigrantInnen entspricht, den Nachfahren der »Tirailleurs«?
Aus beiden Gründen. Es gibt aber noch einen dritten. Wir sind Hiphop-KünstlerInnen und Hiphop ist unsere Kultur. Aber Hiphop ist eine Musik, die im Exil geboren wurde, die an die Deportation von AfrikanerInnen nach Amerika erinnert und an deren Migration nach Europa. Es ist eine Kultur, die sich aus dem Leid von Bevölkerungsgruppen entwickelt hat, die aus der Dritten Welt stammen. Manchen erscheint Hiphop deshalb als eine minderwertige Kultur, eine Kultur von Fremden, von »Negern«. Wurden Indigene in der Kolonialgeschichte oft mit wilden Tieren verglichen, so wird auch die Kultur ihrer Nachfahren, der Hiphop, oft verächtlich als Musik von »Wilden« dargestellt. Dem wollen wir etwas entgegensetzen, indem wir die Geschichte der MigrantInnen und ihrer Vorfahren mit Hiphop erzählen.

MigrantInnen stellen auch die meisten SängerInnen und TänzerInnen in dem Stück.
Ja, ich wollte die Kolonialarmee symbolisch auf die Bühne bringen und habe deshalb Darsteller aus Ländern des subsaharischen Afrikas, des arabisch-berberischen Maghrebs und aus Asien gesucht. Daneben sollten unbedingt auch Frauen auftreten. Denn die Rolle, die Frauen etwa in der Résistance oder in den Streitkräften und Waffenfabriken gespielt haben, ist in der von großen weißen Männern geprägten Geschichtsschreibung ebenso vergessen. Aber ich habe nicht ausschließlich mit professionellen SchauspielerInnen gearbeitet. Schließlich bin ich auch Sozialarbeiter und zu meiner Arbeit gehört, talentierten Menschen, die bisher nicht die Möglichkeit hatten, sich künstlerisch auszudrücken, Gelegenheit dazu zu bieten. So sind einige über das Abenteuer »A nos morts« zu Profis geworden.

314 | Zentralasien postsowjetisch
Cover Vergrößern