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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 322 | Verteilungskämpfe Moshe Zuckermann: »Antisemit!«

Moshe Zuckermann: »Antisemit!«

Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Promedia Verlag, Wien 2010. 208 Seiten, 15,90 Euro.

Walser in Tel Aviv

»Längst schon ist die lustvoll heteronome Verwendung von ‚Antisemitismus’ als Parole im vermeintlichen Kampf gegen den Antisemitismus in eine ‚fürchterliche Epidemie, wie die Cholera’ umgeschlagen«. Es sind markige Worte, mit denen Moshe Zuckermann in seinem neuen Buch Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument die KritikerInnen des Antisemitismus geißelt. Er verwendet dazu eine Metapher des Historikers Theodor Mommsen, die dieser in den 1880er Jahren auf den Antisemitismus bezogen hatte. Denn für Zuckermann ist das »Totschlag-Ideologem« des Anti-Antisemitismus dem Antisemitismus in vielerlei Hinsicht ebenbürtig: »An Niedertracht steht dabei der skrupellose Antisemitismus-Vorwurf der herkömmlichen antisemitischen Besudelung des Juden in nichts nach«.

Man möchte Zuckermanns Pamphlet schon kopfschüttelnd als abwegig beiseite legen, da formuliert er doch noch eine Frage, die auch schon viele der gescholtenen KritikerInnen des Antisemitismus bewegt hat: »..wie sich das genuine Entsetzen (über Auschwitz, C.S.) zum Fetisch verfestigen konnte und wie sich die hohe Moral zur bloßen Worthülse verdinglichte.« Es ist ja richtig: Insbesondere in Deutschland ist das Gedenken an Auschwitz zu einer Form der Staatsraison geworden, die nicht nur mit dem neuen deutschen Nationalismus kompatibel ist, sondern auch mit Kritik an Israel: »Gerade wir als Freunde...«

Doch der als scharfer Kritiker Israels bekannt gewordene deutsch-israelische Professor will auf etwas anderes hinaus. Zuckermann nimmt sich die »Antisemitismusbekämpfer« und »Israelfreunde« vor und bezeichnet sie

als »Keulenschwinger«. Argumentativ und sprachlich rückt er sich damit in die Nähe von Martin Walser, einem der bedeutendsten Protagonisten jenes postnazistischen deutschen Selbstbewusstseins, das vom Mord an den Jüdinnen und Juden nichts mehr hören will. Walser hatte einst bei seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche gesagt: »Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung«. Diese Worte, mit denen Walser sich gegen die angebliche »Dauerrepräsentation unserer Schande« verwahrte, könnten bruchlos in Zuckermanns Buch stehen. Das ist keine Unterstellung in polemischer Absicht, es ist die traurige Wahrheit.

Für Zuckermann ist heutiger Antisemitismus eine quantité négligeable, er befindet, Fremdenhass und Rassismus dürften »zweifellos größere Dringlichkeit beanspruchen«. Er beklagt, dass es anders sei, und weiß einen Grund dafür: »Der kleinste antisemitische Ausfall darf sich sofortiger öffentlicher Aufmerksamkeit gewiss sein, wo mörderische Gewaltakte gegen Asylanten, Zuwanderer und sonstige Fremde unaufgeregt (...) registriert werden. Warum? Weil es Auschwitz gegeben hat.« Zuckermann hält die Aufmerksamkeit für Antisemitismus für eine bloße »instrumentelle Funktionalisierung von Auschwitz«. Auch hiermit ist er nicht weit weg von Walser.

Dass die Aufmerksamkeit für antisemitische Vorfälle (die so groß ohnehin nicht ist) eine zwingende Folge von Auschwitz ist, auf diesen Gedanken kommt Zuckermann nicht. Die deutsche Gesellschaft ist insgesamt zwar weit entfernt von Adornos kategorischem Imperativ, »Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.« Doch wenigstens in Teilen der politischen Klasse, der Wissenschaft und auch der Linken ist dieser Imperativ handlungsleitend, er führt bei ihnen zu hoher Aufmerksamkeit für Äußerungen und Handlungen, die als antisemitisch kritisiert werden. Wo Antisemitismus beginnt, ob Israelfeindschaft bereits eine seiner Ausprägungen ist, darüber ließe sich ja streiten. Doch das will Zuckermann gar nicht, er hat sein Urteil schon gefällt: Für ihn hat »der unbeschwerte Vorwurf des Antisemitismus eher mit den projektiven Bedürfnissen des Geißelnden als mit der realen Gesinnung des Gegeißelten zu tun«. Das ist wahrlich ein Totschlagargument, damit ließe sich auch jede Kritik des Rassismus abtun.

Die für eine triftige Kritik der Antisemitismuskritik entscheidenden Fragen wären: Was ist Antisemitismus, welche Gestalt nimmt er heute an, und wie sähe eine adäquate Kritik der heutigen Formen aus? Doch damit befasst Zuckermann sich nicht, er hat nicht mehr als schlechte Polemik zu bieten: »Die Shoah gerät leicht zum ideologischen Fetisch, wenn man in jedem Gepöbel eines Neonazis, in jeder Auslassung eines liberalen Wahlkämpfers gleich die Heraufkunft des Vierten Reiches gewahrt, vor allem aber Auschwitz dabei im Munde führt, als rede man über den gestrigen Wetterbericht.«

Für Zuckermann liegen bekämpfenswerte Formen des Antisemitismus offenbar erst dann vor, wenn sie eliminatorisch sind. Diese verortet er ausschließlich in der Vergangenheit, und folgerichtig weigert er sich, im verbreiteten Hass auf Israel eine Form des modernen Antisemitismus zu sehen. Die »Zionismus- bzw. Israelfeindschaft« in der islamischen Welt hält er für eine bloße Folge des Nahostkonflikts, den er auf einen »politischen Territorialkonflikt« verkleinert. Das iranische Regime, dem die Holocaustleugnung zur Staatsdoktrin geworden ist und das antisemitische Terrorgruppen unterstützt, verharmlost er als »reaktionär«.

Es sei Zuckermann unbenommen, die israelische Politik für grundfalsch zu halten. Doch warum mündet das bei ihm in die Exkulpation gewalttätiger Feinde Israels und erklärter AntisemitInnen? Andere KritikerInnen der israelischen Besatzungspolitik wie etwa Micha Brumlik vermeiden dies. Brumlik gab einst eine Definition des Antisemitismus, die in der Auseinandersetzung um Israels Politik für die notwendige Trennschärfe sorgt: »Der Antisemitismus beginnt dort, wo das von Juden begangene Unrecht stärker gewichtet, gefürchtet und bekämpft wird als das Unrecht anderer.« Doch ein solch hellsichtiges Verständnis von Antisemitismus liegt Zuckermann fern, rückt es doch allzu viele »Israelkritiker« in ein schlechtes Licht.

Auf welch tönernen Füßen Zuckermanns Anklageschrift gegen den Antisemitismusvorwurf und dessen angebliche Herrschaftsförmigkeit steht, verdeutlichen die von ihm ausführlich präsentierten Beispiele aus Deutschland. Im Oktober 2009 hatten antiimperialistische AktivistInnen in Hamburg die Aufführung von Claude Lanzmanns Film Warum Israel verhindert. AugenzeugInnen zufolge seien dabei auch die Worte »Judenschweine« gerufen worden. Zahlreiche Intellektuelle wandten sich daraufhin in einem Aufruf gegen »antisemitische Filmzensur« und gegen linken Antisemitismus. Zuckermann hat dafür nur Vokabeln wie »ausufernde Hysterie« und »selbstgefälliger Schaum« übrig.

Als weiterer Beleg gelten ihm die Geschehnisse um den US-amerikanischen Publizisten Norman Finkelstein im Dezember 2009. Finkelstein hatte einst die Behauptung in die Welt gesetzt, Israel habe eine »Holocaustindustrie« erschaffen, um damit Unterstützung für seine Politik zu erpressen. Seither wird er weltweit in rechtsextremen und anderen antisemitischen Kreisen als Kronzeuge beansprucht. Ausgerechnet die Rosa-Luxemburg-Stiftung wollte einen Vortrag von ihm in Berlin mitveranstalten und zog erst nach heftigen internen und externen Protesten die Unterstützung zurück. Zuckermann hält die »hetzkampagnenartig orchestrierte« Ausladung für »Zensur« und »Aggression«. Kein Wort verliert er hingegen darüber, dass nicht nur in der Linkspartei »Israelkritik« gang und gäbe, sondern sie in allen europäischen Öffentlichkeiten längst Mehrheitsposition ist.

Doch wer nicht einmal empirisch stichhaltig argumentiert, hat auch zur Beantwortung der Frage, welche angemessenen Formen des Sprechens über Antisemitismus und über Auschwitz es gibt, nichts von Belang zu sagen. Der von Zuckermann viel bemühte Adorno war sich über die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden in Worte zu fassen, bewusst: »Über Auschwitz läßt sich sprachlich nicht gut schreiben; auf Differenziertheit ist zu verzichten, wenn man deren Regungen treu bleiben will, und doch fügt man mit dem Verzicht wiederum der allgemeinen Rückbildung sich ein.« Diese Worte könnten auch für das Sprechen über Antisemitismus gelten, und sie skizzieren in aller Knappheit einen Widerspruch, dem Zuckermann mit einem ganzen Buch zu entgehen versucht.

Christian Stock

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